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Wie der Görlitzer Nahverkehr durch die Corona-Zeit kommt

Die Fahrgastzahlen erholen sich allmählich, sagt GVB-Chef Andreas Trillmich. Finanziell hat er trotz aller Einnahmeausfälle eine große Hoffnung.

Andreas Trillmich (56), Geschäftsführer der Görlitzer Verkehrsbetriebe (GVB), steht neben einer neu gestalteten Straßenbahn.
Andreas Trillmich (56), Geschäftsführer der Görlitzer Verkehrsbetriebe (GVB), steht neben einer neu gestalteten Straßenbahn. © Nikolai Schmidt

Die Corona-Krise war für den ÖPNV doppelt hart. Einerseits mussten viele Menschen während des Lockdowns zuhause bleiben, fielen somit als Fahrgäste aus. Andererseits ist das Vertrauen in den öffentlichen Nahverkehr deutschlandweit zurückgegangen. Die Ansteckungsgefahr in Bus und Bahn galt besonders im Frühling als sehr hoch. Beide Probleme machten auch um die Görlitzer Verkehrsbetriebe (GVB) keinen Bogen. Doch wie hat sich die Situation seither entwickelt? Und wie sehr leidet die GVB bis heute unter der Krise? Geschäftsführer Andreas Trillmich erklärt im SZ-Interview, wie die Lage ist.

Herr Trillmich, sind die Fahrgastzahlen heute wieder da, wo sie 2019 waren?

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Leider noch nicht, aber wir erleben einen stetigen Anstieg. Mittlerweile haben wir 85 Prozent des ursprünglichen Niveaus erreicht, Tendenz steigend.

Sind es eher die älteren Fahrgäste, die noch fehlen, weil sie Angst haben?

Nein, das zieht sich durch alle Gruppen: Schüler, Berufstätige, Rentner. Aber wenn kein zweiter Lockdown kommt, dann gehe ich davon aus, dass die weitere Entwicklung stetig nach oben geht.

Wie stark sind die Fahrgastzahlen bei der GVB eingebrochen?

Im Januar und Februar sah es super aus, da lagen wir etwa fünf Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Mit dem Einbruch im März hatten wir plötzlich nur noch rund 30 Prozent der Erlöse des Vorjahres. Das summierte sich dann so stark, dass wir von Januar bis Mai insgesamt 200.000 Euro Einnahmen weniger als geplant hatten. Es ist ja kaum noch jemand mit Bus und Bahn gefahren, der Schülerverkehr fiel im Lockdown komplett weg, Tourismus und Freizeitverkehr auch – und damit die Kleingruppentickets. Geblieben sind überwiegend die Menschen, die in medizinischen Berufen oder im Handel arbeiten. Sie mussten ja weiter zur Arbeit gelangen. Wir haben kaum noch Einzelfahrscheine verkauft. Zum Glück haben uns unsere Abo-Kunden die Treue gehalten, sodass dort kaum Einbrüche zu verzeichnen waren.

Aktuell steigen die Corona-Zahlen wieder ganz leicht an. Spüren Sie das im Ticketverkauf?

Nein, momentan nicht. Aber tatsächlich ist es so, dass wir solche Entwicklungen immer erst einen Monat zeitversetzt an den Umsatzerlösen merken. Ich bin aber zuversichtlich, dass es dazu jetzt nicht kommt. Wir haben sehr viel getan, um das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen.

Was denn konkret?

Wir haben am Anfang der Pandemie ein Krisenteam gebildet, das täglich zusammenkam. Vorderstes Ziel war der Schutz unserer Kollegen und Fahrgäste. Für den Luftaustausch haben wir sehr schnell die Zwangsöffnung der Türen an den Haltestellen eingeführt. Die erste Tür bleibt bei den Bussen geschlossen, den Sitzbereich des Fahrers haben wir zunächst mit Flatterband abgesperrt, mittlerweile in den ersten Bussen mit Plexiglasscheiben, sodass wir dort künftig die Fahrertür wieder öffnen können. Hinzu kommt, dass wir unsere Fahrzeuge öfter reinigen und eine Flächenbehandlung mit Desinfektionsmittel durchführen. Darüber hinaus fahren wir, soweit möglich, mit großen Bussen und bei den Straßenbahnen in Doppeltraktion, damit die Fahrgäste mehr Platz haben. Und wir haben automatische Durchsagen eingeführt, zum Teil sogar dreisprachig.

Ziehen sie das alles bis heute so durch?

Ja. Es gibt keinen Grund, irgendetwas davon zurückzunehmen. Auch mit dem Schuljahresbeginn am Montag ändert sich an den Corona-Maßnahmen gar nichts. Die einzige Änderung hat nichts mit Corona zu tun: Pünktlich zum Schulbeginn können wir auf der Linie D im morgendlichen Schülerverkehr eine zusätzliche Fahrt um 8.06 Uhr ab Klingewalde anbieten, am Nachmittag kommen zwei Fahrten ab Demianiplatz um 13.41 und 14.41 Uhr hinzu, um die Schüler im Halbstundentakt Richtung Klingewalde befördern zu können. Damit reagiert die Stadt als Besteller der Leistungen auf Beschwerden von Fahrgästen. Um diese zusätzlichen Fahrten zu kompensieren, mussten weniger frequentierte Fahrten wegfallen.

In Bus und Bahn gilt eine Maskenpflicht. Wie setzen Sie diese durch?

Sowohl die Fahrer als auch die Ticketkontrolleure sollen darauf achten. Weiteres Personal haben wir nicht. Damit ist klar: Wir können uns nur auf Stichprobenkontrollen verlassen. Eine flächendeckende Kontrolle ist nicht möglich. Auch das Ordnungsamt der Stadt ist dafür nicht im Einsatz. Umso mehr freuen wir uns über die große Akzeptanz der Maskenpflicht in der Bevölkerung. Weit über 90 Prozent unserer Fahrgäste tragen Mund-Nasen-Schutz.

Und was passiert mit denen, die sich nicht daran halten?

Ein Großteil setzt die Maske auf, damit war die Sache bisher für uns erledigt. Bei den wenigen Eskalationsfällen, die wir erleben, fordern wir die Polizei an. Diese verweist hartnäckige Verweigerer des Busses oder der Straßenbahn. Vorige Woche hatten wir drei Fälle, wo die Polizei kommen musste. Prinzipiell setzen wir aber lieber darauf, vernünftig mit den Leuten zu sprechen.

Die rückläufigen Fahrgastzahlen haben zu finanziellen Einbußen geführt. Können Sie diese kompensieren, indem sie irgendwo sparen?

Zunächst einmal: Die gesunkenen Einnahmen sind nur das eine Problem. Das andere sind die gestiegenen Kosten, etwa für die häufigere Reinigung, die Desinfektion, den Umbau der Fahrerbereiche und das Fahren mit größeren Fahrzeugen. Trotzdem wollen wir nicht am Fahrgast und dem Vertrieb sparen. Unser langfristiges Ziel ist nach wie vor, die Fahrgastzahlen nachhaltig zu erhöhen. Deshalb dürfen wir da nicht den Rotstift ansetzen.

Wie gehen Sie stattdessen mit den Einbußen um?

Wir gehören zum Glück einer Branche an, die einen Rettungsschirm erhalten wird. Dafür müssen wir in den nächsten Wochen unseren Gesamtschaden melden. Wir sind gerade dabei, den für die Zeit bis August zu ermitteln. Es wird eine höhere sechsstellige Summe sein. Unser Ziel ist es, 100 Prozent der Einnahmeverluste und der Mehraufwendungen über den Rettungsschirm ersetzt zu bekommen. Ich habe die Hoffnung, dass uns das gelingen wird.

Aber bisher haben Sie das Geld noch nicht. Wovon leben Sie aktuell?

Wir finanzieren uns derzeit von Bankguthaben und natürlich den aktuellen Einnahmen. Insofern habe ich schon sehr große Hoffnungen auf den bundesweiten Rettungsschirm. Der Bund hat bereits 2,5 Milliarden Euro für den ÖPNV bereitgestellt.

Und Sie sparen derzeit nirgendwo?

Doch. Aber möglichst nur da, wo es den Fahrgast nicht trifft. Beispielsweise suchen wir Sparpotenziale bei Instandsetzungen und fragen uns immer: Was ist dringend? Was lässt sich eventuell verschieben? Wir schauen genau, welches Geld wir ausgeben und welches nicht. Die Eröffnungsfeier für unser neues Kundenbüro haben wir verschoben. Aber die holen wir später nach.

Sie beschäftigen rund 100 Mitarbeiter. Sind in der Krise viele ausgefallen?

Nein, es gab keinen hohen Krankenstand. Dafür bin ich sehr dankbar. Für die Kollegen war das keine einfache Zeit. Aber wir haben trotz widriger Bedingungen ein vernünftiges Angebot zur Verfügung gestellt. Auch künftig bleiben wir sehr wachsam.

Steht der Zeitplan für die Anschaffung der acht neuen Niederflur-Straßenbahnen oder gibt es Corona bedingte Verzögerungen?

Die im März gestartete Ausschreibung läuft weiter. Unser Ziel bleibt es, im nächsten Jahr den Zuschlag zu erteilen. Bis dahin wird wenig nach außen dringen. Das ist bei Ausschreibungen so üblich. Vom Auftrag bis zur Fertigstellung vergehen gewöhnlich zwei bis drei Jahre. Wenn alles gut geht, könnte also Ende 2023/Anfang 2024 das erste Fahrzeug in Görlitz sein und für den Testbetrieb im Depot stehen, später in den Probebetrieb auf Strecke und schließlich in den regulären Betrieb gehen. Unser Plan ist, dass Ende 2025 die komplette Straßenbahnflotte ausgetauscht ist. Daran halten wir Stand heute weiter fest.

Viele Görlitzer hoffen auf eine Straßenbahn-Anbindung für das Klinikum. Wird die kommen?

Das ist auch mein Herzenswunsch. Zunächst mussten wir die Thematik vernünftig vorbereiten. Mittlerweile ist die Trassenuntersuchung soweit fertig. Wir haben fünf verschiedene Varianten untersucht und eine Vorzugsvariante ermittelt. Welche das ist, kann ich noch nicht sagen. Wir wollen unsere Trassenuntersuchung zunächst unseren Gremien und dem Stadtrat zur Grundsatzentscheidung vorlegen. Jetzt sind wir fast soweit. Ich hoffe, das Thema geht dieses Jahr noch in den Stadtrat.

Die Kosten sind der entscheidende Punkt, ob gebaut wird oder nicht?

Ja, die Kosten, aber auch die Frage, welche Entwicklungsmöglichkeiten es gibt. Am Ende muss der Stadtrat entscheiden: Wollen wir das und wenn ja, in welcher Form? Wir können es nur so gut wie möglich vorbereiten und Argumente liefern. Ich hoffe auf eine Grundsatzentscheidung in den nächsten Monaten. Die weitere Zeitschiene hängt von vielen Faktoren ab, etwa vom Planungsrecht oder Förderprogrammen.

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