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„Normal ist das noch lange nicht“

Noch beklagt gut jeder dritte Handwerksbetrieb in Sachsen Auftragsrückgänge, aber langsam geht es wieder bergauf.

Nach der Schließzeit stehen Kunden bei Anke Anton (M.) Schlange. Trotz Mehrarbeit durch Hygiene-Auflagen ermöglicht die Friseurmeisterin in Neustadt/S. Luise Hoyer (l.), die Lehre zu beenden. Deren Betrieb hatte ihr im März gekündigt.
Nach der Schließzeit stehen Kunden bei Anke Anton (M.) Schlange. Trotz Mehrarbeit durch Hygiene-Auflagen ermöglicht die Friseurmeisterin in Neustadt/S. Luise Hoyer (l.), die Lehre zu beenden. Deren Betrieb hatte ihr im März gekündigt. © Steffen Unger

Die staatlich befohlene Schließung sei „der Hammer“ gewesen und habe anfangs gelähmt, sagt Anke Anton. „Was wird aus meinen drei Mitarbeitern und dem Lehrling, kann ich den Betrieb überhaupt weiterführen“, habe sich die Friseurmeisterin aus Neustadt in Sachsen gefragt. Die sechs Wochen hätten Kraft gekostet, doch jetzt gehe es bergauf – trotz strenger Hygienevorschriften und dank des Kurzarbeitergelds sowie des Bundeszuschusses. Die 9.000 Euro wolle sie bald zurückzahlen, sagt sie, die gerade ihren „50.“ gefeiert hat und ihr halbes Leben selbstständig ist.

Das Erleben der Innungsobermeisterin für Südsachsen steht stellvertretend für die 56.000 Handwerksbetriebe in Sachsen mit gut 300.000 Beschäftigten. Laut einer Online-Befragung zu den Folgen der Pandemie geht dort bei mehr als jedem dritten Unternehmen der Auftragsbestand zurück. Vor allem am Bau fehle Material, heißt es. Trotz manch erleichterter Verfahren monierten Betriebe die Schwerfälligkeit von Bauämtern und Kfz-Zulassungsstellen. Die große Kündigungswelle sei ausgeblieben, die Betriebe hielten den Personalbestand konstant – auch im Wissen um den Wert guter Fachkräfte. Unterm Strich seien die Erwartungen „gedämpft-optimistisch“.

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„Normal ist das noch lange nicht“, sagt Roland Ermer, Präsident des sächsischen Handwerkstags, „aber wir sind auf einem guten Weg.“ Die Kleinteiligkeit und Flexibilität seiner Wirtschaft helfe Sachsen, so der Präsident jener Dachorganisation von Kammern und Verbänden. Die Interessenvertretung von gut 56.000 Betrieben bescheinigt vor allem der Bundespolitik, Hilfen für pandemiegeschädigte Unternehmen „relativ zügig und effektiv“ auf den Weg gebracht zu haben. Unverschuldet in Not geratene, aber eigentlich gesunde Unternehmen profitierten vor allem von liquiditätsstärkenden Maßnahmen, sagt Ermer. Die Hilfe fände Eingang in das 130-Milliarden-Euro-Konjunkturpaket für 2020 und 2021.

Für Unternehmer sei die Möglichkeit, Verluste stärker als bisher mit früheren Gewinnen verrechnen und schon 2019 einen vorläufigen Verlustrücktrag geltend machen zu können, besonders hilfreich, dazu die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes und die Überbrückungshilfe. Gedacht sind solche Zuschüsse für kleine Firmen und Soloselbstständige, die im April und Mai Umsatzeinbrüche hatten und Ende 2019 noch nicht in Schwierigkeiten steckten.

Laut Sachsens Oberhandwerker hat der Bund aber auch eine Chance vertan, die Liquidität kleiner Firmen zu schonen: Statt die 2005 eingeführte „unselige Vorfälligkeit von SV-Beiträgen“ zu kappen, gelte die Vorschrift auch in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, kritisiert Ermer.

Auch bei der für ein halbes Jahr abgesenkten Mehrwertsteuer habe er Bauchschmerzen. Die Absicht, die Binnennachfrage anzukurbeln, sei gut, aber Kostenaufwand und Nutzen stünden wegen wiederholter Umrüstung von Registrierkassen und Buchhaltungssystemen binnen eines Jahres in keinem akzeptablen Verhältnis. Forderungen der Politik, die Senkung an die Kunden weiterzugeben, brächten Unternehmer in eine moralische Zwangslage. Gastronomen, Hoteliers und Friseure brauchten das Geld dringend, um ihr Eigenkapital zu stärken, oder könnten es „besser den Beschäftigten ausreichen, die das in Coronazeiten auch verdient hätten“.

Er hoffe, dass das Abdriften in die Rezession verhindert werden könne, und dass die prognostizierte Pleitewelle ausbleibt, sagt Ermer. Der Bäckermeister aus Bernsdorf bei Hoyerswerda appelliert an Verbraucher, Gewerbekunden und öffentliche Hand, „an erteilten Aufträgen festzuhalten und uns neue Aufträge zu geben“.

Im Konjunkturpaket „Sachsen startet durch“, sieht das Handwerk „gute Ansätze, um der Wirtschaft wieder Schwung zu verleihen“. Dresdens Kammerpräsident Jörg Dittrich verweist auf den 400 Millionen Euro schweren Stabilisierungsfonds, mit dem das Eigenkapital auch kleiner und mittlerer Firmen durch stille oder offene Beteiligungen gestärkt werden soll. Ob die Nachfrage so hoch sein werde, müsse sich zeigen, sagt er. „Sonst wäre es nur eine Konjunkturspritze für die Aufbaubank.“

Der Dachdeckermeister begrüßt, dass der Landesfördertopf „Regionales Wachstum“ für Kleinbetriebe auf dem Land mit 30 Millionen Euro neu gefüllt wird. Er ist aber enttäuscht, dass das Konjunkturpaket kaum Aussagen zu Modernisierung und Ausbau der öffentlichen Infrastruktur enthält. Auch sei „nicht nachvollziehbar, dass nicht auch Maßnahmen aufgenommen wurden, die kein Geld kosten, aber die Privatwirtschaft entlasten würden“, wie die lange angemahnte Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren und die Anhebung von Schwellenwerten bei freihändiger öffentlicher Auftragsvergabe. Ein „großer Fehler“ sei auch, dass die Berufsausbildung keinen Niederschlag gefunden habe, zumal sie bei der Bundeshilfe „nur unzureichend“ berücksichtigt wurde.

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Trotz oder wegen aller Widrigkeiten sei das Gewerk zusammengerückt, sagt Friseurmeisterin Anke Anton. Sie hat eine neue Mitarbeiterin: Luise Hoyer war Ende März in ihrem Sebnitzer Lehrbetrieb gekündigt worden – kurz vor der Gesellenprüfung. Die 19-Jährige, die schon im Kindergarten Friseurin werden wollte, ist froh, dass sie die Ausbildung beenden kann. Und ihre Meisterin über ihre neue Fachkraft.

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