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Sachsen

"Ein Bauchgrummeln ist dabei"

Nach wochenlanger Corona-Zwangspause dürfen Kinder nun wieder in die Krippen und Kindergärten. Für die Kitas eine enorme Aufgabe.

Bislang gab es in Sachsens Kitas nur Notbetreuung. Ab Montag sind die Einrichtungen wieder offen.
Bislang gab es in Sachsens Kitas nur Notbetreuung. Ab Montag sind die Einrichtungen wieder offen. © dpa

Von Christiane Raatz

Mittagszeit in der Dresdner Kita Pirolino: Eine Gruppe von Kindern sitzt auf kleinen Hockern um einen runden Tisch und lässt sich die Fischstäbchen schmecken. Nebenan im Raum wird schon gespielt und umhergeflitzt. Die Cafeteria, in der normalerweise die Kinder gemeinsam essen, steht leer. Jede Mini-Gruppe bleibt nach Möglichkeit in ihrem Zimmer. Noch ist es ungewöhnlich ruhig in der Kita. Gerade einmal 47 Jungen und Mädchen werden derzeit hier notbetreut. Ab Montag werden es gut dreimal so viele sein.

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Dann öffnen in Sachsen nach rund acht Wochen Corona-Zwangspause Kitas und Grundschulen. Einen Alltag wie zuvor wird es aber nicht geben. Die Schulklassen und Kita-Gruppen sollen streng getrennt voneinander lernen, spielen und essen - in festen Gruppen und festen Räumen. Damit sollen sich Infektionsketten besser nachverfolgen lassen. Zudem gelten strenge Hygiene-Regeln.

«Seit Tagen tun wir alles, was geht», sagt Kita-Leiterin Romy Müller. Mit Klebeband wurden Abstände auf dem Boden markiert, Dienstpläne geschrieben, Kollegen und Kinder den Räumen zugeordnet. Dabei sollen möglichst die Kleinen zusammen sein, die mittags noch schlafen. Denn durften sich die Kinder bisher aussuchen, ob sie ins Atelier, den Sport- oder Rollenspielraum gehen, müssen sie nun in einem Raum zusammen bleiben. «Wir haben die Räume umgestaltet, damit die Kinder in jedem Raum etwas von allem zum Spielen haben», sagt Müller.

Der Garten soll so abgeteilt werden, dass zumindest zwei Gruppen gleichzeitig an der frischen Luft spielen können. Das Konzept ist bisher so geplant, dass keine der Erzieherinnen krank oder im Urlaub ist. Es könne sein, dass sich an manchen Tagen auch nur eine Erzieherin um eine Kitagruppe kümmern könne, fürchtet Müller. Um die Vorgaben überhaupt umsetzen zu können, hat die Kita Pirolino ab Montag nur noch von 7.30 bis 15.30 Uhr geöffnet - dreieinhalb Stunden weniger als bisher.

Seitdem Kultusminister Christian Piwarz (CDU) in der vergangenen Woche die Pläne verkündete, laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die Kommunen stehen vor großen Herausforderungen. «Allein schon zu organisieren, dass alle getrennt essen können ist schwierig», sagte eine Sprecherin der Stadt Leipzig, in der es rund 180 kommunale Kitas gibt. Zudem dürfte die Zahl der Erzieher kaum ausreichen, so die Befürchtung. Neben Personalsorgen gibt es auch juristische Fragen: Viele Eltern haben Verträge über neun Stunden Betreuungszeit. «Was passiert, wenn wegen der verkürzter Öffnungszeiten diese nicht eingehalten werden können?», fragt die Sprecherin.

© dpa

An den Plänen des Freistaates hagelt es Kritik: Der sächsische Erzieherverband warnte vor Überlastung durch Mehrarbeit und Überstunden. Um die strikte Trennung einzuhalten könnten viele Einrichtungen in den nächsten Wochen an ihre personellen Grenzen geraten, so die Befürchtung. Der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hingegen geht die Öffnung an Kitas und Schulen zu insgesamt zu schnell. Den Einrichtungen sei eine Verantwortung übertragen worden, die sie an vielen Stellen nicht einhalten könnten, so die sächsische GEW-Vorsitzende Uschi Kruse. Das Land habe die bundesweit weitreichendste Öffnung von Kitas und Grundschulen verfügt und fahre eine andere Strategie als andere Bundesländer.

Im Nachbarland Thüringen soll erst bis Mitte Juni ein eingeschränkter Regelbetrieb in den Kitas starten. In den Schulen sollen spätestens nach Pfingsten wieder alle Schüler am Präsenzunterricht teilnehmen können. Sachsen-Anhalt diskutiert mehrere Modelle für Kitas, in denen die Kinder abwechselnd in die Einrichtungen kommen; in den Pfingstferien ab 18. Mai bieten viele Schulen freiwilligen Unterricht, um Versäumtes nachzuholen. Kinder in Brandenburg können wohl ab 25. Mai bis zu den Sommerferien Ende Juni wieder in die Schule oder Kita gehen - zumindest tageweise.

Durften in Sachsen bisher nur Eltern, die etwa im Krankenhaus oder der Polizei arbeiten, ihre Kinder betreuen lassen, können nun alle Kinder wieder in die Kitas. Es gilt ein sogenannter eingeschränkter Regelbetrieb. Allerdings müssen Eltern mit «teils drastisch» reduzierten Öffnungszeiten rechnen, sagt Annett Eichler, Regionalleiterin beim Eigenbetrieb Kindertagesstätten in Dresden. Sie spricht von einer «extremen Herausforderung» für die knapp 400 Kitas und Horte in kommunaler und freier Trägerschaft - und nicht nur für die. «Die Kinder kommen nicht nur nach acht Wochen wieder hier her, sie finden eine komplett andere Kita vor».

Die Mädchen und Jungen haben vielleicht andere Erzieher, einen anderen Raum, müssen sich einschränken. Das sei eine große Umstellung. «Wir können auf kindliche Bedürfnisse nur begrenzt Rücksicht nehmen, im Vordergrund steht im Moment die Struktur», sagt Eichler. Daher sei «etwas Bauchgrummeln» vor der Öffnung dabei.

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Auch die Kita-Leiterin Romy Müller blickt mit gemischten Gefühlen auf Montag: Sie freut sich, Kindern und Eltern nach vielen Wochen wiederzusehen. Auf der anderen Seite fürchtet sie lange Schlangen beim Holen und Bringen und verängstige Kinder, die sich nach zwei Monaten zu Hause nur schwer in einen veränderten Kita-Alltag eingewöhnen. «Wir werden viel trösten müssen.» Doch dafür, so die Befürchtung, bleibe in dem neuen Alltag derzeit nicht viel Zeit. (dpa)

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