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Kranke Zähne – schwaches Herz

Bei bestimmten körperlichen Beschwerden lohnt auch ein Blick in den Mund, sagt eine Dresdner Ärztin - und klärt Patienten am Samstag auf.

Lieber öfter zum Zahnarzt: Ist hier etwas faul, kann sich das auf den restlichen Körper auswirken.
Lieber öfter zum Zahnarzt: Ist hier etwas faul, kann sich das auf den restlichen Körper auswirken. © dpa/Julian Stratenschulte (Symbolfoto)

Krankes Zahnfleisch, entzündete Zahnwurzeln oder Karies bedeuten für die meisten zunächst nur Schmerzen. Dass Entzündungen im Mund Auswirkungen auf den ganzen Körper haben können, ist dagegen nur wenigen bewusst, bemerken die sächsischen Zahnärzte immer wieder. Deshalb wollen sie verstärkt darüber aufklären – zum Beispiel in der Patientenakademie am 10. Oktober in Dresden.

Das hat einen besonderen Grund: Der Anteil der Menschen mit Zahnfleischproblemen ist im Freistaat deutschlandweit am höchsten, wie der Barmer Zahnreport belegt. Wie Zahn und Körper zusammenhängen, wollte die SZ von der Ärztin und Zahnärztin Dr. Ellen John aus Dresden wissen.

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Frau Dr. John, welche körperlichen Beschwerden lassen vermuten, dass da ein kranker Zahn dahintersteckt?

Zum Beispiel rheumatoide Beschwerden, entgleisende Blutzuckerwerte oder auch Herzprobleme – in vielen Fällen liegen versteckte Entzündungen vor. Die Bakterien gelangen über die Blutbahn an bestimmte Organe, zum Beispiel die Herzklappe oder den Herzmuskel, und können dort Schäden anrichten. Besonders bei einer Sepsis – einer Blutvergiftung – oder einer Herzmuskelentzündung sollte man auch an die Zähne als Ursache denken. 

Es gibt drei primäre Herde, von denen Entzündungen mit weitreichender Wirkung auf den ganzen Körper ausgehen: der Urogenitaltrakt, der Hals-Nasen-Ohren-Bereich und die Zähne. Umgedreht können körperliche Beschwerden auch Probleme an den Zähnen auslösen. Das merke ich zum Beispiel an massiven Wundheilungsstörungen bei vergleichsweise kleinen Eingriffen. Dafür kann etwa ein schlecht eingestellter Diabetes die Ursache sein.

Wie ist es möglich, dass kranke Zähne über so lange Zeit körperliche Beschwerden auslösen? Haben die Menschen denn keine Zahnschmerzen?

Offensichtlich nicht. Das liegt aber auch oft daran, dass manche Menschen wegen chronischer Schmerzzustände in anderen Bereichen des Körpers Schmerzmittel einnehmen – oder ASS zur Blutverdünnung. ASS hat auch eine schmerzlindernde Wirkung. Epilepsiemedikamente können ebenso die Schmerzschwelle anheben. Wir wundern uns auch manchmal, wenn wir sehr bedenkliche Zustände im Mund sehen, dass das nicht eher bemerkt wurde.

Sie sagen, Zähne und Gesundheit gehören zusammen. Gibt es Zähne, die für Beschwerden an bestimmten Organen verantwortlich sind? Viele kennen zum Beispiel den Augenzahn.

Die Schulmedizin verneint das, aber ganzheitliche Zahnmediziner haben da ganz genaue Zuordnungen. Ich bin klassische Schulmedizinerin. Doch auch ich habe schon festgestellt, dass ich nach gründlichster Diagnostik mit bildgebenden Verfahren, Blutuntersuchung, Befragung und körperlicher Untersuchung für manche Beschwerden keine Erklärung finde. Dann empfehle ich auch mal den Besuch beim Heilpraktiker, der solche Zusammenhänge kennt.

Dr. Ellen John ist Zahnärztin und Fachärztin für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie in Dresden.
Dr. Ellen John ist Zahnärztin und Fachärztin für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie in Dresden. © Zahnärztekammer

Sind Sie da eine Ausnahme? Die meisten Schulmediziner lehnen Heilpraktiker doch komplett ab.

Mir geht es immer um das Wohl des Patienten. Manche Heilpraktiker sind so verantwortungsbewusst, dass sie auch Schulmediziner mit einbeziehen, wenn das Beschwerdebild des Patienten es erfordert. Umgedreht gilt das für mich auch , doch nicht ohne Einschränkungen. Wenn ein Heilpraktiker Krebs ausschließlich mit Globuli behandeln will, ist das Körperverletzung. Aber eine Umstellung der Lebensweise oder die Berücksichtigung bestimmter Unverträglichkeiten können oft sehr viel bringen.

Durch kranke Zähne können Bakterien in die Blutbahn gelangen und Organe schädigen, sagen Sie. Aber bei Zahnbehandlungen kommt es doch auch zu Verletzungen?

Das ist richtig. Ob Zahnsteinentfernung oder Überkronung eines Zahnes: Ohne dass das Zahnfleisch blutet, geht das selten. Selbst eine Spritze kann Mikroverletzungen verursachen, in die Bakterien eindringen können. Hygiene ist deshalb bei zahnmedizinischen Eingriffen das oberste Gebot – schon immer, nicht erst seit Corona. Vieles kann ein intaktes Immunsystem abwehren. Aber manche Patienten sind hier auch besonders gefährdet. Organtransplantierte zum Beispiel, aber auch Patienten mit einer künstlichen Herzklappe. Das wird in der Anamnese erfragt, manche haben auch einen speziellen Pass für ihre Erkrankung, den sie vor der Zahnbehandlung vorlegen. Sie bekommen dann vor größeren Zahnbehandlungen eine Antibiotikaprophylaxe, um Entzündungen zu vermeiden.

Viele Sachsen haben Probleme mit dem Zahnfleisch. Warum hat diese Erkrankung so zugenommen?

Das hat natürlich auch etwas mit dem Alter zu tun, das in Sachsen über dem Bundesdurchschnitt liegt. Im Alter ist das Immunsystem schwächer. Entzündetes Zahnfleisch ist für mich immer ein Zeichen, dass das Immunsystem nicht mehr optimal funktioniert. Der Anstieg dieser Erkrankungen hat aber auch mit unseren Ernährungsgewohnheiten zu tun. Wir essen heute nicht mehr so faserreich wie früher, nehmen mehr Zucker und Säuren zu uns und essen auch öfter am Tag, sodass sich die Mundschleimhaut nicht von den Säureangriffen erholen kann. Und wer Probleme mit dem Zahnfleisch hat, putzt schlechter, weil das ja weh tut und oft auch blutet. Keime werden also nicht so gut entfernt – ein Teufelskreis.

Was kann man tun, um Zähne und Zahnfleisch möglichst lange gesund zu erhalten?

Eine gute Mundhygiene und ein gesundes Essverhalten sind hier an erster Stelle zu nennen. Zum Beispiel sollten zwischen den Mahlzeiten mehrere Stunden Pause sein, damit sich eine gesunde Mundflora aufbaut. Raucher sollten ihre Zähne besonders gründlich pflegen, da sie deutlich anfälliger für Zahnfleischerkrankungen sind als Nichtraucher. Alle halbe Jahre sollte man den Zahnarzt seines Vertrauens aufsuchen. Ich kenne viele meiner Patienten schon sehr lange, oft auch ihre Familienangehörigen. Da werde ich stutzig, wenn im Mund plötzlich Probleme auftreten. 

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Wer regelmäßig zur Kontrolle geht, sollte eigentlich keine riesengroßen Überraschungen erleben. Ferner empfehle ich auch Hausmittel für eine gesunde Mundflora. Zum Beispiel Salbeitee. Er ist sogar besser als Kamille, kann Entzündungen vorbeugen und die Mundschleimhaut neutralisieren. Er wird als Spülung verwendet, wobei der Tee mehrfach durch die Zähne gezogen werden sollte, um die Zahnzwischenräume zu säubern. Man kann den Tee wieder ausspucken, aber auch trinken. Salbeitee ist auch gut für die Rachenschleimhaut bei Husten und Heiserkeit.

Sollten nicht alle Zahnbehandlungen von den Kassen bezahlt werden? Eigenanteile senken doch eher die Bereitschaft, zum Zahnarzt zu gehen.

Alles bezahlt zu bekommen, ist keine Lösung. Gewisse Eigenanteile gehören dazu, damit das Ganze auch einen Wert hat. Im Jahr 30 nach der Wiedervereinigung sollte keiner mehr am früheren DDR-Denken festhalten, wo die Sozialversicherung alle Behandlungskosten übernahm. Private Vorsorge ist in allen Bereichen wichtig geworden, auch in der Gesundheit. Viel nachhaltiger finde ich aber Belohnungssysteme für regelmäßige Zahnarztbesuche. Seit Oktober wurde der Bonus für Zahnersatz erhöht. Wer sein Bonusheft kontinuierlich führt, bekommt jetzt einen Bonus von 20 oder gar 30 Prozent. Das Bonusheft ist genau der richtige Weg.

Patientenakademie: Unter dem Thema „Der Mensch und seine Zähne“ steht am Samstag, dem 10. Oktober, von 10 bis 13 Uhr die Patientenakademie der sächsischen Zahnärzte. Dr. Ellen John spricht über die Wechselbeziehung von Zähnen und Körper. Veranstaltungsort ist das Zahnärztehaus Dresden, Schützenhöhe 11. Der Eintritt ist frei.

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