Görlitz
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Nur noch jeder Fünfte gehört einer Kirche an

Die Missbrauchsvorwürfe erschüttern bundesweit die katholische Kirche und sorgen für viele Austritte. In Görlitz und Umgebung ist die Lage aber ganz anders.

Von Sebastian Beutler
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Die Kreuzwegprozession am Karfreitag durch die Görlitzer Alt- und Nikolaivorstadt ist eine der größten öffentlichen Zeugnisse der Kirchen in jedem Jahr.
Die Kreuzwegprozession am Karfreitag durch die Görlitzer Alt- und Nikolaivorstadt ist eine der größten öffentlichen Zeugnisse der Kirchen in jedem Jahr. ©  Archivfoto: Nikolai Schmidt

Seit Russlands Überfall auf die Ukraine sind die Kirchen besonders aktiv. Viele ihrer Mitglieder packen bei der Flüchtlingshilfe mit an, in Kirchen werden Hilfsmaterialien gesammelt, in manchen Gemeinden auch Notunterkünfte für sie eingerichtet.

Der katholische Bischof Wolfgang Ipolt betete bereits am 27. Februar in Guben für den Frieden in der Ukraine, auf der Görlitzer Altstadtbrücke kamen Christen aus Görlitz und Zgorzelec wenige Tage später mit dem gleichen Anliegen zusammen. In der Peterskirche wird sonntags mit einer musikalischen Andacht den Menschen der Ukraine gedacht.

Jetzt organisiert der katholische Pfarrer der Heilig-Kreuz-Gemeinde auch noch Gottesdienste für die ukrainischen Flüchtlinge.

Und bei der Friedensdemo am Sonntag auf dem Görlitzer Marienplatz sprachen ganz selbstverständlich der katholische Bischof von Görlitz, Wolfgang Ipolt, und die evangelische Generalsuperintendentin Theresa Rinecker zu den Versammelten.

Evangelische Kirche verliert Mitglieder

Diese Nachfrage nach christlicher Nächstenliebe sowie die christliche Prägung des öffentlichen Lebens beispielsweise mit Feiertagen ist umso bemerkenswerter als die beiden großen Konfessionen immer weniger Mitglieder verzeichnen und die katholische Kirche deutschlandweit von den Missbrauchsvorwürfen erschüttert wird. Doch in der Oberlausitz laufen diese Trends anders.

Bis 2004 gab es die Evangelische Kirche der schlesischen Oberlausitz in Görlitz. Dann fusionierte sie mit der Berliner Landeskirche zur Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Das frühere Görlitzer Kirchengebiet ist seit 2014 im Kirchenkreis schlesische Oberlausitz vereint und reicht von Görlitz bis Hoyerswerda und Ruhland. Bekannten sich 2007 noch 43.351 Menschen in diesem Gebiet zum evangelischen Glauben, so waren es 2021 nur noch 30.653. Das geht aus den neuesten Zahlen der Landeskirche hervor, die exklusiv für Sächsische.de zur Verfügung gestellt wurden. Im vergangenen Jahr nahm die Mitgliederzahl im Kirchenkreis Görlitz um 933 oder 2,9 Prozent ab, das war etwas besser als in der Landeskirche und etwas schlechter als im Schnitt der Evangelischen Kirche in Deutschland.

16 Prozent der Bevölkerung sind noch evangelisch

Da aber auch die Gesamtbevölkerung zurückging, nahm der Anteil der evangelischen Christen an der Bevölkerung weniger stark ab. Er sank von 21 auf jetzt 16,2 Prozent.

Die Gründe für diese Entwicklung liegen vor allem in einem Überschuss der Todesfälle gegenüber den Taufen, Corona hat diese Entwicklung noch einmal verschärft. Austritte spielen mit über 10.000 in der Landeskirche eine Rolle, im Görlitzer Kirchenkreis aber sind es mit 185 nur wenige, hier schlägt die demografische Entwicklung stärker zu Buche als beispielsweise in Berlin oder bundesweit.

Trotz der rückläufigen Zahlen bekennen sich im Görlitzer Kirchenkreis prozentual mehr Menschen zur Evangelischen Kirche als im Bereich der gesamten Landeskirche. Hier ging der Anteil der Protestanten an der Gesamtbevölkerung von knapp 19 Prozent auf jetzt 13,5 Prozent zurück. Insgesamt zählt die Landeskirche aktuell noch 862.582 Mitglieder, 2007 waren es noch 1,139 Millionen.

Polnische EU-Bürger stabilisieren das Bistum Görlitz

Anders sieht es bei der Katholischen Kirche aus: Das Bistum Görlitz konnte seine Mitgliederzahl in den vergangenen Jahren stabil halten, profitierte dabei aber vom Zuzug polnischer EU-Bürger. Vor allem in der Stadt Görlitz, aber auch in Guben ist dieser Trend zu beobachten. So verzeichnete das Bistum zuletzt mit 29.790 Mitgliedern ein paar mehr als im Jahr 2020. Doch reicht das Gebiet des Bistums von Görlitz bis Eisenhüttenstadt. Im Schnitt sind kaum mehr als zwei Prozent der Einwohner katholisch, doch gibt es Hochburgen wie Wittichenau oder Neuzelle. Auch in Görlitz liegt der Anteil höher.

Zusammen jedenfalls bekennen sich kaum noch 20 Prozent der Einwohner zu einer der beiden großen Konfessionen - deutschlandweit sind es noch knapp 50 Prozent.