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TU Dresden: Der Elite-Macher geht

Hans Müller-Steinhagen ist nicht nur Universitätsrektor, sondern auch Erfinder des Dresdner Wissenschaftsstandorts. Nun geht er in den Ruhestand.

Ein Ingenieur und Wissens-Manager für Dresden geht: Professor Hans Müller-Steinhagen kam vor zehn Jahren vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Thermodynamik war seine Spezialität.
Ein Ingenieur und Wissens-Manager für Dresden geht: Professor Hans Müller-Steinhagen kam vor zehn Jahren vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Thermodynamik war seine Spezialität. © Christian Juppe

Dresden. Die Pappkartons stehen bereit, allerdings noch sind sie leer. Gelbe Plastekisten stehen daneben, voll mit eiligen Dokumenten und Ordnern. Die Pappkisten gehören zum Auszug aus dem Rektorat. Die gelben daneben sind der alltägliche Wahnsinn. Es sind die letzten Hausaufgaben für den Rektor im Amt. Für Professor Hans Müller-Steinhagen endet eine zehnjährige Zeit als Rektor der Technischen Universität Dresden. Mit 66 Jahren fängt für ihn ein neues Leben an. Der Ruhestand ist für Professoren gesetzlich geregelt. Na ja, mit der Ausnahme hier und dort. Die wird Hans Müller-Steinhagen finden, um nicht von 180 Prozent Arbeit auf null zu fallen.

Moderne Computergrafiken hängen an den Wänden im Rektorat. Das passt. Ölgemälde als Wandschmuck hier, mitten im innersten Kern einer der modernsten Unis Deutschlands, hätten keine Chance, von ihm geduldet zu werden. Wurden auch nicht. Ebenso wenig wie die große Meißner Porzellanvase, die einst in der Ecke das Rektorat schmückte. Das 50.000 Euro-Stück ging zurück an die Kunstsammlung der Uni-Kustodie. Damals, vor zehn Jahren.

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Und nun? Ein neuer Rektor, eine Rektorin, wird am 18. August hier einziehen, ihren eigenen Stil mitbringen und ihre eigenen neuen Ideen für die TU. Was das für die Uni bedeutet, was bleibt, was wird sich ändert – darüber spricht SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön mit Hans Müller-Steinhagen wenige Tage vor seinem letzten Arbeitstag als Rektor.

Herr Müller-Steinhagen, was gibt's noch zu tun in den letzten Tagen im Amt?

Das ist so wie die zehn Jahre davor auch. Eben habe ich sechs neue Professoren berufen. Und dort stehen drei gelbe Postkisten mit Akten. Die kommen nicht weg, sondern müssen am Abend durchgearbeitet werden. In den nächsten Wochen werde ich ganz sicher unzählige Mails beantworten. Ich gehe auch davon aus, dass mein Fahrer das eine oder andere Mal noch nach Radebeul kommt und Akten dabeihat. Nur die offiziellen Unterschriften, die gebe ich diesen Freitag letztmalig.

Sie machen jetzt Urlaub bis zur offiziellen Amtsübergabe im August. Richtig Urlaub oder doch wieder Homeoffice?

Schon richtig Urlaub, ich werde im Schwarzwald wandern gehen. Auch, um einen gewissen Abstand zu bekommen.

Ab nächster Woche gibt es statt Kaffee im Rektorat dann Kirschen aus dem Garten und den Spaziergang durch die Weinberge von Radebeul?

Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Kommende Woche ist ja zum Beispiel auch einen Tag lang Aufsichtsratssitzung und Mitgliederversammlung bei der TUDAG, der TU Dresden Aktiengesellschaft. Dort bin ich Aufsichtsratsmitglied. Solche Funktionen bleiben mir noch einige Zeit erhalten.

Und Sie werden Präsident der DIU, der Dresden International University. Krempeln Sie diese Privat-Uni der TU Dresden dann komplett um? Oder bleibt alles, wie´s ist?

Ich bin noch nirgends hingegangen mit dem Vorhaben, einfach alles zu lassen, wie es ist. Wer stehen bleibt, wird überholt. Die DIU hat sich zu einer der größten Privatuniversitäten Deutschlands entwickelt. Da fließt kein Cent Steuergeld rein und auch kein Euro der TU Dresden.

Als Rektor der TU Dresden hat er die Universität seitdem zweimal in den Kreis der deutschen Elite-Unis gebracht. Jetzt geht er in den Ruhestand. Offiziell zumindest.
Als Rektor der TU Dresden hat er die Universität seitdem zweimal in den Kreis der deutschen Elite-Unis gebracht. Jetzt geht er in den Ruhestand. Offiziell zumindest. © Matthias Rietschel

Aber was wollen Sie dann ändern?

Es entstehen neue Studiengänge, die infolge der zunehmenden Digitalisierung und des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz auch in der Weiterbildung benötigt werden. Wieder andere werden wir beenden. Ich werde sehr viel stärker die Potenziale der TU Dresden für neue Studiengänge nutzen. Und es sollen mehr internationale Studierende hierherkommen. Derzeit sind es 35 Prozent. Auch könnten unter dem Dach der DIU noch ganz andere Kooperationen mit ausländischen Universitäten aufgebaut werden.

Zweimal Elite-Uni. Das ist schon was. Was aber war Ihr größter Coup in den zehn Jahren?

Da gibt es nicht nur eine einzelne Sache, die mir am wichtigsten war. – Oder vielleicht doch. Ich glaube, die wichtigste Aufgabe des Rektors ist, die richtigen Professorinnen und Professoren zu berufen. Sie machen die Lehre und Forschung, und sie bringen Ideen in den Transfer. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren über 350 neue Professorinnen und Professoren an die TU Dresden berufen. Das sind 60 Prozent der gesamten Professorenschaft.

Und die alle kennen Sie …

… sehr viele, die meisten. Aber natürlich nicht alle 600 mit Namen und Gesicht.

Hatten Sie bei der Bewerbung um die Exzellenz-Uni eigentlich die erhoffte Unterstützung von Stadt, Land und den Instituten hier?

Wahrscheinlich habe ich sogar mehr bekommen, als ich vor zehn Jahren erwartet hatte. Ich bin so gut hier aufgenommen, ja adoptiert worden; großartig.

Eines Ihrer Ziele aber haben Sie trotzdem nicht erreicht, unter die Top 100 der Universitäten weltweit zu kommen.

Es war eines meiner zehn Ziele. Aber wir sind immerhin in den internationalen Rankings von Platz 300 unter die besten 150 gekommen. 150 Plätze rutscht man nicht einfach mal so zufällig hoch. Und, diese Rankingagenturen haben in ihren Datenbanken inzwischen fast 20.000 Hochschulen weltweit. Wenn man da unter die besten 150 kommt, dann ist das nicht so schlecht.

Wird es die Universität unter die Top-100 schaffen?

Ich bin mir sicher, dass es die TU Dresden in den kommenden Jahren auch in die Top-100 schaffen wird. Wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft inzwischen wiederholt feststellte, hat die TU Dresden eine Ausnahmeentwicklung durchlaufen im Vergleich zu allen anderen deutschen Universitäten. Und diese Ausnahmeentwicklung geht weiter. Eine Schwachstelle ist noch die Reputation, die internationale Bekanntheit unter den Wissenschaftlern. Da sind wir immer noch nicht unter den bekanntesten 1.000 Universitäten.

Mit wem kann sich die Uni derzeit weltweit etwa messen?

Aus meiner eigenen Erfahrung heraus zum Beispiel mit Sydney und Melbourne. Oder in England mit Manchester. Alle, die auf den Plätzen zwischen 75 und 150 liegen, an denen sollten wir uns orientieren.

Was ist Ihre Vision für die Universität in den nächsten zehn Jahren?

Die neue Rektorin, ihre Prorektorinnen und Prorektoren und ihr Kanzler werden den Campus weiter ausbauen. Wir haben ein Bauprogramm für die nächsten acht bis zehn Jahre, das vom Ministerium bewilligt ist, in Höhe von fast 800 Millionen Euro. Zum 200-jährigen Jubiläum der Universität 2028 wird hier ein Campus entstanden sein, der in Deutschland eine Spitzenstellung einnimmt. Wir haben dafür die gesamten Außenflächen neu planen lassen von einer internationalen Landschaftsarchitektur-Firma. Das wird eine tolle Sache. Wunderschön und anforderungsgerecht. Es wird die akademische Leistungsfähigkeit und die internationale Sichtbarkeit nochmals beschleunigen.

Ehrlich sagt er: „Ich habe nie verborgen, dass es mir schwerfällt, dieses Amt aufzugeben.“
Ehrlich sagt er: „Ich habe nie verborgen, dass es mir schwerfällt, dieses Amt aufzugeben.“ © Matthias Rietschel

Bleibt das nur eine Vision?

Die ersten Planungen dafür haben vor drei Jahren begonnen. Wir starten bereits mit der Umsetzung. Jedes Jahr ein Stück. Und immer mehr, je näher die TU Dresden an ihr Jubiläum kommt.

Ist die Uni danach mehr Park oder eher ein hypermodernes Wissens-Center?

Von beidem etwas. Es wird eine Mischung sein. Denkmalgeschützt sanierte Gebäude im Zentrum, und außen um den Kerncampus werden die supermodernen Zentren entstehen.

Ist dafür überhaupt genügend Platz?

Für die derzeit geplanten Baumaßnahmen sind die Flächen vorhanden.

Und außerhalb von Dresden? Wie steht es um das Mega-Projekt eines IT-Campus am See bei Hoyerswerda, den Zuse-Informatik-Campus als Außenstelle?

Darüber muss letztlich die Landespolitik entscheiden, wie die Gelder für den Strukturwandel in der Lausitz eingesetzt werden. Ich kann mir vorstellen, dass in der Lausitz ein Zweig-Campus der TU Dresden entstehen könnte. Vielleicht aber nicht in der Größe, wie es noch vor einigen Monaten diskutiert wurde. Es wird in den kommenden Monaten daran gefeilt. Aus der sehr visionären Idee muss ein konkreter Plan werden. Und dann treffen die Landesregierung und der Landtag die Entscheidungen. Ich gehe aber fest davon aus, dass die Universitätsleitung und die Professoren der Fakultät Informatik in die Entscheidungen mit einbezogen werden.

In einem Monat beginnt Ihre Nachfolgerin im Rektorenamt. Sie hat bereits angekündigt, einige Dinge grundlegend anders anzugehen. Macht Ihnen das Angst ums Erreichte?

Ich fürchte hier überhaupt nichts. Ich bin der Überzeugung, dass wir eine hervorragende Wissenschaftsmanagerin als Rektorin für die TU bekommen. Es kann durchaus sein, dass sie Dinge anders macht. Forschung und Wissenschaft ändern sich ja auch ständig. Daher gibt es an jeder Universität kontinuierliche Veränderungen. Trotz Exzellenzstatus gibt es auch hier Dinge, die anders, besser gemacht werden können.

Wird es eine inhaltliche Neuausrichtung der bisher Technischen Universität geben?

Das kann ich Ihnen so nicht sagen. Aber die Freiräume, binnen kurzer Zeit eine ganze Universität neu auszurichten, sind so gar nicht vorhanden. Die Professoren sind auf ihre Wissensgebiete mit bestimmten Widmungen berufen bis zur Pensionierung. Und zwischen Universität und Freistaat gibt es Zielvereinbarungen, die die inhaltlichen Schwerpunkte festlegen.

Elite-Uni zu sein ist das eine, wo sehen Sie noch Nachholbedarf und Chancen?

Wir wollen künftig vor allem fünf Potenzialbereiche stärken: In den Geistes- und Sozialwissenschaften betrifft das den Schwerpunkt gesellschaftlicher Wandel. Außerdem geht es um die Themenbereiche Mobilität, Wasser, Neurowissenschaften sowie Digitalisierung und Data Science.

Vor genau zehn Jahren fand hier im Rektorat das erste Interview überhaupt mit Hans Müller-Steinhagen als neuem TU-Rektor statt. Jetzt gibt er SZ-Redakteur Stephan Schön sein letztes Interview in diesem Amt.
Vor genau zehn Jahren fand hier im Rektorat das erste Interview überhaupt mit Hans Müller-Steinhagen als neuem TU-Rektor statt. Jetzt gibt er SZ-Redakteur Stephan Schön sein letztes Interview in diesem Amt. © Matthias Rietschel

Ist etwas liegen geblieben in diesen zehn Jahren? Was wurde nicht erreicht?

Liegen geblieben ist sicherlich der weitere Ausbau und der Einsatz des Alumninetzwerks. Und nicht erreicht haben wir die Eigenständigkeit bei Baumaßnahmen. Wir brauchen die Liegenschaftshoheit und die Bauherreneigenschaft, damit wir schneller, preiswerter und bedarfsgerechter bauen können. Das ist mir nicht gelungen und bleibt ein Nachteil im internationalen und auch nationalen Wettbewerb. Wenn ich zehn Jahre benötige, um ein neues Gebäude zu erhalten , dann gibt es beim Einzug schon wieder einen ganz anderen Bedarf. Wenn wir Bauherren wären, könnten wir besser und schneller agieren. Aber, da sind wir nach Jahren immer noch in Verhandlungen mit den Ministerien und kommen nicht weiter. Hier hoffe ich ganz stark auf meine Nachfolgerin und den Kanzler.

Nach zehn Jahren hier in Dresden, wie hat sich die Stadt, wie haben sich die Menschen in dieser Zeit verändert?

Dresden ist noch schöner geworden in dieser Zeit. Aber die Stadt ist deutlich stärker polarisiert. Wir haben Pegida, wir haben die AfD und eine wachsende gesellschaftliche Spaltung. In der Mitte der Gesellschaft nimmt die Zurückhaltung zu, sich politisch zu positionieren. Ich habe aus tiefster persönlicher Überzeugung immer wieder die Menschenkette am 13. Februar angemeldet und in der Universität dafür geworben. Um zu zeigen, dass manche Dinge eben nicht toleriert werden dürfen, habe ich immer wieder für Engagement für Weltoffenheit und Toleranz und gegen rechte Tendenzen aufgerufen. Da muss man als Rektor sichtbar sein. Das hat die Universität nicht gespalten, im Gegenteil. Die klare Ansage der Universität nach außen hat sie eher zusammengeführt. Bis auf wenige Ausnahmen ist hier ein Grundkonsens vorhanden.

Sollte eine Universität sich nicht besser aus politischen Dingen raushalten?

Keinesfalls. Eine Universität muss sich geradezu politisch zu Wort melden und positionieren. Nicht parteipolitisch, sondern für bestimmte Grundwerte des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Das ist legitim. Wir sind ja kein bloßes Ausbildungszentrum, sondern eine gesellschaftliche Einrichtung. Zur Bildung zählen Werte, die muss man nach außen klar zeigen und vertreten. Andernfalls hat eine Universität in meinen Augen ihre Aufgabe verfehlt.

Am Freitag ist Ihr letzter Arbeitstag, danach Urlaub und Amtswechsel. Es ist doch eigentlich ärgerlich: Jetzt, wo es besser denn je an der Uni läuft, müssen Sie gehen. Hätten Sie gern noch mal eine Wahlperiode drangehangen, wenn´s rechtlich gegangen wäre?

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Ich habe nie verborgen, dass es mir schwerfällt, dieses Amt aufzugeben. Ob ich mich wirklich für eine volle Amtszeit von fünf Jahren entschieden hätte, weiß ich nicht. Es ist eine extrem anstrengende Tätigkeit. Ich habe zehn Jahre lang an die 80 Stunden pro Woche gearbeitet und einen erheblichen Teil meines Urlaubs verfallen lassen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das in dem Tempo noch einmal fünf volle Jahre hätte durchziehen können. – Na ja, so ein, zwei Jährchen, die hätte ich mir aber schon noch zugetraut.

Interview: Stephan Schön

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