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Baubranche stemmt sich gegen Niedergang

Knappes Material, ewige Lieferzeiten, hohe Preise - Großhändler und Handwerker im Kreis kämpfen mit vielen Problemen. Das hat auch Auswirkungen auf die Bauherren.

Max Simon (links) und Chris Simon von der gleichnamigen Zimmerei aus Kodersdorf bekommen den Engpass beim Material zu spüren. Die Wartezeiten auf bestimmte Qualitäten haben sich enorm verlängert.
Max Simon (links) und Chris Simon von der gleichnamigen Zimmerei aus Kodersdorf bekommen den Engpass beim Material zu spüren. Die Wartezeiten auf bestimmte Qualitäten haben sich enorm verlängert. © André Schulze

Als der Krauschwitzer Elektroanlagenplaner Volker Simson vor ein paar Tagen in Kodersdorf über die zu erwartenden Kosten für Modernisierung und Erweiterung der Elektroanlage in der Oberschule sprach, staunten die Gemeinderäte nicht schlecht: Innerhalb von acht Wochen hätten sich die Kabelpreise um 100 Prozent erhöht, meinte der Fachmann. Wie sich das weiterentwickle, wisse er nicht.

Mit diesem Problem müssen sich derzeit viele Bauherren herumschlagen - egal, ob private Häuslebauer oder öffentliche Auftraggeber. Seit Jahresbeginn sind die Kosten für fast alle Baustoffe in die Höhe geschnellt. Glück hat, wer sich noch auf alte Bestellungen berufen kann und deshalb nur die damals vereinbarten Preise bezahlen braucht. Wer neu bestellt, weil er auf das Material angewiesen ist, zahlt kräftig drauf - und muss lange warten. Wenn die gewünschten Positionen überhaupt zu bekommen sind.

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Lieferschwierigkeiten gibt es inzwischen nicht nur beim Bauholz, sondern auch bei Farben, Kabeln, Elektrozubehör, Rohren und anderen Kunststoffteilen, aber auch bei Dämmung und Stahlprodukten. Detlev Simon von der gleichnamigen Zimmerei aus Kodersdorf musste zwar noch keine Aufträge zurückstellen und bekam bisher auch nichts abgesagt. Trotzdem hat er mit der Situation zu kämpfen. "Die Wartezeiten sind oft enorm. Leimholz kriegen wir jetzt nach zwei Monaten. Üblich waren sonst zwei Wochen." Nicht nur, dass er seine Kunden immer wieder vertrösten muss. Auch um höhere Kosten kommen sie nicht herum. Denn für Konstruktionsvollholz, Dachlatten und Profilholz - um nur ein paar Beispiele zu nennen - wird jetzt das Doppelte wie noch vor ein paar Wochen verlangt. Simon und seine Leute sind froh, dass sie nicht mit Festpreisen arbeiten. "Sondern so, dass wir die Preissteigerungen beim Material weitergeben können." Bei anderen Firmen sieht das nicht so aus. In der Branche ist es ein offenes Geheimnis, dass es schon juristische Auseinandersetzungen zwischen Auftraggebern und Baufirmen gibt. Darüber reden wollen die Betroffenen aber nicht.

Allgemein ist das Mitteilungsbedürfnis in der Baubranche zu diesem Thema nicht allzu groß. Ein Holzgroßhandel in der Nähe von Görlitz lehnt gegenüber der SZ jede Stellungnahme ab. Ein in der Neißestadt ansässiger Großhandel, der Betriebe im Bau- und Baunebenhandwerk mit Material versorgt, macht einen Rückzieher. Und auch ein mittelgroßer Holzverarbeiter im Raum Niesky möchte den Namen seiner Firma nicht in der Zeitung lesen. Begründung: Er will nicht, dass sein Holzvorrat verschwindet. In Dresden habe es schon Diebstähle gegeben, berichtet der Geschäftsführer.

Das Baustoffzentrum Wöhlk mit seinen Standorten in Bautzen und Görlitz beschreibt die angespannte Situation dagegen schon auf seiner Internetseite. Die Lage bei der Materialbeschaffung habe sich in den letzten Wochen stark zugespitzt. Dies betreffe nahezu alle Bereiche. "Besonders prekär ist die Situation bei Holzprodukten, Dämmstoffen sowie Stahl und Stahlprodukten", heißt es da. Als Beispiele nennt die Firma Holz- und Mineralwolle, Trockenbauprofile und Zubehör. Auch auf die finanziellen Folgen wird aufmerksam gemacht: "Aufgrund der Rohstoffknappheit haben unsere Angebote keine Preisbindung und sind freibleibend." Stattdessen wird auf Tagespreise orientiert, die den Schwankungen des Marktes unterliegen.

Michael Zedel sieht die Situation derzeit noch gelassen, wenngleich er die Probleme in der Elektrobranche natürlich kennt. Nicht nur der Kupferpreis habe sich in kurzer Zeit verdoppelt. "Das Granulat für die Ummantelungen der Kabel fehlt. Deshalb ist der Preis dafür insgesamt explodiert", erzählt der Innungsmeister aus Görlitz. Seine Begründung für das knappe Material: "Überall auf der Welt wird wie verrückt gebaut. Und in der Pandemie hatten manche Werke geschlossen. Die jetzt wieder hochzufahren, dauert eben." Als deutscher Handwerker sei man aber auch verwöhnt. "Bisher haben wir das, was wir brauchten, über Nacht geliefert bekommen. Nun wird eben manches - wie zum Beispiel Kabel - für eine gewisse Zeit eingeteilt."

Schleppender internationaler Warentransport

Holger Kliemt betreut im Landkreis mehrere Baustellen und hat deshalb einen guten Überblick. Lieferschwierigkeiten und gestiegene Preise gebe es nahezu bei allem, was für den Hausbau nötig sei, erklärt der Görlitzer Planer. Er hat gleich mehrere Gründe dafür parat. So seien Amerikaner und Chinesen eher aus der Corona-Krise gekommen als die Europäer und brächten nun durch massive Aufkäufe ihre Wirtschaft in Gang. "Vor dem Jahreswechsel gab es den Kubikmeter Bauholz für 650 Euro. Die USA legen jetzt 1.000 Euro dafür auf den Tisch. Für den Dachstuhl eines Eigenheims werden aber bis zu zehn Kubikmeter gebraucht. Da kann man sich ausrechnen, was das fürs Budget der Bauherren hier bedeutet." Zudem funktioniere der internationale Warentransport derzeit nur eingeschränkt. "In China fehlen Container, in anderen Ecken der Welt stehen sie ungenutzt herum", so Kliemt. Die dreiwöchige Sperrung des Suez-Kanals durch die Havarie eines Schiffes habe die Situation eher noch verschärft.

Einen weiteren Grund sieht der Planer im enormen Baustoff-Bedarf der "Hobby-Bauer" während der Pandemie. Aber auch die Hamster-Mentalität - Stichwort: Klopapier-Effekt - trage zur Verknappung mancher Materialien bei. Wie sich daraus resultierend die Preisspirale dreht, macht der Fachmann an den Änderungen deutlich, die ein Baustoffhandel für Mitte April angekündigt hatte. Demnach verteuerte sich Dämmmaterial um acht bis zehn Prozent, bei Entwässerungsrinnen lag die Steigerung bei sechs Prozent. Für Bitumenbahnen mussten Kunden acht Prozent mehr berappen, bei bestimmten Dämmstoffen lag der Aufschlag sogar bei 18 Prozent. Satte 45 Euro je Kubikmeter mehr waren für Holzwerkstoffe und Spanplatten zu bezahlen.

Fast abenteuerlich hören sich Begründungen an, warum bestimmte Materialien nicht oder nur schleppend geliefert werden können. So soll der Engpass bei Farben unter anderem daher rühren, dass die Produzenten ihre Ware nicht in Eimer abfüllen können. Für deren Herstellung fehle schlicht der notwendige Kunststoff, sagen Experten.

Kreis muss Projekte möglicherweise verschieben

In welchem Dilemma sich Auftraggeber und Handwerksfirmen derzeit befinden, zeigt auch wie der Landkreis auf eine entsprechende SZ-Anfrage reagiert. Die Kostensteigerungen im Hochbau seien enorm, teilt Kreissprecherin Julia Bjar mit. Die finanziellen Auswirkungen werde man jedoch hauptsächlich erst bei künftigen Ausschreibungen spüren. Momentan würden noch bestehende Bauverträge abgearbeitet. "Treten Preissteigerungen nach erfolgter Vergabe auf, können sie vertraglich nicht an den Bauherren weitergereicht werden", erklärt Bjar. Bindend sei hier der Angebotspreis.

Das größte Problem sieht der Landkreis aktuell aber in verzögerten und mitunter gänzlich ausfallenden Lieferungen. "Dadurch können wir unsere Bauvorhaben nicht in der vertraglich vereinbarten Zeit fertigstellen", weiß die Sprecherin. Zu den steigenden Preisen stellt sie klar: "Da alle größeren Vorhaben in der Regel einer Förderung durch Freistaat oder Bund unterliegen, werden wir natürlich Mehrkostenanträge beim Fördermittelgeber einreichen."

Wegen zu hoher Preise abspecken musste der Kreis seine Bauprojekte bisher nicht. Weil dies im öffentlichen Sektor sowieso nur bedingt möglich sei, werde es letztlich eher darum gehen, Maßnahmen komplett zu verschieben, erklärt Julia Bjar. Welche Vorhaben dies möglicherweise betreffe, könne aktuell noch niemand sagen. Allerdings spielt hier noch ein anderes Problem mit hinein: Wegen zu weniger und dann noch zu kostenintensiver Angebote ist es schwierig, Firmen für Bauhauptleistungen sowie Dachdecker und Zimmerer zu bekommen.

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