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Balanceakt zwischen Baumwipfeln

Klettern in schwindelerregender Höhe: Wer die Herausforderung sucht, ist im Bautzener Hochseilgarten richtig. Ein Tipp der Serie "Abenteuer vor der Haustür".

Sieht einfacher aus als es ist: Im Hochseilgarten in Bautzen sind Mut und Schwindelfreiheit gefragt. SZ-Redakteurin Theresa Hellwig hat einige der Strecken getestet.
Sieht einfacher aus als es ist: Im Hochseilgarten in Bautzen sind Mut und Schwindelfreiheit gefragt. SZ-Redakteurin Theresa Hellwig hat einige der Strecken getestet. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Ein Bein hat das Mädchen schon auf der sicheren Plattform, aber das andere ist das Problem. Denn der zweite Fuß steht auf einem wackeligen Holzpflock, der an einem Stick hängt – und der Weg zur sicheren Plattform ist mit diesem Fuß noch weit. Fast zum Spagat sind die Beine der etwa 15-Jährigen schon gedehnt, ihre Augen hat sie aufgerissen und die Mundwinkel verzerrt. Kein Wunder: Unter ihr geht es rund zehn Meter in die Tiefe.

Ich kann meinen Blick nicht lösen: „Da soll ich hoch?“, frage ich mich, leicht panisch – und fühle mit dem Mädchen. Denn sie hat es gewagt, die schwarze und schwerste Route des Hochseilgartens am Bautzener Stausee zu testen. Und die hat es wirklich in sich.

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Um die Spannung nicht ins Unermessliche steigen zu lassen, vorweg: Das Mädchen hat den Mut zusammengenommen und den Absprung gewagt. Sie hat es geschafft, und kurz darauf auch wieder ihr Lachen gefunden. Die Angst ist Stolz gewichen. Ich hingegen denke nach diesem Anblick: „Man muss nicht alles mitmachen. Die anderen Routen sind doch auch schick.“

An diesem Tag herrscht viel Betrieb im Hochseilgarten am Stausee in Bautzen. Die Sonne scheint, es sind Sommerferien – ein perfekter Tag, um das Abenteuer zu wagen. In der Luft liegt das Ratschen der Seilrutsche; Rufe, Jauchzen und Schreie sind zu hören. Seit 2016 gibt es die Attraktion am Stausee. Die Sozialpädagogen Malte Rastemborski und Jan Woitas haben ihn errichtet, betreiben ihn jetzt gemeinsam mit ihrem Angestellten Nathanael Mudrich.

Ganz oben ist die schwarze und schwerste Route zu sehen, aber auch die anderen haben es in sich.
Ganz oben ist die schwarze und schwerste Route zu sehen, aber auch die anderen haben es in sich. © SZ/Uwe Soeder

Und letzterer hat an diesem Tag alle Hände voll zu tun. Mit einem Ruck zieht er die Gurte fest, die mich in der Höhe sichern sollen. Meine – und die gut 200 anderer Leute an diesem Tag. „Das ist ein Rekordtag“, sagt Nathanael Mudrich schon direkt nach meiner Ankunft zwischen den Handgriffen. Seine Aufgabe: Das Sichern erklären, beim Anlegen der Gurte assistieren, hängen gebliebenen Kletterern helfen. Wie er dabei den Überblick behält, frage ich? Hat er keine Angst, dass doch mal jemand abstürzt?

„Ich habe an den Eingangsbereichen der einzelnen Routen diese Kisten gebaut“, antwortet er und tippt gegen eine Holz-Box. Dahinter: ein verschlossenes Tor. „Niemand gelangt durch die Tore vor den Routen, ohne gesichert zu sein“, erklärt er. „Da kann nicht viel passieren.“ Und die Gurte? „Halten 22 Kilonewton“, sagt Nathanael Mudrich und lacht, „damit kannst du auch Autos abschleppen.“

Dann schallt ein lautes „Naaanaaa“ durch den Hochseilgarten – das Alarmsignal. Ein Kind hängt in den Seilen. „Ich muss da mal kurz hin“, sagt er – und ist auch schon weg.

© SZ Grafik

Also wird es auch für mich Zeit, eine erste Route zu testen. Gleich vorweg: Ich starte vielleicht von einem etwas zu hohen Ross. Denn ich gehe gerne bouldern. Dabei klettert man Wände hoch, bis höchstens  viereinhalb Meter. Wegen meines Hobbys spreche ich mir ein wenig Klettergeschick zu – und denke zu diesem Zeitpunkt noch: „Für mich wird der Klettergarten sicher eine einfache Sache.“

Tja – nicht so ganz, stellt sich direkt bei den ersten Schritten heraus. Denn die Routen wackeln doch ganz schön. So unsicher fühle ich mich nach dem ersten Abschnitt, dass ich heimlich kurz – auf der rettenden Plattform angekommen – einen der sicheren Baumstämme umarmen muss, um mein Gleichgewicht wiederzufinden. Und schwankt nicht auch die Plattform?

Nathanael Mudrich (rechts im Bild) zurrt den Kletternden die Gurte fest.
Nathanael Mudrich (rechts im Bild) zurrt den Kletternden die Gurte fest. © SZ/Uwe Soeder

Wie die Routen aussehen? Da hängen Balken an Seilen; die gilt es entlang zu balancieren. Gleichgewicht ist gefragt – aber das ist machbar. Und da ist eine Art Rollbrett, von dem es in luftiger Höhe auf ein zweites Rollbrett zu springen gilt. Tipp: Einfach nicht zu viel nachdenken, was alles passieren könnte. Und da sind Seilrutschen. Die Kletternden können sich in den Gurt plumpsen lassen – und ritsch – ab geht die Fahrt. Auch hier gibt es einen Tipp: Vorher prüfen, ob das Sicherungsseil vielleicht verdreht ist: Ich habe das mal getestet: Man dreht sich sonst bei der Fahrt. Vor allem die Kinder jauchzen vor Vergnügen. Auch aneinandergereihte Schaukeln warten darauf, überwunden zu werden; eine wackelige Angelegenheit, Geduld ist gefragt.

Ich fange schnell an, Vertrauen zu gewinnen. Immer mehr Spaß macht mir das alles – und auch die kleine Emely freut sich. Mit ihr und ihrer Mama habe ich mich auf die ersten Routen gewagt, die Siebenjährige grinst: „War gar nicht so schwer“, sagt sie. „Eine ganz schöne Herausforderung“, findet hingegen ihre Mama, „ich habe eigentlich Höhenangst.“ Aber: Auch sie hat es geschafft, ein schönes Gefühl.

Die Gurte sind für 120 Kilogramm zugelassen, würden aber auch auch ein Auto abschleppen können.
Die Gurte sind für 120 Kilogramm zugelassen, würden aber auch auch ein Auto abschleppen können. © SZ/Uwe Soeder

Es sind diese Effekte, die auch Nathanael Mudrich Freude bereiten – und die ihn dazu bringen, zu sagen: „Ich habe einen Traumjob“. Mut finden und über sich selbst hinauswachsen, einander helfen – in dem, was er tut, sieht Nathanael Mudrich auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Und auch Jan Woitas sieht das so. „Es geht uns darum, den Leuten Erlebnisse anzubieten – gemeinsame Erlebnisse.“ Auch Teambildungsmaßnahmen werden in dem Park angeboten.

Apropos Mut: Auch ich habe da noch eine persönliche Sache zu klären. Ich klicke die Sicherung in der schwarzen Route ein, öffne das Tor. Jetzt gibt es keinen Weg zurück mehr. Ob ich es geschafft habe? Natürlich erreiche ich am Ende die sichere Plattform – aber nur durch Mogeln. Muss zwischendurch noch einmal kurz Baumstämme umarmen, durchatmen. Nicht ich schaffe die schwarze Route – sie schafft mich.

Selbst den Balanceakt wagen:

Geöffnet ist der Hochseilgarten von April bis Oktober. An Ferien- und Feiertagen täglich von 10 bis 19 Uhr. In der Schulzeit montags bis donnerstags nur nach Voranmeldung, freitags 14 bis 19 Uhr. Am Wochenende immer 10 bis 19 Uhr.

Der Eintritt liegt bei 14 Euro für Kinder bis zehn Jahren. Kinder und Jugendliche von elf bis 15 Jahren zahlen 16 Euro. Alle älteren Personen zahlen 18 Euro. In Gruppen ist der Preis pro Person einen Euro günstiger.

Kinder sollten mindestens 1,05 Meter groß sein. Bis zu einer Größe von 1,30 Meter dürfen Kinder nun in Begleitung einer größeren Person klettern. Eine echte Altersgrenze gibt es nicht. „Bei Kindern im Alter von drei oder vier Jahren sagen wir immer, sie sollen erst einmal gucken“, erklärt Betreiber Jan Woitas. Der älteste Gast vor ein paar Tagen sei 80 Jahre alt gewesen.

Zu finden ist der Hochseilgarten am Stausee in Bautzen, Strandpromenade 8. Internet: www.geo-trail.eu. E-Mail: [email protected]. Telefon: 0163 1842198 (Jan) oder 0179 6742574 (Malte)

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