Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Dresden
Merken

Die vergessene Dresdner Heldin: Marie-Simon-Grab erneuert

Die Frau, deren 200. Geburtstag 2024 gefeiert wird, war ihrer Zeit in vielen Belangen voraus. Marie Simon zog auf Schlachtfelder, um dort Verwundete zu pflegen. Auf dem Dresdner Trinitatisfriedhof ist ihr Grab dank des DRK nun restauriert.

Von Kay Haufe
 4 Min.
Teilen
Folgen
NEU!
Das lange unbekannte Grab von Marie Simon auf dem Trinitatisfriedhof konnte dank vieler Unterstützer erneuert werden.
Das lange unbekannte Grab von Marie Simon auf dem Trinitatisfriedhof konnte dank vieler Unterstützer erneuert werden. © Christian Juppe

Dresden. Man könnte ihr viele Adjektive zuordnen. Unerschrocken, durchsetzungsstark, einfühlsam, aber hilfsbereit beschreibt den Charakter Marie Simon wohl besonders gut. Doch wer war diese Frau, deren Namen heute kaum noch jemand kennt? Dabei war sie zu ihrer Zeit, Simon lebte von 1824 bis 1877, eine überaus geachtete Dresdner Persönlichkeit, eine Kaufmannsfrau, die als Krankenpflegerin das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Sachsen mit aufbaute.

Zum Tag der Pflegenden am Freitag hat das DRK an die Wegbereiterin der modernen Krankenpflege aus Sachsen erinnert. Lange war unbekannt, dass sich ihr Grab auf dem Johannstädter Trinitatisfriedhof befindet und noch erhalten ist. Erst durch Nachforschungen des DRK konnte es ermittelt werden.

Ruhestätte von Dresdnerin Marie Simon wurde neu aufgebaut und restauriert

Dank finanzieller Unterstützung des Stadtbezirksbeirates Altstadt, des Kulturamtes und des DRK konnte die Ruhestätte neu aufgebaut und restauriert werden. Am Freitag wurde auch ein kleiner Gedenkstein enthüllt, auf dem das DRK Informationen zu Marie Simon vermittelt.

"Es war nicht einfach, die Grabanlage wieder aufzubauen", sagt Friedhofsverwalterin Beatrice Teichmann. Die rückwärtige Wand hatte sich gelöst und drohte einzustürzen, Salze hatten den Stein beschädigt, die Schrift war nicht mehr lesbar. "Wir mussten die Anlage bis auf den unteren Sockel abbauen und erneuern." Inzwischen sorgen auch Wasserspeier dafür, dass Regenwasser nicht mehr zwischen die Wände läuft. Rund 19.000 Euro waren für die Arbeiten nötig.

"Wir sind sehr dankbar, dass wir mithilfe vieler Unterstützer dieses Grab erneuern konnten. Wir wussten vorher gar nichts über Marie Simon und mussten erst Archivanfragen stellen."

Publizist arbeitet an Biografie über Marie Simon

Der Publizist Jürgen Helfrich will mithelfen, dass künftig wieder mehr Menschen etwas mit dem Namen Marie Simon verbinden. Er arbeitet im Auftrag des DRK an einer Biografie über die sorbische Frau, die unehelich nahe Bautzen geboren wurde und später geschieden war. "Diese biografischen Eckdaten zeigen, dass ihr späterer Werdegang nicht selbstverständlich war und begründen, warum sie eine vergessene Heldin ist", sagt DRK-Sprecher Kai Kranich.

Helfricht hat recherchiert, dass sie ein Weißwäsche-Geschäft am Altmarkt führte, dass sie von ihrem zweiten Ehemann übernommen hatte. Doch ungeachtet dieser Tätigkeit zog Simon 1866 auf die Schlachtfelder von Königgrätz, wo sie 17 Wochen lang Verwundete versorgte und Sterbende tröstete, ohne Ansehen ihrer Person. Auch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 war sie im Einsatz. Ihre Pflegekenntnisse hatte sich Marie Simon weitgehend autodidaktisch angeeignet.

Später wurde sie von der sächsischen Kronprinzessin Carola in das Direktorium des Albert-Vereins berufen. Dieser war 1867 als Vorläufer des DRK gegründet worden. Die Frauen des Vereins, die Kranke und Verwundete pflegten, nannten sich Albertinerinnen, später auch Rote-Kreuz-Schwestern. Königin Carola übertrug Marie Simon die Aufsicht über die Krankenpflegerinnen und die Leitung der Armenkrankenpflege.

Simon widmete sich insbesondere der Ausbildung von Pflegekräften und gründete in Loschwitz auf der Wunderlichstraße ihr eigenes Institut, die Invalidenheilstätte. Dort wurden auch Pflegerinnen ausgebildet. Simon schreib auch ein Buch "Die Krankenpflege." Laut DRK-Sprecher Kai Kranich, der Historiker ist, ist Simon die Wegbereiterin der modernen Krankenpflege.

DRK-Sprecher Kai Kranich zeigt den neuen Gedenkstein am Grab von Marie Simon. Nach Flüchtlingskrise und Corona-Pandemie kann der promovierte Historiker gute Nachrichten zur Ehrung einer vergessenen, aber bewundernswerten Frau überbringen.
DRK-Sprecher Kai Kranich zeigt den neuen Gedenkstein am Grab von Marie Simon. Nach Flüchtlingskrise und Corona-Pandemie kann der promovierte Historiker gute Nachrichten zur Ehrung einer vergessenen, aber bewundernswerten Frau überbringen. © Christian Juppe

1877 starb Marie Simon mit 52 Jahren in der Loschwitzer Heilstätte. Ihre letzte Ruhe hat sie in der Gruft einer Adligen gefunden, die in den Heilstätten betreut wurde und dort gestorben ist. Heute ist eine Straße in Loschwitz nach Marie Simon benannt. Die Biografie über sie soll 2024 veröffentlicht werden.

Auch Grab von Lili Elbe gerettet

Für Beatrice Teichmann ist es nicht das erste Grab einer wichtigen Persönlichkeit auf dem Trinitatisfriedhof, das durch die Hilfe vieler Menschen restauriert werden konnte. Im Jahr 2016 überzeugte die Friedhofsverwalterin die US-amerikanische Filmproduktions- und Verleihgesellschaft Focus Features, die Kosten von 4.600 Dollar für eine bildhauerische Neugestaltung des Grabsteines von Lili Elbe zu übernehmen.

Die Firma hatte den Film "The Danish Girl" über das Leben von Lili Elbe produziert, Hauptdarsteller Eddie Redmayne erhielt einen Oscar für seine Darstellung der Dänin. Sie wurde 1882 als Einar Mogens Wegener sowohl mit männlichen als auch mit weiblichen Organen geboren und gilt als erster intersexueller Mensch. In Berlin und Dresden unterzog sie sich geschlechtsangleichenden Operationen, in deren Folge sie jedoch 1931 starb. Auf dem Trinitatisfriedhof fand sie ihre letzte Ruhestätte.

Anlässlich des Internationalen Tages gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit wird am kommenden Mittwoch eine Johannstädter Straße nach Lili Elbe benannt. Sie geht von der Gerokstraße ab und verläuft parallel zur Arnoldstraße. Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) lädt am 17. Mai um 17 Uhr die Dresdner zur feierlichen Einweihung an die Ecke an die Lili-Elbe-Straße / Ecke Gerokstraße ein.