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Landskrons Braumeister geht

Matthias Grall stand 20 Jahre lang für das Görlitzer Bier. Jetzt will der 52-Jährige noch mal etwas Neues machen.

So kennen die Görlitzer den Braumeister der Landskron Brauerei: Matthias Grall beim Bieranstich zum Altstadtfest im vergangenen Jahr mit OB Octavian Ursu (li.)
So kennen die Görlitzer den Braumeister der Landskron Brauerei: Matthias Grall beim Bieranstich zum Altstadtfest im vergangenen Jahr mit OB Octavian Ursu (li.) © Nikolai Schmidt

Der Freitag wäre wieder sein großer Tag gewesen. Schon Wochen zuvor hätte Braumeister Matthias Grall zusammen mit dem städtischen Kulturservice ein Fässchen besonderes Altstadtbier angesetzt. Um es zum Auftakt des Görlitzer Altstadtfestes auf die Bühne zu stellen und dann das Glas zu halten, wenn der Görlitzer Oberbürgermeister mit zwei, drei kräftigen Schlägen das Fass ansticht.

So war es in den vergangenen Jahren, aber eben nicht im Sommer 2020. Für Matthias Grall hätte es ein schöner Abschluss sein können. Der Braumeister verlässt die Görlitzer Brauerei. An diesem Montag geht er das letzte Mal durch das gusseiserne Tor auf das weitläufige Gelände der Brauerei. So wie in den vergangenen 20 Jahren. Nun soll etwas Neues beginnen.

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Grall macht sich selbstständig

Mit Matthias Grall verliert die Landskron Brauerei ihr Gesicht. Nicht nur zum Altstadtfest stand er für die Brauerei auf der Bühne, auch beim eigenen Braufest. Oder wenn der Bierkönig im "Schlesischen Tor" gekürt wurde, der gebürtige Hesse stand bereit. Dabei suchte Grall nie den großen Auftritt. Er ist ja eher zurückhaltend in der Öffentlichkeit, macht wenig von sich her, und selbst zum Abschied schweift er schnell von persönlichen Fragen zu Themen der Braukunst ab.

Das ist sein Metier. Da fühlt  sich der 52-Jährige sicher und beweist gerade in kleineren Gruppen, wie spannend und interessant das Brauen sein kann. Die Wochenendseminare bei Landskron fanden auch wegen seiner Art besonderen Anklang. Braukurse sollen deshalb auch künftig eines seiner Standbeine sein, dazu Sonderbiere in kleinen Mengen, die er auf speziellen Kundenwunsch und  Anlass brauen und abfüllen wird. Für Landskron rechnen sich Mengen unter 200 Hektoliter nicht, für eine Spezialbrauerei schon. Grall unternahm schon vor einigen Jahren mit Sudost-Bier zusammen mit Andreas Kolley und Heiko Hänsch einen Versuch, ein selbstständiges Standbein aufzubauen. Er sieht einen Markt für Auftragsbiere von 200 oder 1.000 Flaschen, Gasthäuser will er nicht beliefern und damit Gasthofbrauereien wie der Obermühle oder der Bierblume keine Konkurrenz machen. Für sein Angebot, da ist sich Grall sicher, "ist ein Markt da". 

Im Grunde wird er dann machen, was er auch schon gelegentlich bei Landskron tat. Sonderbiere entwickeln, ihnen eine besondere Note geben. So war es mit dem Whiskey-Bier oder den anderen Craft-Bieren, die er als Sonderedition ansetzte. Meist nach einem schönen Motorrad-Urlaub nach Schottland, Griechenland oder eben dahin, wo Genuss-Menschen wie er viele Anregungen aufnehmen können. 

Braumeister füllt Werbespruch mit Leben

Dass Landskron immer ein Genuss ist, den Werbespruch gibt es schon länger. Aber Matthias Grall vermochte es in den vergangenen 20 Jahren, diesen Werbespruch zusammen mit den Mitarbeitern der Brauerei mit sinnlichem Leben zu füllen. Als er 2000 nach Görlitz kam, brachte er schon zahlreiche, verschiedene Erfahrungen mit. Sein Studium absolvierte er  im Herzen der bayerischen Braukunst, in Weihenstephan. Bei Schneiderbräu in Kehlheim erlebte er, wie Weizengärung funktioniert; in Fürth, wie groß der Druck in der Branche ist. Und in Hof bei der Scherdel-Brauerei sammelte er Erfahrungen als zweiter Braumeister.

Als er nach Görlitz kam, stand die Zukunft von Landskron in den Sternen. Die Brauerei machte Miese und wollte sich von der traditionellen offenen Gärung und Lagerung verabschieden, um Kosten zu senken. Doch Grall überzeugte Eigentümer Edgar B. Scheller am Brauhandwerk festzuhalten und statt dessen das Bier nicht mehr unter seinem Wert zu verkaufen.  In einem höchst umkämpften Markt war das eine Entscheidung mit Risiko. Doch Grall ist davon überzeugt: "Landskron Biere sind nicht billig oder teuer, sondern ihren Preis  wert." Zugleich baute Grall die Sortenvielfalt aus. Als er kam, gab es Pils, Hell, Bock und ein Dunkles. Schnell kam der Winterhopfen hinzu, der von den Kunden Jahr um Jahr mehr nachgefragt wird.

Tatsächlich schaffte die Brauerei nach zwei Jahren die Gewinn-Trendwende. Doch als 2003 Scheller die Brauerei an den Holsten-Konzern weiterverkaufte, der wiederum ein Jahr später vom dänischen Carlsberg übernommen wurde, war es wieder "schwierig, unsere Philosophie durchzuhalten", wie sich Matthias Grall erinnert. Die Produktion ging von 180.000 auf 145.000 Hektoliter zurück, Landskron musste häufig zurückstecken und den Marken von Holsten den Vortritt lassen. Erst als das Ehepaar Lohbeck die Brauerei 2006 kaufte, ging es wieder voran. Heute stellt Landskron über alle Marken 160.000 Hektoliter her.  Investitionen wie das Besucherzentrum, der jährliche Austausch von Tanks und zuletzt die Übernahme des "Parkhotels" zur Abrundung der Angebote auch der Kulturbrauerei zeigen, dass Lohbecks an dem Unternehmen festhält, das im vergangenen Jahr auf 150 Jahre zurückblicken konnte und zu Görlitz wie die Landeskrone gehört.

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Matthias Grall will nun aber etwas Neues machen. Er scheidet nicht im Streit mit Landskron, wie sein Mitgeschäftsführer Uwe Köhler deutlich macht. "Ich kann das gut nachvollziehen", sagt Köhler, der wiederum Gralls Biere gut vermarktet. Er sucht schon nach einem Nachfolger, auf die Stellenausschreibung gingen bereits zahlreiche Bewerbungen, auch aus Westdeutschland, ein. Landskron ist also nicht kopflos, das ist Grall wie Köhler wichtig, sondern bleibt ein Genuss. Und Grall hinterlässt  auch ein Abschiedsgeschenk für die Biertrinker: Im September kommen seine "Landskron Meisterstücke" auf den Markt - 0,33-Liter-Flaschen mit einer Note nach Williams Christ oder Whiskey Malz.

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