Dresden 13. Februar
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13. Februar: Warum wir nicht immer vom Krieg erzählen sollten

Die Erinnerung an den 13. Februar 1945 taugt für manches, aber nicht als Hoffnungszeichen für ein baldiges Kriegsende in Europa. Ein Kommentar.

Von Karin Großmann
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Was es bei der Zerstörung Dresdens zu instrumentalisieren gibt, ist durch. Benutzung verboten, meint Sächsische.de-Autorin Karin Großmann.
Was es bei der Zerstörung Dresdens zu instrumentalisieren gibt, ist durch. Benutzung verboten, meint Sächsische.de-Autorin Karin Großmann. © dpa

Zu gräulich heruntergestoßen liegt die Stadt und hat dazu niemand, der sie tröstet. So singt es der Dresdner Kreuzchor jedes Jahr vor dem 13. Februar. Der Kreuzkantor Rudolf Mauersberger schrieb die Klagemusik 1945 zu Hause in seiner erzgebirgischen Heimat. Er war aus Dresden geflohen, aber er hatte Dresden vor Augen.

Es könnte beinahe jede andere zerbombte Stadt sein. Immer steht ein heller Himmel gespenstisch in leeren Fensterhöhlen. Immer läuft eine Frau im schweren Mantel mit einem Bündel Kind im Arm weg. Immer liegt im Schuttberg aus Dachziegeln, Brettern, Steinen ein absurd heil gebliebener Alltagsrest. Eine Lieblingstasse vielleicht. Auch die Puppe mit dem Riss quer durchs Gesicht ist ein schmerzlich vertrautes Bild.

Kriege lassen sich nicht vergleichen? Natürlich nicht. Jeder ist einzigartig grausam. Kriege lassen sich nicht verhindern? Nein. Diese Erfahrung ist jahrhundertealt. Ebenso alt wie die Hoffnung, es könnte dieses Mal anders sein. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts könnten etwas gelernt haben aus den vielen falschen Entscheidungen der Vergangenheit.

Wir könnten vernünftiger und toleranter geworden sein, so die Hoffnung. Irgendwie besser. Für den Einzelnen und die Einzelne mag das gelten im Kleinen und im Privaten. Im Großen und Ganzen nicht. Da läuft die Maschine der Gewalt und läuft und reproduziert die archaischen Vorstellungen von Macht wie eh und je.

Unsere Augen sind finster geworden

Der Gedanke ans Nachgeben scheint undenkbar zu sein. Jedenfalls an den langen Tischen, wo über Geschichte entschieden wird. Die Militärgeschichte wird im Museum ausgestellt: Wie sie alle Bereiche des Lebens durchdringt. Und jedes Leben ist mit einem anderen verbunden. Jetzt ertönt im hiesigen Morgenradio ukrainischer Pop, von dem jenseits des Landes kaum jemand wusste, dass es ihn gibt.

Man wird im Museum anbauen müssen für das Todesröcheln der Gegenwart und die schwer rollenden Kampfkatzen. Für Politikerinnen, die nun auch ihren Mann stehen und bedauerlicherweise nichts besser machen.

Unsere Augen sind finster geworden, singt der Kreuzchor jedes Jahr vor dem 13. Februar. Die Finsternis kommt aus der Trauer und aus dem Gefühl der Ohnmacht. Auch Zorn wäre denkbar. Denn alle Gebete und Entbehrungen haben nichts genützt. Nichts die Nächte im Keller bei flackerndem Licht. Nichts die Überlebenstricks mit gerösteten Kartoffelschalen als Kaffeeersatz. Alles für die Katz. Wohl dem, der eine Mühle hat. Die finsteren Augen sehen eine Welt ohne Zukunft. Eine Welt mit Gefechtshelmen. Hergestellt aus aromatischen Polyamiden, Kurzwort: Aramide. Ideal für den Einsatzfall, wahlweise mit wendbarem Flecktarn.

Erst Helme, dann Waffen, dann Panzer, dann Schiffe, dann Flugzeuge, dann Raketen, dann nuklearfähiger Hyperschall und wer weiß was noch. Gerade in diesem Jahr, heißt es, sei der 13. Februar ein Anlass, an den Frieden zu denken. An Frieden? Auf eine solche Idee können Zyniker kommen. Was es bei der Zerstörung Dresdens zu instrumentalisieren gibt, ist durch. Benutzung verboten.

Jedes Jahr vor dem 13. Februar singt der Kreuzchor: Ist das die Stadt, von der man sagt, sie sei die allerschönste, der sich das ganze Land freuet. Am Satzende steht kein Fragezeichen. Sie sei die allerschönste gewesen, hätte es 1945 heißen sollen. Das konnte der biblische Urtext nicht wissen. Selbstüberhöhung erscheint da noch nicht suspekt. Aber sie passt zu Dresden.

Die Trauermotette von Mauersberger erklang in der ersten Vesper der Kreuzkirche nach dem Ende des Krieges. Also nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Weltkriege werden durchnummeriert. Als seien Gewalterfahrungen so zählbar wie einst die Abschussringe am Rohr der Flak. Als seien andere Kriege nicht der Erwähnung wert. Als könnte nicht jeder Krieg die ganze Welt mitreißen bis ins Verlöschen und Verschwinden allen Lebens, und heute erst recht, da die geopolitische Ordnung gründlich auseinanderkracht. Das Wort Artensterben meint Elefant, Tiger & Co. Einige Stämme von Ureinwohnern können sich mitgemeint fühlen. Sämtliche Insekten sowieso. Aber wir doch nicht?

Der hohle Klang des "Nie wieder!"

Wenn der Kreuzchor von der Stadt singt, die so wüst liegt, dass man sie nicht wiedererkennt, ertönt danach die tiefste Glocke der Kreuzkirche. Sie stammt aus der Apoldaer Glockengießerei Schilling und gehörte nicht zur „Metallspende des deutschen Volkes“ wie viele andere. Innerhalb von fünf Monaten sollen etwa 102.000 Glocken von deutschen Türmen geholt werden sein. Die Rüstungsindustrie des sogenannten Dritten Reiches verarbeitete auch Kirchenglocken aus besetzten Ländern zu Panzern und Munition, allein 94 Prozent aller mährischen Glocken.

Es ist ein Symbol, wenn das Geläut verstummt. Dann bleibt die Zeit stehen. Der Ruf zum Gottesdienst fällt aus. Es ist auch ein Symbol, wenn die Glocken in Dresden in der Nacht des 13. Februar minutenlang läuten zur Erinnerung an die Toten und den Lebenden zur Mahnung. Nie wieder! Doch dieses Nie-wieder wurde schon so oft beschworen, dass es beinahe hohl klingt. Der hohle Klang macht misstrauisch.

Seit Menschen einander Geschichten erzählen, erzählen Menschen einander vom Krieg. Wie wär’s mal mit dem Thema Frieden?