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Radebulli ist einmal die Woche auf Sendung

Normalerweise ist Robert Kaiser von der mobilen Jugendarbeit in Radebeul mit einem VW-Bus unterwegs. Doch nun kommt er übers Internet auch nach Hause.

Mit einem Tablet als Kamera zeichnet Robert Kaiser mit seinem Team im Jugendtreff Weißes Haus die Sendung für Radebulli auf. Unmittelbar live können Jugendliche über Instagram alles verfolgen und mit den Machern chatten.
Mit einem Tablet als Kamera zeichnet Robert Kaiser mit seinem Team im Jugendtreff Weißes Haus die Sendung für Radebulli auf. Unmittelbar live können Jugendliche über Instagram alles verfolgen und mit den Machern chatten. © Arvid Müller

Radebeul. Die Überschrift ist reißerisch und erinnert an die Boulevardzeitung mit den vier großen Buchstaben: „Sozialarbeiter (34) gesteht: In den Jugendclubs wird doch eh nur gesoffen und Drogen konsumiert.“ Mit diesem Einstieg machten Robert Kaiser und Peter Heilsberg vom Jugendhaus Weißes Haus mit einem Videoclip auf ihre nächste Sendung aufmerksam. Jeden Mittwoch gehen sie mit Radebulli-Live über das soziale Netzwerk Instagram auf Sendung. Die jüngste Folge handelte von Fakenews, Falschnachrichten.

Robert Kaiser ist seit 2011 für die mobile Jugendarbeit in der Lößnitzstadt zuständig. Mit einem grünen VW-Bus, dem Radebulli, steuert er Orte im Stadtgebiet an, wo sich Jugendliche treffen. Er sucht mit ihnen das Gespräch oder vermittelt, wenn es Probleme gibt. Die provokante Schlagzeile wurde bewusst gewählt. Denn dieses Klischee von Jugendclubs steckt in manchen Köpfen.

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Jugendliche haben mit Vorurteilen zu kämpfen

Es gibt noch andere Vorurteile. Tauchen an Wänden oder Mauern Graffiti auf - wer hat sie gesprüht? „Die Jugendlichen!“ Dröhnt abends laute Musik aus einem Park und liegt morgens Müll um die Bänke herum - wer war’s? „Die Jugendlichen!“ Sind irgendwo Schäden durch Vandalismus zu verzeichnen - wer hat wieder gewütet? „Die Jugendlichen!“

„Es gibt nicht die Jugendlichen“, sagt Kaiser. Sobald aber ein, zwei oder drei von ihnen Bockmist machen und sich etwas zu Schulden kommen lassen, heißt es immer pauschal „die“. „Der Großteil ist engagiert und bringt sich ein“, weiß Kaiser aus Erfahrung.

Junge Leute suchen und benötigen Räume, wo sie sich treffen, Hobbys und Sport nachgehen können. „Nachmal wird es halt auch etwas lauter, wenn Musik dabei läuft“, wirbt Kaiser um Verständnis. Jedoch die Freiräume werden in einem urbanen Gebiet wie Radebeul immer kleiner, wo mal der Volume-Knopf am Radio höher gedreht werden kann, ohne gleich einen Nachbar zu stören. „Immer mehr Flächen werden abgezäunt oder zugebaut“, beobachtet Kaiser. Orte für Jugendliche sind rar.

Jugend benötigt Freiräume

Wenn man ihnen aber Räume anbietet, die sie auch selbst gestalten können, lassen sie nicht nur ihrer Kreativität freien Lauf, sondern lernen den Platz auch ganz anders wertschätzen. „Sie pflegen ihren Volleyballplatz, verteidigen ihre Skaterbahn“, so Kaiser. Beides ist beispielsweise am Weißen Haus zu finden. „Wo können legale Flächen zum Sprayen geschaffen werden, nicht irgendwo versteckt, sondern in die Stadt integriert?“, fragt Kaiser. Die Radebeuler Jugend- und Sozialarbeiter stehen bereit, um nach Lösungen zu suchen.

Vor dem Beginn des harten Lockdowns versteckten Robert Kaiser (li.) und Peter Heilsberg (im Weihnachtsmannkostüm) mit dem grünen Radebulli Geschenke für Jugendliche im Stadtgebiet.
Vor dem Beginn des harten Lockdowns versteckten Robert Kaiser (li.) und Peter Heilsberg (im Weihnachtsmannkostüm) mit dem grünen Radebulli Geschenke für Jugendliche im Stadtgebiet. © Silvio Kuhnert

Derzeit kaum Möglichkeiten, sich legal zu treffen

Die geschilderten Sorgen und Nöte sind vordergründig jene in „normalen“ Zeiten. Doch durch die Corona-Pandemie ist derzeit nichts normal. Jugendhäuser und Sportstätten sind seit 1. November vorigen Jahres geschlossen. Seit den harten Kontaktbeschränkungen mit Schließung der Schulen haben Jugendliche kaum noch Möglichkeiten, sich im realen Leben zu treffen. „Sie kommunizieren mit ihren Freunden online, harren aus, arrangieren sich mit der Situation und versuchen das Beste daraus zu machen“, weiß Kaiser aus Gesprächen mit ihnen. Jedoch das, was Jugend ausmache, sei alles auf legalen Weg nicht möglich - die sozialen Kontakte und der Austausch mit Altersgenossen.

Individuelle Gespräche sind zwischen den Jugendsozialarbeitern und Jugendlichen einzeln möglich. „Aber wir wollten nicht nur sagen, wir sind für euch da, sondern digital auf sie zu gehen“, sagt Kaiser. Mit den Kollegen Anne Fischer und Peter Heilsberg entwickelte der 34-Jährige eine Plattform, wo Jugendliche auch jetzt zusammenkommen und andere, über ihren Freundeskreis hinaus, kennenlernen können.

Radebulli bietet Plattform für Informationen und Austausch

Dafür verwandeln sie das Weiße Haus in ein kleines Fernsehstudio. Es bedarf nur eines Tablets, Mikrofons und einer Internetbox. Mit diesem Equipment geht Radebulli-Live jeden Mittwoch um 20 Uhr auf dem sozialen Netzwerk Instagram auf Sendung. Bereits am Montag läuft ein Trailer auch auf Facebook, der auf das Thema der nächsten Sendung aufmerksam macht. Vorige Woche waren es Fakenews mit dem erwähnten reißerischen Titel. Diesen Mittwoch lautet das Motto „Engagieren statt lamentieren“.

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Wer sich für das Thema interessiert, kann bereits im Vorfeld Fragen schicken oder per Chat während der Live-Sendung über Instagram stellen. Radebulli-Live mischt Information mit Austausch, Unterhaltung und Spaß. Der Mitschnitt ist im Anschluss über die Facebook-Seite von Radebulli jederzeit abrufbar. Live oder als Aufzeichnung konnten die Macher nach eigenen Angaben bereits bis zu 2.500 Personen erreichen. Kaiser ist dabei, die Beiträge nach und nach auch auf den Youtube-Kanal von Radebulli zu stellen.

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