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Was Großstädter in Görlitz suchen

Das Projekt „Stadt auf Probe“ ist vorerst vorbei – wegen Corona drei Monate früher als geplant. Einige Probewohner sind inzwischen schon Neu-Görlitzer.

Sven Wernicke, Anne-Kathrin Gericke und Tochter Wilma aus Dresden nahmen vor einem Jahr am Projekt „Stadt auf Probe“ teil. Sven Wernicke hatte seinen Arbeitsplatz im Kolabor in der Hospitalstraße 29.
Sven Wernicke, Anne-Kathrin Gericke und Tochter Wilma aus Dresden nahmen vor einem Jahr am Projekt „Stadt auf Probe“ teil. Sven Wernicke hatte seinen Arbeitsplatz im Kolabor in der Hospitalstraße 29. © Nikolai Schmidt

Sven Wernicke und Anne-Kathrin Gericke haben viel entdeckt, als sie vor einem Jahr beim Projekt „Stadt auf Probe“ für einen Monat in Görlitz lebten. Den alternativen Stadtplan „Plan B“ zum Beispiel, das „Kochwerk“ am Demianiplatz, die Kaffeerösterei Büttner. „Solche Dinge bringen Großstadtflair nach Görlitz, das gefällt uns“, berichtete die Dresdnerin. Und sie erlebten das Kolabor in der Hospitalstraße 29 – einen Ort, an dem sich jeder stunden-, tage- oder monatsweise einmieten kann. Auch Sven Wernicke hat da gearbeitet.

Kolabor erhält viel Lob

„Dort kommt man schnell mit anderen ins Gespräch, sowohl mit Freiberuflern als auch den Gründerinnen“, sagte er damals. Es sei kleiner und persönlicher als vergleichbare Angebote in der Großstadt. Und preiswerter: „Hier zahlt man weniger als 100 Euro im Monat, in Dresden sind es zwischen 150 und 250 Euro.“ Das größte Manko in Görlitz war für die beiden die damalige Probe-Wohnung. Das Haus in der James-von-Moltke-Straße sei sehr lieblos saniert, der alte Charme verloren, die Grundrisse ungünstig, fanden sie. Und da im Haus nur Probewohner lebten, ergab sich dort auch kein Kontakt zu Görlitzern.

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Jetzt ist „Stadt auf Probe“ erst einmal vorbei. Wegen Corona drei Monate früher als geplant, die letzten Probewohner waren im März da, lebten in besagtem Haus und arbeiteten nicht nur im Kolabor-Büro, sondern auch in der Kühlhaus-Werkstatt und im Wildwuchs-Atelier, wo sie auch den Ausstellungsraum nutzten. Eine umfangreiche Bilanz will das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) bis Ende des Jahres zusammenstellen. Daraus erhofft es sich einen Erkenntnisgewinn, was die Ansprüche von jungen Leuten sowie Familien an das Leben in Mittelstädten sind und wie Görlitz diese erfüllen kann, um junge Leute und Familien anzuziehen.

Viele Berliner waren da

Ein erstes Zwischenfazit kann Projektleiter Robert Knippschild vom IÖR aber auch jetzt schon ziehen. Fakt ist: In 15 Monaten waren 41 Haushalte für je einen Monat in Görlitz, vier weitere mussten so kurzfristig absagen, dass kein Ersatz mehr gefunden wurde. Da bei einigen Familien beide Partner in Görlitz gearbeitet haben, konnte das IÖR Daten von 47 Personen erheben. Einige hat Knippschild persönlich interviewt. „Görlitz war für viele sehr attraktiv, ein Teil konnte sich vorstellen, herzuziehen“, sagt er. Zumindest von fünf Haushalten weiß er, dass diese mittlerweile tatsächlich nach Görlitz umgezogen sind.

43 der 47 sind freiberuflich tätig, 33 kommen aus einer Großstadt, darunter allein 21 aus Berlin. „Es war sehr beeindruckend, was die Leute in den Interviews zu ihrer persönlichen Situation gesagt haben“, berichtet Knippschild. Viele hätten sich mit einer großen Ernsthaftigkeit mit der Frage beschäftigt, ob sie in ihren Wohnorten glücklich sind, was sie brauchen, um glücklich zu sein, und ob ein Umzug nach Görlitz dafür infrage kommt.

Ein Monat ist oft zu kurz

„Viele sagten auch, dass ein Monat zu kurz ist“, berichtet er. Sie hätten sich die vier Wochen sehr vollgepackt und seien ein bisschen im Stress gewesen. Seine Mitarbeiterin Constanze Zöllter erklärt zudem, dass das Thema Verkehr bei vielen Großstädtern, die selbst kein Auto haben, eine Rolle gespielt habe: „Die wollen auch wegen dem Verkehr und dem Lärm aus der Großstadt weg und waren überrascht, dass in Görlitz so viele Leute Wert aufs Auto legen.“ Die Probewohner selbst waren eher zu Fuß oder per Fahrrad unterwegs und fanden es schade, dass die Flächen vor den schönen Häusern in Görlitz zugeparkt sind.

Alles in allem bezeichnen sowohl sie als auch ihr Chef das Projekt als sehr erfolgreich – auch, weil es 149 Bewerbungen auf ursprünglich 54 Plätze gab. Das sieht Arne Myckert vom Projektpartner Kommwohnen genauso. „Es war ein evolutionärer Sprung, weg vom reinen Probewohnen für eine Woche, hin zum Integrieren mit Arbeit und Kinderbetreuung für einen ganzen Monat.“ Jetzt stehe Görlitz als Wohn- und Arbeitsort auf dem Prüfstand: „Ich bin sehr gespannt auf die Gesamtergebnisse.“

Fortsetzung ist denkbar

Die Wohnungen in der James-von-Moltke-Straße gehören Kommwohnen. Auch wenn Sven Wernicke dort unzufrieden war: „Wir haben viele Komplimente für die Wohnungen bekommen“, sagt Myckert. Es seien gut hergerichtete Altbauwohnungen mit schöner Möblierung, nur der Verkehr in der Straße sei von vielen nicht so positiv wahrgenommen worden. Bei Knippschild ist Lob und Kritik über die Wohnungen angekommen: „Es war keineswegs so, dass diese durchweg bemängelt wurden.“ Sowohl er als auch Myckert können sich eine Fortsetzung von „Stadt auf Probe“ mit veränderten Bedingungen vorstellen. Erste Überlegungen laufen, bestätigen beide. Die Aufenthaltsverlängerung, die manche Teilnehmer angeregt haben, werde dabei tatsächlich in Erwägung gezogen.

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Und Sven Wernicke und Anne-Kathrin Gericke? Die beiden leben immer noch in Dresden, sind nicht umgezogen. „Vermutlich haben wir unsere Freunde und unser vertrautes Umfeld etwas vermisst“, sagt Sven Wernicke rückblickend: „Und wir hatten keine klare Vorstellung davon, was meine Freundin nach ihrer Elternzeit in Görlitz für einen Job hätte bekommen können.“ Aber nach Görlitz zu ziehen sei unverändert ein Thema, das bei den beiden häufiger hochkommt: „Die vier Wochen haben schon etwas in Bewegung gesetzt und wir denken intensiv darüber nach, wie und wo wir in Zukunft leben wollen.“ Zumindest als Touristen sind die beiden mit ihrer Tochter ab und an mal in Görlitz.

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