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Leben und Stil

Die elektrischen Rebellen

E-Einräder und -Skateboards sind gut für die Umwelt, doch auf Straßen und Wegen verboten. Enthusiasten aus Sachsen würden das gern ändern.

Nicht mal Fliegen ist schöner: Felix Endres aus Leipzig auf seinem Elektro-Einrad.
Nicht mal Fliegen ist schöner: Felix Endres aus Leipzig auf seinem Elektro-Einrad. © Jürgen Lösel

Fährt Felix Endres durch Leipzig, ist das ein Balanceakt. Denn sein Vehikel hat nur ein einziges Rad – und keine Lenkstange. Rollt der 36-Jährige aufrecht stehend und mit Tempo 30 über den Asphalt, erinnert er an Marty McFly, den Helden des Kultfilms „Zurück in die Zukunft“. Der entkam einst seinen Verfolgern auf einem schwebenden Skateboard. Zugegeben: Endres‘ Skateboard fliegt nicht.

Stattdessen hält es durch einen breiten Go-Kart-Reifen Bodenkontakt. Für Vortrieb sorgt ein 750 Watt starker Elektromotor in der Radnabe, Sensoren und ein Kreiselstabilisator helfen beim Ausbalancieren. Verlagert der Fahrer seinen Schwerpunkt in Fahrtrichtung, beschleunigt die Fuhre, durch Zurücklehnen bremst sie ab. Durch Neigung zur Seite geht es durch die Kurve. „Dieses Fahrgefühl lässt sich mit nichts vergleichen“, schwärmt Endres. Selbst Abstecher in den Wald oder auf Schotterpisten seien kein Problem.

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Selbstbalancierende Einräder gibt es schon seit einigen Jahren. Populär wurden sie zuerst in den USA. Inzwischen ist der Trend auch in Europa angekommen. In Sachsen dürften die Besitzer eines Einrads der US-Firma Future Motion noch an zwei Händen abzuzählen sein. Das liegt unter anderem daran, dass die Modelle ziemlich teuer sind. „Ich habe knapp 2.000 Euro für meins bezahlt“, verrät Endres.

Der zweite Grund hat mit den Gesetzen zu tun und wiegt noch schwerer: Der Gesetzgeber betrachtet Mono- und One-Wheels als Kraftfahrzeuge. Doch anders als elektrische Tretroller oder Segways dürfen diese Vehikel in Deutschland bisher nur auf privatem Grund gefahren werden. Wer auf öffentlichen Straßen, Geh- oder Radwegen unterwegs ist, begeht eine Straftat und riskiert wegen Verstoßes gegen das Pflichtversicherungsgesetz eine vierstellige Geldstrafe. Auch eine Strafe wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis wäre möglich.

Unterwegs auf dem Elektro-Skateboard

„Vor fünf Jahren konnte ich noch an einer Polizeistreife vorbeifahren, ohne dass jemand von mir Notiz genommen hat“, sagt Falk W. aus Dresden. „Heute geht das nicht mehr.“ Der 35-Jährige, der die regionale Facebook-Gruppe „Esk8 Dresden“ administriert und anonym bleiben will, weicht seitdem auf den Elberadweg aus. Dort macht der Softwareentwickler mit seinem selbst gebauten Elektro-Skateboard gelegentlich längere Touren, etwa durch die Sächsische Schweiz oder ins Elbland. 

Der Akku unterm Brett reicht für maximal 30 Kilometer. Am liebsten jedoch würde er mit seinem Hightech-Board auch im Alltag durch die Stadt cruisen. „Ich kenne kein effizienteres Verkehrsmittel. Ein Brett mit Rollen dran. Einfacher geht’s nicht.“

Unfallforscher sehen die hippen Vehikel eher skeptisch. Denn von elektrifizierten Einrädern oder Skateboards gehe eine erhebliche Eigen- und Fremdgefährdung aus, sagt Siegfried Brockmann vom Versichererverband GDV. Zu schnell, zu instabil, zu träges Brems- und Lenkverhalten, so lauten seine Vorwürfe. Tatsächlich wurde die Idee des Bundesverkehrsministeriums, sogenannte Elektrokleinstfahrzeuge (EKF) ohne Lenkstange per Ausnahmeregelung zu legalisieren, im vergangenen Jahr fallen gelassen. „Ich kenne auch keine Diskussion darüber, dass das Thema noch einmal auf den Tisch soll“, so Brockmann.

Die Betroffenen bezweifeln die These vom hohen Unfallrisiko. „Ich habe noch nie gehört, dass jemand mit einem EKF, egal welcher Art, einen Crash verursacht hat oder auch nur darin verwickelt war“, sagt Felix Endres. Auch Falk W. berichtet nur von einigen selbst verschuldeten Prellungen und Abschürfungen. Tatsächlich findet sich für dieses Jahr kein einziger Eintrag in den Datensätzen der sächsischen Polizei, wonach ein E-Fahrzeug ohne Lenkstange an einem Unfall beteiligt gewesen wäre. Das bestätigt das Innenministerium auf Nachfrage von Sächsische.de. Gesondert erfasst werden diese Zahlen allerdings erst seit Jahresbeginn.

Tipp vom Unfallforscher

„Niemand wird sich nach zehn Minuten auf einem One Wheel in den Verkehr stürzen“, sagt Lars Zemke von Electric Empire, dem Interessenverband für Elektrokleinstfahrzeuge. Vielmehr gelte das Credo „Üben, üben, üben“. Er und seine Mitstreiter haben 2019 diverse Mobilitätstage besucht, um ihre ein- und mehrrädrigen Gefährte vorzustellen. Zemkes Fazit: „Wir haben fast ausschließlich Menschen getroffen, die zum einen gar nicht wussten, was es alles gibt und zum anderen begeistert getestet haben.“

Auch mit Unfallforscher Brockmann hat Zemke schon mehrfach gesprochen. Zuletzt auf dem Verkehrsgerichtstag Ende Januar in Goslar. „Witzigerweise hat er mich dort auf das Skateboard angesprochen, was ich unter dem Arm hatte und mir den Tipp gegeben, damit könne ich doch legal fahren.“ Eine Steilvorlage, auf die der 49-Jährige nur gewartet haben dürfte. „Ich habe ihm gesagt, dass der Akku in der Achse sitzt und der Motor in den Rädern – und dass der kleine Ring an meinem Finger die Fernbedienung ist.“ Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich.

© SZ Grafik

Verwunderlich ist auch die versicherungstechnische Gemengelage, in der die Szene gerade steckt. Bislang nämlich können in Deutschland nur E-Tretroller zugelassen werden, und auch nur, wenn für sie eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) vorliegt. Dennoch schließen einige Unternehmen offenbar auch Haftpflichtversicherungen für Einräder und E-Skateboards ohne ABE ab. Um juristische Klarheit zu bekommen, hat Electric Empire im August 2019 die Allianz verklagt. Momentan beschäftigt sich das Landgericht München mit dem Fall.

Falk W. hat wenig Hoffnung, dass er bald legal zur Arbeit skaten kann. „In Deutschland mahlen die Mühlen ziemlich langsam.“ Dabei, so sagt der Familienvater, hätte auch die Allgemeinheit etwas von seinem Mobilitätsverhalten. Denn eigentlich sei der Plan gewesen, das Auto abzuschaffen und nur noch mit dem E-Skateboard und ÖPNV unterwegs zu sein. Daraus werde nun erst mal nichts. „Aus Protest fahre ich weiter meinem 20 Jahre alten Toyota mit dreckigem Verbrennungsmotor.“

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