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Erwacht! Geister der Görnischen Gasse (2)

Teil 2: Die Geschichte der Görnischen Gasse 2 + 3

Ansicht Görnische Gasse 2 + 3
Ansicht Görnische Gasse 2 + 3 © Brumm-Bau GmbH

In der nächsten Folge unserer Reihe „Erwacht – Die Geister der Görnischen Gasse“ wollen wir die Geschichte und die Sanierung der Häuser Nummer 2 und 3 näher betrachten.

Die um 1560/70 gebauten Renaissancehäuser gehören zum ältesten Teil der Stadt Meißen, dessen anfänglicher Bau bis auf das Jahr 1200 zurückgeht. Nun geht die Sanierung dieser denkmalgeschützten Häuser mit großen Schritten voran, auch Dank eines in Meißen ansässigen Ingenieurbüros für bautechnische Gesamtplanung, Antje und Andreas Hainz. Ehepaar Hainz begleitet schon jahrelang die Bauvorhaben der Brumm Bau GmbH in dieser schönen Gasse und tragen somit ihren Teil maßgeblich dazu bei, dass die Sanierung zügig vorangeht und die Häuser ihren alten Glanz zurückbekommen.

Mit Begeisterung für die Sanierung alter Bausubstanz

„Durch die Sanierung der Häuser 2 und 3 am Eingang der Gasse wird die Straße entscheidend aufgewertet, wovon auch der angrenzende Hundewinkelplatz profitiert und sich die Verweildauer somit etwas verlängert.“, erzählt Antje Hainz stolz. „Wir versuchen so viel wie möglich von der historischen Bausubstanz, die zum Teil aus dem 16. Jahrhundert stammt, zu erhalten und in unsere Planungen die barocke Gliederung des einen und die Details aus der Renaissance an der Fensterfront des anderen mit einzubeziehen und wieder herzustellen."

„Sieben Wohnungen sind entstanden mit großen Fenstern und modern geschnittenen Zimmern. Ein Aufzug, der die Barrierefreiheit zu den Wohnungen garantiert. Große Balkone, freigelegte Balken und auch Teile des historischen Ziegelmauerwerkes wurden eingearbeitet.“, berichtet Antje Hainz weiter.

Wer die Häuser aus einem früheren Zeitpunkt kennt, hätte nie daran geglaubt, was einmal daraus werden kann.

Zustand 2016
Zustand 2016 © Brumm-Bau GmbH
Zustand 2016
Zustand 2016 © Brumm-Bau GmbH
Zustand 2016
Zustand 2016 © Brumm-Bau GmbH
Zustand 2016
Zustand 2016 © Brumm-Bau GmbH
Zustand 2016
Zustand 2016 © Brumm-Bau GmbH
Zustand 2016
Zustand 2016 © Brumm-Bau GmbH

Bei Haus Nummer 2 hatte sich offenkundig jemand an einer „Warmsanierung“ versucht und das Haus in Brand gesetzt. Aus Sicherheitsgründen musste daraufhin das 2. OG abgetragen werden, später stürzte das Haus teilweise in sich zusammen bis zum Schluss nur noch rohe Ziegelmauern übrig blieben.

Nach Abtragung des 2. OG (Einsturzgefährdung)
Nach Abtragung des 2. OG (Einsturzgefährdung) © Architekturbüro Hainz
Vor Abtragung des 2. OG
Vor Abtragung des 2. OG © Stadt Meißen

Immer wieder wurde die Gasse im Laufe der Zeit in Mitleidenschaft gezogen. Stadtbrände, Hochwasser und auch der Zustand der Häuser nach dem Schwedeneinfall 1637, welcher große Teile der Stadt beschädigte und zerstörte. Eine Aufzeichnung von 1637 benennt auch die Eigentümer der zum Teil zerstörten, aber bewohnbaren Häuser: Görnische Gasse 2 (Nr. 277) Paull Mücze und Görnische Gasse 3 (Nr. 278) Elias Schneider.

In den darauffolgenden Jahrhunderten wurde immer wieder umgebaut und die Besitzer wechselten.

Kunsthistoriker und Architekt Cornelius Gurlitt

Anfang des 20. Jahrhunderts fertigte der Kunsthistoriker und Architekt Cornelius Gurlitt (geb. 01.01.1850 bei Wurzen, gest. 25.03.1938 in Dresden), ein Mitbegründer der kunsthistorischen Barockforschung und Begründer der sächsischen Denkmalpflege, eine der umfangreichsten Beschreibung der „Inventarisierung der Kunstdenkmäler des Königreiches Sachsen“ in 41 Bänden an.

Das sind die Bibeln für jeden Architekten, die Gurlitt auch die Gründung des 1903 gegründeten „Bund Deutscher Architekten (BDA) verdanken.

Cornelius Gurlitt arbeitete interdisziplinär auf den Gebieten Architektur, Kunstgeschichte, Denkmalpflege und Städtebau. Wesentlich trug er zur Aufwertung des Barock als beachtenswerte kunsthistorische Epoche bei und sicherte damit die Erhaltung historischer Bausubstanz nicht nur in Dresden. Seine Arbeiten beziehen sich über den deutschsprachigen Raum

Auszug Gurlitt „Amtshauptmannschaft Meißen – Beschreibung Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreiches Sachsen“ (1923):

Görnische Gasse 2 (277): Wohnhaus mit sechs Fenstern Front und zwei Obergeschossen, deren oberes wohl um 1800 entstand. Die Gewändeprofile des anderen weisen auf die Zeit um 1560-70. Ebenso das Rundbogentor mit Steinsitzen, schlichtem Profil mit einem großen Karnies (Karnies: ein Schmuckelement der Architektur. Es wird auch als Glockenleiste bezeichnet) als Hauptglied. Nur der Schlußstein widerspricht der Zeitbestimmung. Es trägt die Jahreszahl 1673, darunter Blattwerk in das nachträglich eingemeißelt ist: 1787.

Gurlitt hält den Schlußstein für eine nachträgliche Einfügung, die zur Verbreiterung des Tores führte.

Görnische Gasse 3 (278): Schlichtes Wohnhaus mit sechs Fenster Front und zwei Obergeschossen. Auf dem Schlußstein bez.: G.H./G./1842

Von 1927 ist eine „Zeichnung zu baulichen Veränderungen im Grundstück des Herren L. Fischer Meißen, Görnische Gasse 2“ überliefert.

Portalausbau-Bauakte StA Meissen (2)
Portalausbau-Bauakte StA Meissen (2) © Architekturbüro Hainz

Damit ist auch eine traurige Geschichte verbunden.

In dem Haus wurde Ludwig Fischer 1923 als Sohn jüdischer Eltern geboren. Fischer flüchte 1939 mit einem Kindertransport aus Deutschland über Holland nach Amerika und nahm später den Namen Lawrence Fisher an. Er wuchs in dem Haus Görnische Gasse 2 auf und besuchte bis zur Reichskristallnacht 1934 das Franziskaneum in Meißen. Seine Mutter Hannchen Fischer nahm sich 1936 angesichts nationalsozialistischer Repressalien das Leben, sein Vater Leeopold Fischer, Altwarenhändler und Pfandleihbesitzer, wurde für geistig behindert erklärt und entmündigt. Später lebte er in den sogenannten „Judenhäusern“ in Dresden. 1939 verliert sich seine Spur…

Es gibt auch eine erfreuliche Geschichte.

Architektin Antje Hainz: „Über das wiedererstandene Renaissanceportal gibt es eine hübsche Geschichte. Es wurde bei einem Umbau 1927 in den Schutt geworfen – obwohl es bereits im Verzeichnis der Bau- und Kunstdenkmäler Sachsens, dem vorn erwähnten „Gurlitt“ aufgenommen und verzeichnet war. Die hiesige Kunstkommission, der auch der bekannte Porzelliner Prof. Börner angehörte, hatte sich darüber bei der Stadt beschwert. Eine Antwort der Stadt habe ich in der Bauakte nicht gefunden. Jetzt hat der Bauherr der Görnischen Gasse 2+3 auf unsere Anregung hin und nach unserer Werkzeichnung das Portal wieder entstehen lassen, was ganz und gar nicht selbstverständlich ist!“, freut sich Antje Hainz.

Görnische Gasse Nr. 2, Portal
Görnische Gasse Nr. 2, Portal © Architekturbüro Hainz
Portalausbau-Bauakte StA Meissen
Portalausbau-Bauakte StA Meissen © Architekturbüro Hainz
Görnische Gasse 2, Neues Portal
Görnische Gasse 2, Neues Portal © Foto: Brumm-Bau GmbH
Während der Baumaßnahmen
Während der Baumaßnahmen © Foto: Brumm-Bau GmbH
Während der Baumaßnahmen
Während der Baumaßnahmen © Foto: Brumm-Bau GmbH
Während der Baumaßnahmen
Während der Baumaßnahmen © Foto: Brumm-Bau GmbH
Während der Baumaßnahmen
Während der Baumaßnahmen © Foto: Brumm-Bau GmbH

Nicht nur die Stadt Meißen trägt die architektonische Handschrift von Andreas und Antje Hainz. Es ist eine große Freude zu erleben, wie diese beiden sich für den Erhalt der alten Bausubstanz in Meißen und in Sachsen einsetzen. Vielen, vielen Dank und auch dafür, dass Meißen.lokal die Geschichten über die "Geister der Görnischen Gasse" nicht ausgehen.

Textquellen + Bilder: Architekturbüro Antje und Andreas Hainz, Meißen, Stadt Meißen, Brumm-Bau GmbH, Wikipedia, Gerhard Steinecke , “Unser Meißen 1929 – 2004“

Meißen.Lokal folgt den Geistern der alten Meißner Häuser

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