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Warum wird in Klotzsche häufiger Alkohol getrunken als in Gorbitz?

Klotzsche ist beim regelmäßigen Alkoholkonsum Spitzenreiter in Dresden, wie eine neue Umfrage zeigt. Warum ist das so? Sächsische.de hat mit Kristin Ferse und Katrin Arnold von der Suchthilfe-Koordination gesprochen.

Von Sandro Pohl-Rahrisch
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Trink- und Rauchgewohnheiten sind in Dresden von Stadtteil zu Stadtteil zum Teil sehr verschieden.
Trink- und Rauchgewohnheiten sind in Dresden von Stadtteil zu Stadtteil zum Teil sehr verschieden. © picture alliance/Alexander Heinl/dpa

Dresden. Die Zahl der Alkohol-abstinenten Dresdner hat in den vergangenen zwei Jahren zugenommen. Dass immer noch über 60 Prozent der Einwohner mehrmals wöchentlich zu Bier, Wein und Schnaps greifen, sei jedoch kein gutes Zeichen, sagen Kristin Ferse und Katrin Arnold von der Dresdner Suchthilfe-Koordination. Sächsische.de hat mit ihnen über die unterschiedlichen Trinkgewohnheiten in den Stadtteilen gesprochen, die Corona-Auswirkungen, aber auch das Rauchen bei Jugendlichen.

Frau Dr. Ferse, Frau Arnold, Corona führt zu mehr Alkoholkonsum, ist während der Pandemie spekuliert worden. In Dresden ist die Zahl der Abstinenzler dagegen auf 15 Prozent gestiegen. Überrascht Sie das?

Ja. Während der Pandemie gab es Container, vor denen massenweise leere Flaschen standen – obwohl die Müllabfuhr funktioniert hat. Wir denken, dass damit der häusliche Alkoholkonsum sichtbar geworden ist. Gleichzeitig hat aber der Konsum in den Gaststätten nicht stattgefunden, außerdem haben Trinkgelegenheiten gefehlt, zum Beispiel vor Fußballspielen oder in Clubs. Beides hat sich wahrscheinlich ausgeglichen.

Wenn wir uns Dresden im Deutschland-Vergleich anschauen, stehen wir schlecht da. Laut der Krankenkasse Barmer gibt es in Dresden überdurchschnittlich viele Menschen mit Suchterkrankungen. Etwa 23 von 1.000 Menschen sind demnach betroffen – 25 Prozent über dem bundesweiten Durchschnitt.

In Klotzsche, Loschwitz, Blasewitz zum Beispiel trinken überdurchschnittlich viele Menschen mindestens vier Mal pro Woche Alkohol, in Leuben, Prohlis und Gorbitz etwa sind es unterdurchschnittlich viele. Wie erklären Sie sich das?

Es geht uns nicht darum, einzelne Stadtteile schlecht zu machen oder besonders positiv hervorzuheben. Aber Religiosität und Armut stehen in Zusammenhang damit, dass weniger trunken wird. Insofern lassen sich die Ergebnisse für Prohlis und Gorbitz auch durch Geld und Migrationshintergrund in den Stadtteilen erklären. Je mehr die Menschen beruflich integriert sind und gut verdienen, umso häufiger wird Alkohol konsumiert. Ob es der gute Wein, der Bio-Wein oder der aus Spanien mitgebrachte Wein ist, spielt keine Rolle. Der Konsum ist höher. Klotzsche ist da Spitzenreiter.

Jedes Glas Alkohol ist zu viel, sagt die Weltgesundheitsorganisation. Es ist und bleibt ein Zellgift. Aber in Deutschland kann man das kaum aussprechen.

Wie verbreitet ist das Rauchen in Dresden?

Grundsätzlich liegen Sachsen und Dresden erfreulicherweise über dem bundesweiten Nichtraucher-Durchschnitt. Der Anteil der Nichtraucher war in der Corona-Zeit zurückgegangen. In der Pandemie fingen also mehr Leute an, wieder zu rauchen.

Jetzt ist der Nichtraucher-Anteil wieder gestiegen, er liegt bei 82 Prozent, und hat damit fast unseren Bestwert von 2018 erreicht, als es 83 Prozent waren. Insofern können wir mit der Entwicklung zufrieden sein. Einen großen Anteil daran hat das Nichtraucherschutz-Gesetz mit seinen Verboten, an bestimmten Orten zu rauchen. Dass man im Alter weniger raucht, ist logisch. Das Gesetz hat aber dazu geführt, dass weniger Junge damit angefangen haben.

Insbesondere bei jüngeren Dresdnerinnen und Dresdnern - das ist der Wermutstropfen - steigt allerdings der Konsum von sogenannten E-Inhalationsprodukten, also die Nutzung von E-Zigaretten, E-Shishas und ähnlichem. Der Anteil der Nutzer ist seit der letzten Bürgerumfrage von drei auf fünf Prozent angestiegen. Neben anderen gesundheitsschädlichen Inhaltsstoffen ist auch hier meist Nikotin enthalten, das abhängig machen kann. Deshalb beobachten wir diese Entwicklung mit Sorge.

Bei den Jüngeren, Schülern und Studenten etwa, ist das klassische Tabakrauchen noch relativ verbreitet. 19 Prozent tun dies in dieser Gruppe, wie aus der Bürgerumfrage hervorgeht. Gibt es dort zu wenig Aufklärung?

Wir sind da auch unzufrieden. Wir wissen, dass die ersten Substanzen, zu denen man im Leben greift, Alkohol und Zigaretten sind. Mit diesem Jugend-typischen Cliquenverhalten fängt es an. Aber die Prävention muss laut Schulgesetz der Schulleiter umsetzen.

Oft spielen an den Schulen aber illegale Drogen eine größere Rolle bei der Prävention. Wir haben die Sorge, dass unter Jugendlichen noch mehr geraucht wird, wenn Cannabis legalisiert wird. Deshalb fordern wir, dass der Cannabiskonsum genauso unter das Nichtraucherschutz-Gesetz fallen muss wie der von Tabak.

Was auffällt: In Gorbitz soll sich laut Umfrage die Zahl der regelmäßigen Raucher innerhalb von zwei Jahren vervierfacht haben, in Prohlis dagegen mehr als halbiert. Was steckt hinter diesen Ergebnissen?

Wir können hier nur spekulieren. Was wir wissen: Je geringer das Einkommen ist, umso mehr wird geraucht. Bei Alkohol ist es ja umgekehrt: Je mehr man verdient, umso mehr wird getrunken. Das würde die Entwicklung in Gorbitz mit erklären. Wir wissen, dass das Durchschnittseinkommen dort sehr niedrig ist, verglichen mit anderen Stadtteilen.

Das gilt zwar auch für Prohlis, wo weniger Menschen rauchen. Dort leben aber mehr Ältere, von denen wir wissen, dass nur wenige von ihnen rauchen. Es spielt also nicht nur das Einkommen mit hinein, sondern auch das Alter. Wir vermuten, dass Veränderungen in der Zusammensetzung der Bewohnerschaft die beschriebenen Entwicklungen in den Stadtteilen erklären.

Weitere Informationen und Kontakte zu Suchtberatungsstellen erhalten Sie unter www.dresden.de/sucht.

Am 15. März findet von 14 bis 18 Uhr im Kulturpalast der Tag des Gesundheitsamtes statt. Dabei werden an Ständen unter anderem Angebote zur Suchtprävention vorgestellt.