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30 Minuten Liebe in Zeiten von Corona

Demenzkranke leiden unter dem Corona-Besuchsverbot in Heimen, weil sie jeden Tag ein Stück Erinnerung verlieren. Was macht das mit ihren Nächsten?

Beate Müller hofft, dass nicht nur das Alltagsleben wieder erleichtert wird, sondern auch die Besuchsregeln in Pflegeheimen gelockert werden.
Beate Müller hofft, dass nicht nur das Alltagsleben wieder erleichtert wird, sondern auch die Besuchsregeln in Pflegeheimen gelockert werden. © Matthias Rietschel

Beate Müller* ist ein bisschen angespannt. Gleich wird sie hineingehen in den parkartigen Innenhof mit den alten Bäumen und zwitschernden Vögeln. Die Mittsiebzigerin wird sich unters Zeltdach führen lassen, mit Maske vor dem Mund und sauberen Händen. Eine Pflegerin wird Peter Schmidt* aus dem Zimmer holen und an den Tisch unterm Baldachin schieben. Seit Beginn der Corona-Krise in Deutschland kann Müller fast nur noch mit ihm telefonieren. Zwei-mal am Tag ruft sie bei Peter an, liest ihm regelmäßig aus einem seiner alten Lieblingskinderbücher vor.

Wie wird er diesmal auf den Besuch reagieren? Peter ist seit Jahren dement, mit fortschreitender Tendenz. Vor allem das letzte halbe Jahr hat er stark abgebaut, das Kurzzeitgedächtnis ist fast verschwunden. Wird er entspannt sein, sich erinnern, lachen? Oder fahrig und aufgeregt sein wie vor ein paar Tagen, als sie den Besuch abbrechen mussten? Beate Müller hat eine halbe Stunde, das herauszufinden.

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Während ringsum Beschränkungen gelockert werden, gilt in Altenheimen wegen der Corona-Pandemie weiterhin ein strenges Besuchsverbot mit wenigen Ausnahmen für Angehörige. 30 Minuten pro Woche und Bewohner ist die Faustregel in Peters Heim im Dresdner Osten. Beate Müller würde nie zu einer Demonstration gehen, bei der sie neben Corona-Leugnern, Rechtsextremisten und Verschwörungstheoretikern stehen müsste. Aber sie hat Fragen, die von Tag zu Tag drängender werden.

„Bei Menschen mit Demenz läuft uns die Zeit davon“, sagt Beate Müller. „Die zunehmenden Gedächtnisverluste sind nicht rückgängig zu machen, von der dringend benötigten körperlichen Zuwendung gar nicht zu reden.“ Müller weiß, wie wichtig der Schutz vor Ansteckungen mit dem Coronavirus gerade in Altenheimen ist. In Peters Einrichtung werden über 200 Menschen von gut 150 Bediensteten versorgt. „Wie soll ich Angehörigen erklären, dass ich sie nicht besuchen darf, wenn ringsherum die Leute wieder im Biergarten sitzen und Fußball gespielt wird“, sagt Müller. „Für Menschen, die zu Hause gepflegt werden, gelten die Verbote ja auch nicht.“

„Bitte tun Sie etwas“

Sie hat sich an die sächsische Staatsregierung gewandt, an die Büros von CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer und SPD-Gesundheitsministerin Petra Köpping, die evangelische Landeskirche und die „Initiative Demenz“ um Hilfe gebeten – immer unterschrieben mit „Bitte tun Sie etwas“. Kein Flehen, kein kindischer Trotz wie bei mancher Kundgebung, sondern die Bitte einer Frau, die weiß, dass Infektionsschutz und Pflegeheimbesuche an zwei Enden einer Skala liegen, und die trotz der knappen Zeit sieht, welche Belastung die Regeln auch für das Pflegepersonal bedeuten.

Die Antworten sind teils warmherzig, immer verständnisvoll. Man wisse, wie schwer das alles zu ertragen sei und wie viele Sorgen, Kummer und auch Verzweiflung damit verbunden ist, schreibt etwa die Landesinitiative Demenz.

Dass sie Peter, Ende siebzig, an diesem Donnerstag zum zweiten Mal in dieser Woche besuchen kann, ist dem Pflegepersonal zu verdanken. Mit diesem kurzen Glück sitzt sie am Donnerstag unter dem Baldachin, mit Peter, der viel besser drauf ist als noch beim letzten Besuch.

Seine grauen Haare sind jetzt lang wie nie zuvor, weil auch kein Friseur auf das Zimmer kommen darf. Mit einem frisch gebügelten hellblauen Hemd geradezu festlich gekleidet lehnt Peter im Rollstuhl, nickt, wenn sie erzählt, und lacht immer wieder. Sie hat Fotos dabei, die ihm helfen, sich an die schönen Zeiten zu erinnern. Er vervollständigt ihre gemeinsamen Späße von früher. Am Liebsten würde sie mindestens dreimal die Woche kommen.

Getrennt durch eine Scheibe: So laufen Besuche derzeit in vielen Pflegeheimen ab.
Getrennt durch eine Scheibe: So laufen Besuche derzeit in vielen Pflegeheimen ab. © dpa/Jonas Güttler

Die Gesundheitsministerin hat Mitte Mai an die Pflegeeinrichtungen im Freistaat geschrieben und darum gebeten, geeignete Besuchsregeln zu finden. Sie wisse, dass manche so sehr unter den Beschränkungen leiden, dass sie dabei sind, den Lebensmut zu verlieren. „Das kann und darf nicht das Ziel unserer Solidargemeinschaft sein!“

Die Empfehlung: Besuche können „in gesondert erreichbaren Teilen der Einrichtung oder im Außenbereich ermöglicht werden. Vor allem immobilen Bewohnern, die möglicherweise nicht mit dem Bett im Haus transferiert werden können, sind Besuche von Angehörigen und nahestehenden Personen zu ermöglichen“. Nur wird das sehr unterschiedlich gehandhabt. Die Verantwortung trägt immer die Heimleitung, wenn doch etwas passiert und sich Pflegeheimbewohner mit dem Coronavirus infizieren. Manche erlauben Spaziergänge in nahegelegenen Parks, andere finden technische Lösungen wie das Dresdner Heim „Am Gorbitzer Hang“ des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB).

Man habe eine Möglichkeit geschaffen, dass Besucher von außen in den Speisesaal der Einrichtung gelangen können, ohne das Heim mit 243 Bewohnern zu betreten. Im Saal steht ein Zelt mit einer Plexiglasscheibe als Spuckschutz zwischen Bewohner und Besucher, sagt Sprecherin Klaudia Deuchert. 30 Minuten pro Woche soll möglichst jeder Bewohner besucht werden können, der nicht bettlägerig ist. Zwischen den Besuchen werde alles desinfiziert. Die Besuchszeiten seien stark ausgeweitet worden, damit es gerecht zugeht.

In den Heidenauer Häusern des Johanniter-Ordens versuche man, alle Wünsche zu erfüllen, sagt Leiterin Antje Gietzelt. „Wir haben zwei Räume für Besuche eingerichtet, die von außen erreichbar und gut belüftet sind.“ Die Pfleger achteten auf die Abstandsregelungen und darauf, dass jeder einen Mundschutz trägt.

Ein Riesenaufwand für 30 Minuten

Strenge Hygienepläne gelten auch bin den Heimen des Deutschen Roten Kreuzes, sagt Landessprecher Kai Kranich. Je nach Personalausstattung und örtlichen Gegebenheiten – wie entsprechende Räume oder Außenanlagen – gebe es aber unterschiedliche Konzepte für die Besuche der Angehörigen. „Entscheidend ist, wie mobil die Bewohner sind. Man darf sich mit den Angehörigen auch außerhalb der Heime treffen und spazieren gehen.“

In kleinen Heimen stehe eine Stunde pro Bewohner und Tag zur Verfügung, in sehr großen seien es maximal zweimal 30 Minuten die Woche. Die absolute Ausnahme sind Besuche bei bettlägerigen Patienten im Zimmer, sagt Kranich. „Das ist ein Riesenaufwand, weil wir dazu Plexiglasscheiben am Bett aufbauen, permanent lüften und danach alles desinfizieren müssen.“

Peter Schmidts Freundin Beate Müller ist juristisch gesehen keine Angehörige. Ihre Beziehung zu Peter: Es ist ein bisschen kompliziert. Obwohl sich die Senioren schon Jahrzehnte kennen, verheiratet waren sie nie miteinander.

Aus früheren Beziehungen haben beide Kinder und waren einsam, als sie sich kennenlernten. Miteinander Zeit verbringen, auf Reisen gehen. Zuneigung ganz unverbindlich, freier, ohne Verpflichtung. „Heute würde man dazu vielleicht Freundschaft plus sagen“, sagt Beate Müller. „Letztes Jahr waren wir noch zusammen im Urlaub.“

Sie fühle sich verpflichtet, sagt, sie sei Peter noch stärker verbunden, seitdem er Hilfe brauche, er der starke Mann, der Charmeur, der das Wandern und das Meer liebt. Der seit Jahren seine Erinnerung verliert, seine Fähigkeit, den Alltag zu meistern. Im Pflegeheim ist er erst ein paar Monate. Demenzpatienten, die während der Corona-Kontaktsperren ins Heim gekommen sind, hatten keine Chance, ihr Zimmer individuell eingerichtet zu bekommen. Angehörige durften nicht, die Patienten können es nicht mehr.

Neue Regeln ab 6. Juni

Für nicht unmittelbare Verwandte ist es manchmal schwierig, weil sie schnell aus dem Besuchsregime herausfallen können. Sie muss sich die Zeiten mit den Kindern teilen. „Benennen einer einzigen Kontaktperson bedeutet aber, dass eine Auswahl getroffen werden muss zwischen Lebensgefährten oder eigenem Kind“, sagt Beate Müller. „Das ist doch nicht im Sinne der Patienten.“

Ab 6. Juni soll nun eine neue Regelung her, vom Besuchsverbot mit Ausnahmen hin zur Normalität mit Einschränkungen. Die Liga der freien Wohlfahrtspflege in Sachsen wertet unter Federführung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands gerade die Erfahrungen mit den Beschränkungen der vergangenen Monate aus und arbeitet an Empfehlungen, wie Besuche künftig möglichst ansteckungssicher erfolgen sollen. Die Liga vereint fast alle Hilfsorganisationen wie DRK, Diakonie und Arbeiterwohlfahrt unter einem Dach.

An den Empfehlungen will sich das Gesundheitsministerium orientieren, wenn kommenden Mittwoch per Kabinettsbeschluss die Besuchsverbote aufgehoben werden sollen. Aus dem Ministerium heißt es: „Künftig sollen Besuche auf der Grundlage eines Hygieneplanes nach dem Infektionsschutzgesetz oder eines Besuchskonzeptes der Einrichtung ermöglicht werden.“ Sicher ist derzeit nur: An der entsprechenden Rechtsverordnung wird wohl wieder bis zum letzten Moment geschrieben.

Thomas Neumann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband sagt, es gebe innerhalb des Verbandes sehr unterschiedliche Sichtweisen, viele Heime hätten bereits Praxis im Umgang mit Besuchern entwickelt. Die Verbandsexperten befürchteten aber, dass es zu Problemen kommen kann. Werden die Verbote nun aufgehoben, könne es verstärkt Probleme mit manchen Besuchern geben, die schon jetzt wenig Verständnis für Hygieneregeln gehabt hätten und bereits die bisherigen Ausnahmen als eine Rückkehr in die Vor-Corona-Normalität betrachteten. „Die Häuser müssen gucken, wie sie das vor Ort umsetzen können“, sagt Neumann. „Vielleicht wird es ähnliche Regelungen wie in Kindertageseinrichtungen geben, mit festen Gruppen, um die Ansteckungsgefahr zu senken“, sagt Neumann.

Was wird mit Weihnachten?

Das Personal brauche Rechtssicherheit, denn die Verantwortung bleibe auch nach der Aufhebung der Besuchsverbote vor Ort, sodass im Grunde viele der bisherigen Einschränkungen bestehen bleiben könnten. Denn die Pandemie ist längst nicht überwunden, solange es keinen Impfstoff gibt. „Bisher haben wie alle Varianten erlebt, Einrichtungen, die Besuche zulassen, oder sich ganz abschotten.“

Beate Müller sagt, niemand könne vom Pflegepersonal erwarten, dass es sich den ganzen Tag mit jedem Bewohner hinsetzt, um die Zuwendung von Angehörigen zu ersetzen. Deshalb hofft sie, dass sie trotz der Einschränkungen wieder öfter bei ihrem Peter sein kann. Es geht um seine Lebensqualität, denn auch Besucher können dabei helfen, die weniger werdenden, aber noch vorhandene Fähigkeiten und Stärken der Patienten zu erkennen, zumindest ein bisschen zu erhalten.

Ihr Besuch am Donnerstag hat Beate Müller ein bisschen glücklicher gemacht nach all den Wochen mit wenig persönlichem Kontakt. „Wir haben uns richtig gut unterhalten und viel gelacht“, sagt sie. Gute Gespräche bedeuten, sie erzählt und Peter hört zu, als Reaktion lacht oder nickt er gelegentlich. Aber was wird mit Weihnachten? „Für viele Bewohner ist das vielleicht schon das letzte Fest.“ Werden Heimbewohner von der Familie und Freunden besucht werden können, wenn es vielleicht immer noch keinen Impfstoff gibt?

„Es muss mehr getestet werden, dann sind häufigere und nähere Begegnungen möglich“, sagt Beate Müller. „Das Personal geht ja auch jeden Tag nach Hause zur Familie und kann sich so theoretisch anstecken.“ Und es müsse regionale Unterschiede geben. Wenn in Mecklenburg-Vorpommern gar keine Corona-Infektionen mehr existieren, sollte die Politik auch die Besuchsregelungen anpassen.

Das Pflegepersonal guckt nicht auf die Minute beim Termin. Bei einem ihrer letzten Besuche bei Peter hätten die Pflegerinnen auch einmal weggeguckt, als er beim Abschied wollte, dass sie ihre Stirn an seine drückt. Ein kurzer Moment, eine liebevolle Berührung. Und doch zu wenig für einen Demenzkranken.

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Am Ende jedes Telefonats sagt Peter inzwischen zu Beate Müller, dass er sich auf den nächsten Anruf freut, auch wenn er sich an den davor gar nicht mehr erinnern kann. Und auf einen lang ersehnten Besuch in einem Dresdner Biergarten. „Wenn er manchmal davon spricht, sehe ich in seinem Gesicht eine Freude, obwohl so ein Ausflug wegen der fortschreitenden Demenz immer weiter wegzurücken scheint. Aber Ziele sind eben doch wichtig.“

* Name geändert

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