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Ein Kruzianer in der Semperoper

Leopold ist erst 11, aber stand schon auf berühmten Bühnen, ist mit dem Kreuzchor durch China getourt und hat nun ein seltenes Engagement.

Kruzianer Leopold Grüner bei einer Theaterprobe zur Zauberflöte.
Kruzianer Leopold Grüner bei einer Theaterprobe zur Zauberflöte. © Sven Ellger

Diese Hosentaschen sind der reinste Adventskalender. Wenn Leopold die Hände in die Taschen steckt, findet sich immer ein Bonbon darin. Es ist ja auch keine gewöhnliche Hose, die er trägt. Sie gehört zu den Kostümen der Oper „Die Zauberflöte“ und scheint entsprechend verzaubert zu sein. Der Elfjährige trägt sie bisher nur probehalber. Doch aus dem Test wird bald Ernst.

Anfang des neuen Jahres darf Leopold die Riemchen der Latzhose für eine echte Vorstellung über seine Schulter ziehen. Dann wird er in seiner Rolle auf der großen Bühne der Dresdner Semperoper stehen, spielen, singen und ganz sicher Applaus bekommen. „Wir sind drei Knaben, die ziemlich weise und schlau sind und lustige Perücken aufhaben“, erzählt Leopold.

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„Drei Knaben“, damit hat sich der Sechstklässler nicht etwa in einer alten Duden-Version vergriffen. Auch aus heutiger Sicht spricht er völlig richtig, denn alle drei Sänger sind Knaben des Kreuzchores und von dort sozusagen abgesandt, um in der Oper die Rolle für einen kleinen Jungen auszufüllen.

Leopold sitzt sehr gerade auf seinem Stuhl in der Bibliothek des Alumnats. So heißt das Internat, in dem die Kruzianer die Woche über wohnen. Bis zur nächsten Chorprobe hat er noch etwas Zeit. Die Hausaufgaben sind gemacht, also kann er in Ruhe von seinem Leben als Kruzianer erzählen. Das nächste Ziel ist das Adventskonzert im Dynamo-Stadion. Das wird ein großes Ereignis im Chorkalender. 

Recht fachmännisch erklärt Leopold, wie die besondere Unterkleidung funktioniert, die die Knaben in der winterlichen Kälte warm halten wird. Im vergangenen Jahr kam sie zum ersten Mal zum Einsatz. „Das ist eine Art beheizbare Skiunterwäsche. Sie hat Batterien, drei Schaltstufen und funktioniert wirklich gut.“

„Ich bin es gewohnt, wenig Zeit zu haben": Leopold muss seine Termine gut abstimmen.
„Ich bin es gewohnt, wenig Zeit zu haben": Leopold muss seine Termine gut abstimmen. © Sven Ellger

Auf der Semperopernbühne dürfte ihm besagte Kostümierung mit den Wunderhosentaschen genügen. Frieren wird er da nicht, dafür sorgt schon das Lampenfieber. Aufregend war es auch, für dieses Engagement überhaupt ausgewählt zu werden. „Das war ein ziemlich langer Prozess“, sagt Leopold. Jeder Knabe habe einen Stimmbildner, der vorschlägt, wer gut für eine Rolle passt. Nach einem Vorsingen vor dem Chorleiter Roderich Kreile stand fest: Leopold gehört zu den drei Kruzianern, die abwechselnd in die Rolle des schlauen Gesellen schlüpfen dürfen.

Zu den Proben und den Auftritten begleiten Betreuer oder auch die Stimmbildner die jungen Sänger. Der Fahrdienst bringt sie zur Oper und zurück, und wenn nötig, versorgt sie das Kantinen-Team des Kreuzchores sogar mit einem Lunchpaket. Schließlich ist Kruzianer mit zusätzlichen Aufgaben zu sein eine Art Job. Der soll perfekt abgesichert sein.

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Manchmal aber gibt es doch Engpässe: „Ich habe schon mal die Mathe-Hausaufgabe nicht geschafft“, gibt Leopold zu. Zum Glück fällt ihm das Lernen nicht schwer, und er holt Verpasstes leicht auf. „Ich bin es gewohnt, wenig Zeit zu haben“, sagt er. Dafür entschädigen ihn Erlebnisse, die andere Jungs in seinem Alter nicht haben. Schon als Kind in der Semperoper zu singen oder sogar auf große Tournee zu gehen. „Im Sommer war ich mit in China“, erzählt Leopold, und obwohl üblicherweise auf Konzerttouren wenig Gelegenheit bleibt, mehr als Konzerthallen und Kirchen zu sehen, war es dieses Mal anders: „Unser Chorleiter hat darauf geachtet, dass wir tolle Ausflüge machen und viel erleben.“

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