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Sachsens Bauern sehen Ernte dauerhaft schrumpfen

Nach zwei Dürrejahren sind die Erträge diesmal etwas besser. Doch die Landwirte haben Mäuse und neue Sorgen.

Genau richtig: In dieser Größe verkauft Thomas Dorroch Pflanzkartoffeln.
Genau richtig: In dieser Größe verkauft Thomas Dorroch Pflanzkartoffeln. © Sebastian Kahnert/dpa

Zwönitz. Die Futtersilos für die Kühe sind gefüllt, nun beginnt Thomas Dorroch mit der Kartoffel-Ernte. Bis in den Oktober werde er damit zu tun haben, sagte der Landwirt in Zwönitz im Erzgebirge am Mittwoch. Der Milch- und Kartoffelexperte war Gastgeber für Sachsens Agrarminister Wolfram Günther (Grüne) und Bauernpräsident Thomas Krawczyk, die gemeinsam Bilanz über die Ernte zogen. Auf Dorrochs Äckern hat es jüngst stark geregnet, sodass er die Pflanzkartoffeln unbeschädigt aus der Erde holen und im Frühjahr an andere Bauern zum Pflanzen ausliefern kann. Die dicksten Kartoffeln verkauft er in seinem Hofladen an Verbraucher, die zum Pflanzen dürfen kleiner sein.

Dorroch ist mit seiner Ernte ganz zufrieden und wird auch zum vierten Mal in diesem Jahr Futter hauen – in Nordsachsen dagegen fiel örtlich schon der dritte Schnitt wegen Trockenheit aus. Auch Dorroch hat gemerkt, dass manche Teile seiner Felder zeitweise trocken blieben, während der Netto-Markt im Ort unter Wasser stand. Außerdem erfror im Frühjahr ein Teil seines Grases. Sicherheitshalber baute er für seine 1.450 Milchkühe mehr Kleegras und Luzerne an und verzichtete damit auf Feldfrüchte, die er hätte verkaufen können.

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Unterschiede in Sachsen: Trockenheit vor allem im Norden

Bauernpräsident Torsten Krawczyk nannte die Ernte „leicht besser als voriges Jahr“. Doch damit sei er nicht glücklich, schließlich waren die beiden vorigen Jahre sehr trocken. Es werde wohl „zur Normalität werden, dass wir auf niedrigerem Niveau ernten als früher“, sagte Krawczyk. Auch das Statistische Landesamt in Kamenz berichtete am Mittwoch, die Getreideernte habe zwar nach erster Schätzung höhere Erträge als voriges Jahr gebracht, aber pro Hektar nur 6,87 Tonnen. Das sind 200 Kilo weniger als im sechsjährigen Durchschnitt. Bei Raps dagegen stieg der Ertrag pro Hektar, außerdem hatten die Bauern ihn auf mehr Äckern gesät. Krawczyk berichtete von großen Unterschieden innerhalb Sachsens. Der Norden litt unter Trockenheit, die Oberlausitz sei diesmal „etwas besser zurechtgekommen“.

Viehfutter: In trockenen Gegenden fehlen Vorräte

Minister Günther berichtete, dass es im Juni zu wenig Regen im Raum Riesa, zugleich sehr viel im Zittauer Gebirge gab. Vielerorts gelang es nicht, die Wasserreserven im Boden aufzufüllen. Laut Wolfgang Vogel aus Grimma, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes, droht erneut Futtermangel im Norden. Zwar gebe es eine Futtermittelbörse des Verbandes, aber Futter vom Gebirge weit weg zu fahren, lohne sich nicht: „Die Hälfte des Preises klebt auf den Rädern.“ Weil der Winter mild war, haben sich außerdem Mäuse stark vermehrt, wie etwa alle sechs Jahre. Da lasse sich der Einsatz von Chemikalien nicht vermeiden.

Preise: In Corona-Zeit wenig Bewegung

Laut Landesbauernverband ist die Ernte insgesamt „durchwachsen“, bei den Preisen gebe es wenig Bewegung. Krawczyk sagte, wegen Corona warte der Handel ab, und alle seien „in Habachtstellung“. Bauer Dorroch bekommt für sein wichtigstes Produkt Milch derzeit gut 30 Cent pro Liter in Leppersdorf, hält langfristig aber 35 bis 40 Cent für nötig.

Dürrehilfen: Zuschuss zu Versicherung geplant

Wegen der Trockenheit gab es in den vergangenen beiden Jahren Dürrehilfen für Betriebe, die Existenzgefährdung und 30 Prozent weniger Ertrag als im Durchschnitt nachwiesen. Statt solcher Nothilfen fordert der Bauernverband schon lange eine Mehrgefahrenversicherung mit staatlichen Zuschüssen. Minister Günther setzt sich beim Bund dafür ein. Die Steuer auf vorhandene Versicherungen wurde fast ganz gestrichen. Der Bauernverband plant fürs nächste Jahr mit einer Versicherung ein Pilotprojekt für jene Betriebe, die am stärksten zu leiden hatten. Minister Günther will mit den Bauern über eine Klimaanpassungsstrategie diskutieren – für ihn gehören dazu mehr Vielfalt im Ackerbau, wasserschonende Bearbeitung und bessere Speicher. Digitalisierung der Agrartechnik lasse auf mehr Effizienz hoffen.

Konflikt: Verzicht auf Gift und Pflug zugleich?

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Die Bauern haben noch mehr Sorgen. Dorroch sieht einen „Zielkonflikt“ darin, dass er einerseits auf Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat verzichten, andererseits aber möglichst ohne Pflug die Felder bestellen soll. Ohne Herbizide müsse er wieder pflügen, das sei aber nicht wassersparend, sagte er dem Minister. Günther erinnerte daran, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis 2030 halbiert werden soll – aber nicht abgeschafft. Manche Chemikalien nützten nichts mehr, weil Schädlinge resistent würden. Nitrat im Grundwasser und Versicherungen für Bauern sind diese Woche auch Thema in Sachsens Landtag.

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