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Sachsen

Hasskommentare: Der tägliche Sturm im Postfach

Fünf Journalisten von Sächsische.de berichten über ihre Erfahrungen mit Lob und Kritik, mit Mails und Pöbeleien – und mit der Justiz.

Spätestens seit den „Lügenpresse“-Rufen bei Pegida sind Journalisten für viele vogelfrei.
Spätestens seit den „Lügenpresse“-Rufen bei Pegida sind Journalisten für viele vogelfrei. © Löbbers

Hunderte von Zuschriften erhalten Redakteurinnen und Redakteure der Sächsischen Zeitung pro Woche. Dazu kommen viele Anrufe und unzählige Kommentare in den sozialen Medien. Diese Reaktionen sind enorm wichtig: Ohne zu wissen, was die Leser denken, wäre Journalismus eine Einbahnstraße. Und auch Journalisten teilen manchmal aus und sind nicht immer hundertprozentig fair. Doch der Ton in den Briefen, Mails und Kommentaren wird rauer. Immer häufiger überschreitet er Grenzen. Auch auf Recherche werden Journalisten zunehmend körperlich attackiert. Wie gehen SZ-Redakteurinnen und Redakteure damit um? An dieser Stelle berichten fünf von ihnen über ihre Erfahrungen mit Lob und Kritik, mit Mails und Pöbeleien – und mit der Justiz.

Ich bin nicht aus Zucker

Auf Demos angebrüllt und angegriffen: Ein Dresdner Reporter berichtet.

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Alexander Schneider arbeitet für die SZ-Stadtredaktion Dresden als Reporter. Fotos: Arvid Müller (4)
Alexander Schneider arbeitet für die SZ-Stadtredaktion Dresden als Reporter. Fotos: Arvid Müller (4) © Arvid Müller

Von Alexander Schneider, Reporter aus Dresden

Es ist leider fast alltäglich geworden, Reporter bei Demos zumindest verbal anzugreifen. Spätestens seit den „Lügenpresse“-Rufen bei Pegida sind Journalisten für viele vogelfrei. Es wird nicht mehr differenziert, was jemand konkret geschrieben hat. Plötzlich ist man pauschal Zielscheibe, Projektionsfläche für Hass, Missgunst, Inkompetenz, Verrat, Diktatur.

Eine Kamera, ein Notizblock genügen, um jemanden als Journalisten zu identifizieren. Zu viele Kollegen wurden körperlich attackiert, zuletzt erst bei den Dynamo-Krawallen im Mai. Fotografen trifft es häufiger. Mir sind Schläge bislang erspart geblieben. Aber ich wurde von drei Männern am Rande einer Pegida-Demo verfolgt und umzingelt. Einer drohte mir Schläge an. Verlasse ich nicht sofort „seine“ Stadt, bekäme ich Besuch von Hooligans. Das war ein Adrenalin-Moment. Einer der Täter wurde verurteilt. Immerhin.

Dennoch bin ich nach wie vor regelmäßiger Beobachter an Montagabenden in Dresden. Mit einigen, zu wenigen, Demonstranten kann man prima sprechen, diskutieren, auch übers Reporter-Handwerk. Ich erzähle etwa, dass uns nicht nur „Wutbürger“ beschimpfen, weil wir zu wenig über Pegida berichten und das auch noch „absichtlich falsch“. Wir bekommen nicht minder aggressiv vorgetragene Kritik von der anderen Seite, von Menschen, die am liebsten nichts zu Pegida in der Zeitung sehen wollen, schon gar nicht den kriminellen Anführer.

Bei einer Querdenker-Demo beschimpfte mich ein Redner von der Bühne mehrfach als „Scheiß Haltungsjournalist“. Sein Anlass war ein Fehler in einer Bildunterschrift, eine falsche Zahl. Ein Anruf, eine Mail – wir hätten das sofort korrigiert. Eine Zahl bewusst zu fälschen ist im Internet-Zeitalter eine völlig irre Vorstellung. Aber Fehler passieren eben.

Weil die Polizei den Redner wegen seiner – mutmaßlichen – Beleidigung noch an der Bühne ansprach, dachte der, ich hätte ihn angezeigt. Und so wurde die Sache noch erregter in die „sozialen“ Netze getragen, mit Beleidigungen und der Androhung von Schlägen in den Kommentaren. Alles wegen einer falschen Zahl. Tatsächlich habe ich keine Anzeige erstattet, hätte von der Polizei allerdings mehr Engagement bei den Hasskommentaren erwartet.

Man kann es als Reporter kaum mehr einem recht machen. Jeder holt in seiner Blase die Informationen, die ihm gefallen. Journalismus ist das nicht. Ich bin nicht aus Zucker. Ich berichte, wenn Pegida-Anhänger Täter und Opfer werden. Versuchen Sie mal, mit zehn Demonstranten vor deren soeben abgefackelten Autowracks zu sprechen. Das macht keinen Spaß, aber das macht Zwiebelschälen auch nicht. Wem es in der Küche zu heiß ist, der sollte nicht Koch werden.

Aber: Kochen wird zum permanenten Stresstest, wenn Gäste, die gar nicht gekostet haben, dauernd das Essen madig machen.

Post von der Kripo

Ein Redakteur aus Bautzen erzählt, wie er Ziel einer Verleumdungsklage wurde und wie er damit umgeht.

David Berndt ist Reporter in der SZ-Redaktion Bautzen.
David Berndt ist Reporter in der SZ-Redaktion Bautzen. © Arvid Müller

Von David Berndt, Redakteur aus Bautzen

Dass ich Briefe an meine Dienstadresse erhalte, ist selten geworden. Vieles läuft über E-Mail, Telefon oder Messenger- und Chat-Programme. Als ich im Mai doch wieder mal Post bekam, war dieser rare Moment aber kein Anlass zur Freude. Polizeidirektion Görlitz, Kriminalpolizei hieß der Absender. Vor dem Öffnen war ich sowohl neugierig als auch besorgt. Kriminell hatte ich meines Wissens nach nicht gehandelt, oder etwa doch?

Die Kriminalpolizei hatte mir eine Vorladung geschickt, um mich zum Tatvorwurf der Verleumdung „zu vernehmen bzw. anzuhören“. Es geht dabei um einen meiner Artikel zu den Corona-Protesten an der B 96 vor rund einem Jahr. Ein Teilnehmer der unangemeldeten Versammlung hatte Reporter von Spiegel TV bedroht und den Kameramann geschlagen. In dem Beitrag ging es um diesen und weitere Angriffe auf Journalisten. Im Bild war der betreffende Versammlungsteilnehmer zu sehen. Das Video von Spiegel TV ist nach wie vor online.

Ich gebe zu, dass mich diese Vorladung kurz sprachlos gemacht und Unverständnis ausgelöst hat. „Das kann doch nicht sein“, dachte ich beim zweiten, beim dritten Lesen. Ich sammelte mich innerlich und überlegte, was jetzt am besten zu tun sei , und gab das in die Hände von Experten, von Fachleuten: Ich kontaktierte die Rechtsabteilung der Sächsischen Zeitung. Von dieser bekam ich das beste Signal, das ich mir hätte wünschen können: „Herr Berndt, Sie können den Termin ignorieren und müssen erst mal gar nichts tun. Wir sagen die Vorladung ab, verlangen Akteneinsicht, und dann sehen wir weiter.“

Das hilft mir enorm, um mich auf meine tägliche Arbeit zu konzentrieren, auch um weiterhin über das Thema „Corona-Proteste“ oder Veranstaltungen von „Querdenkern“ zu berichten, bei denen etwa mein Name vor rund 200 Demo-Teilnehmern genannt und meine Arbeit infrage gestellt wurde. Der betreffende Beitrag zur B 96 war sauber recherchiert, innerhalb meiner Lokalredaktion in Bautzen diskutiert, geprüft und zur Veröffentlichung freigegeben worden. Wir würden ihn wieder so drucken und online stellen. Eine Verleumdung können wir nicht erkennen. Und auch das hilft mir: eine Redaktion, die solche Entscheidungen gemeinsam trifft und hinter ihren Reportern steht. Nun bin ich nicht der einzige Journalist in Sachsen, dem Verleumdung vorgeworfen wird und rechtliche Schritte sind offenbar ein Mittel, um gegen freie Berichterstattung vorzugehen.

Akteneinsicht hat meine Kanzlei, zwei Monate nach der Vorladung, noch nicht erhalten. Damit wissen weder sie noch ich, was mir genau und warum vorgeworfen wird. Zumindest liegt das Verfahren mittlerweile nicht mehr bei der Kriminalpolizei, sondern bei der Staatsanwaltschaft. Ich warte derweil auf Post - von meiner Anwältin.

Üble Hetze im Plauderton

Wie geht man in sozialen Medien mit Fake News, Hetze und Drohungen um?

Claudia Schade ist verantwortlich für die sozialen Medien von Sächsische.de.
Claudia Schade ist verantwortlich für die sozialen Medien von Sächsische.de. © SZ

Von Claudia Schade, Social-Media-Verantwortliche

„In die Fresse geben“, „an die Wand stellen“, „in den Keller sperren und verrotten lassen“: Diese und ähnliche Kommentare lese ich fast täglich auf den Facebook-Seiten von Sächsische.de.

Da wird zu Folter, Todesstrafe und Lynchjustiz aufgerufen. Es fallen Holocaust-Vergleiche, Hitlerverweise, antisemitische, rassistische und diskriminierende Aussagen in einer Selbstverständlichkeit, als ob man über das Wetter plaudern würde. Traurige Realität in den sozialen Medien, nicht nur bei uns.

Getriggert werden die Ausbrüche von Artikeln zu Amokläufen wie zuletzt in Würzburg, von Texten zur AfD, zu Rundfunkbeiträgen oder zur gendergerechten Sprache. Auch die Frage nach der richtigen Verkehrspolitik hat sich als heikel erwiesen. Die Gefühle kochen hoch und binnen weniger Stunden haben sich Hunderte Kommentare angesammelt, zuweilen sogar mehr als tausend. Diese alle zeitnah zu checken – fast unmöglich.

Ist die Unsicherheit besonders groß, wie vor den Corona-Lockdowns, dann äußern sich Unzufriedenheit, Misstrauen und vermutlich auch Angst in einem Strom unflätiger Ausdrücke. Verschwörungsgeschichten werden geteilt, offensichtliche Lügen verbreitet und Studien zitiert, aus deren Inhalt einzelne Zahlen herausgegriffen werden, die irgendeinen Quatsch beweisen sollen. Hetz-Profis, sogenannte Trolle, kippen Fake News in die Kommentarspalten und freuen sich, wenn es viele Reaktionen darauf gibt. Dann spült der Algorithmus von Facebook ihren Unsinn auch noch nach oben. Wenn wir sie sperren, legen sie sich einen neuen Account an. Einer hat es auf 16 verschiedene Seiten unter einem Namen gebracht.

Hinzu kommt ein wachsendes Misstrauen gegenüber journalistischer Arbeit. Wir schreiben von Krematorien, die zeitweise überlastet waren, Leser schreiben: „Glaube ich nicht“. Seit wann ist Journalismus eine Glaubensfrage? Unsere Arbeit ist überprüfbar. Wer Zweifel hat, kann sich die Quellen nennen lassen. Stattdessen glauben viele Menschen aber ungeprüft, dass Bill Gates uns allen Chips unter die Haut pflanzen will. Weil irgendein vermeintlich „Wissender“ dramatisch in die Kamera schaut und mit gesenkter Stimme angebliche Wahrheiten verkündet.

Neulich schrieb einer: „Alle vor die Ziegelwand und die von der Zeitung gleich mit!“ Er bezog sich auf einen Text über das Attentat in Würzburg. Es ging darum, dass der Täter womöglich bei den rechten Ausschreitungen 2018 in Chemnitz angegriffen worden war. Wir Journalisten gehören demnach vor die Wand gestellt, also erschossen, weil wir was gemacht haben? Einfach nur unseren Job, nämlich über den Stand der Ermittlungen zu schreiben.

Das Facebook-Profil des Kommentators zeigt harmlose Videos und putzige Erdmännchen. Angeblich wohnt er in Dresden-Striesen. Ich habe ihn aufgefordert, seine Äußerung unverzüglich zu löschen. Das hat er gemacht. Ohne ein Wort der Entschuldigung.

Wie kommen wir ins Gespräch?

Leserbriefe sind spannend und wichtig. Warum es sich lohnt, auf sie einzugehen.

Sebastian Beutler leitet die Lokalredaktion der Sächsischen Zeitung in Görlitz.
Sebastian Beutler leitet die Lokalredaktion der Sächsischen Zeitung in Görlitz. © Arvid Müller

Von Sebastian Beutler, Leiter der Lokalredaktion in Görlitz

Es ist nicht die Regel, aber es kann schon passieren in diesen Tagen, dass ich den Computer in der Görlitzer Redaktion hochfahre, das Mailfach öffne und mir eine Mail entgegenspringt mit der Begrüßung: „Zynisch sind lediglich solche verlorenen Ratten wie du Beutler.“ Natürlich ging es um Corona. In einem Kommentar hatte ich zuvor lediglich geschrieben, dass die Pandemie geht, das Virus aber bleibt. Da war im Kreis Görlitz gerade eine wichtige Marke für Lockerungen dauerhaft unterschritten.

Es war eine Binsenweisheit, aber für manchen Zeitgenossen schon zu viel. Corona hat auch in den Leserreaktionen noch einmal einen Trend verschärft, der sich in den Jahren zuvor bereits angedeutet hatte. Den Journalisten wird jedes Quentchen Ahnung abgesprochen, sie sind die Handlanger Dritter. Die AfD spricht gern davon, seit sie sich radikalisierte. Im OB-Wahlkampf 2019 erlebten wir diese Polarisierung, von rechts wie von links. Und jetzt muss sich eine Görlitzer Redakteurin auf der Görlitzer Montagsdemo der Corona-Kritiker eine Auszeichnung für „herausragende Systemkonformität“ gefallen lassen. Und weil sie der Vorladung vor die Demonstranten nicht gefolgt war, überrumpelten sie zwei Vertreter Tage später in der Redaktion, um ihr das Schriftstück zu überreichen.

Der beleidigende Tonfall in manchen Meinungsäußerungen ist stark geprägt von der Diskussionskultur in den sozialen Netzwerken. Die SZ Görlitz pflegt dort die größte Facebook-Seite der SZ außerhalb von Dresden. Auch dort vergreifen sich zahlreiche Kommentatoren im Ton und reagieren pikiert auf Ermahnungen mit dem Hinweis: „Man wird wohl noch seine Meinung sagen dürfen“. Dass sie nicht absolut ist und ihre Grenzen in den Persönlichkeitsrechten der jeweils anderen findet, spielt für diese Gruppe kaum eine Rolle. Da hilft meistens nur, die Hitzköpfe ins Abkühlbecken zu stürzen: Vier Wochen Sperre für die Kommentarfunktion. Die ganz Unbelehrbaren sperren wir für immer, um unter den Verbliebenen knapp 17.000 Freunden eine vernünftige Diskussionskultur zu ermöglichen.

Denn uns sind die Meinungsäußerungen der Leser weiter wichtig. Sie sind spannend, lehrreich, manchmal unbequem, öffnen neue Perspektiven. In Görlitz/Niesky veröffentlichen wir sie mehrfach die Woche. Egal, ob sie uns als Mail, über Facebook oder noch handgeschrieben per Post erreichen. Letztens erreichte mich eine Mail eines Naturwissenschaftlers. Den Zeilen war deutlich zu entnehmen, wie kritisch er die Corona-Auflagen sah und wie sehr er sich über unsere Berichterstattung ärgerte, sodass er die SZ abbestellte. Aber der Tonfall des Briefes war nicht anklagend oder gar beleidigend.

So lud ich ihn zum Gespräch ein. Und so saßen wir kurz darauf an einem Nachmittag beisammen. Über eine Stunde lang, erzählten uns gegenseitig, was uns beim Thema Corona bewegte. Und auch wenn natürlich niemand gleich von seiner Position abrückte, so rührte das Gespräch doch an tief sitzende Vor- und Einstellungen und weckte ein gewisses Verständnis für den Standpunkt des anderen. Nur so wird es gehen, im Gespräch zu bleiben. Nach und mit Corona, wer weiß schon, was in den nächsten Monaten und Jahren uns noch erwartet.

Und natürlich gehört dazu trotz des mitunter befremdlichen Trommelfeuers aus Beleidigungen und Unverständnis auch eine offene Fehlerkultur. Denn auch die Redaktion ist nicht unfehlbar. Das überlassen wir dann doch lieber anderen.

Muss ich da durch?

Nur die Harten kommen in die Zeitung: Was, wenn Leser-Reaktionen
nahegehen?

Johanna Lemke ist leitende Redakteurin für das Wochenende.
Johanna Lemke ist leitende Redakteurin für das Wochenende. © Arvid Müller

Von Johanna Lemke, Redakteurin in Dresden

Als Kulturredakteurin blieb ich von Leserbriefen lange Zeit verschont. Ich bedauerte das sogar – es hätte mich wirklich gefreut, mich mit Leserinnen und Lesern auch mal über Theaterinszenierungen auszutauschen. Ich dachte immer, wenn man einander zuhört, kann Dialog funktionieren.

Seit ich Leitartikel auf der Seite 1 am Wochenende verfasse, bekomme ich sehr viel Leserpost. Ein Muster ist besonders augenfällig: Viele stellen meine Befähigung infrage. „Woher stammt Ihre Kompetenz?“, „Wer hat Ihnen erlaubt, das zu schreiben?“, „Wie kommt es, dass Sie diesen Platz füllen dürfen?“ – die Verfasser können es nicht aushalten, dass ich an prominenter Stelle meine Meinung kundtue. Meine Stellenbezeichnung, in der sich das Wort „leitend“ verbirgt, wird in Anführungsstriche gesetzt, als sei sie eine Erfindung. Nicht nur ich erlebe das: Lars Radau vom Deutschen Journalistenverband (DJV) sagt: „Journalistinnen und Journalisten ihre Kompetenz abzusprechen, ist ein übliches Muster.“

Ich habe oft überlegt, ob ich mehr abkriege, weil ich eine Frau bin. Belegen lässt sich das nicht: Es gibt für Deutschland keine validen Studien dazu, ob es Journalistinnen heftiger als ihre männlichen Kollegen trifft. Im angloamerikanischen Raum wurde das Thema besser untersucht und hier zeigt sich: Frauen sowie Minderheiten, die journalistisch arbeiten, werden häufiger Opfer von verbalen und auch tätlichen Angriffen als Männer.

Ob es nun an meinem Geschlecht, meiner Nase oder meinem Hemdkragen auf dem Kommentarfoto liegt: Witzig ist das alles nicht. Und es geht mir nicht um kritische, anregende Zuschriften, ich hatte schon wirklich spannende Diskussionen mit Lesern. Schwierig wird es dann, wenn ich persönlich beleidigt werde. Ein Leser googelte meine Herkunft, meinte daraufhin, auf mein Privatleben schließen zu können. Ein anderer rief mehrmals täglich an. Das alles tut nicht weh, aber es beschäftigt einen permanent und hinterlässt ein Gefühl der Unsicherheit. Es macht wütend.

Dass man auf Meinungstexte eher Reaktionen bekommt – klar. Dass diese nicht immer zustimmend sind – völlig in Ordnung. Aber gehört es wirklich zum journalistischen Arbeitsalltag, dass man sich beschimpfen und diskreditieren lassen muss?

Viele Kollegen sagen mir: Das müssen wir aushalten. Wir teilen ja schließlich auch aus! Aber ich will das nicht hinnehmen. Ich möchte daran glauben, dass ein sachlicher Dialog möglich ist.

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Umfragen belegen: Der Umgangston macht vielen Menschen Angst. Journalisten sind besonders oft Ziel von Angriffen – immer mehr auch gewalttätigen.

Bin ich zu empfindlich? Lars Radau vom Journalistenverband vermutet, dass Männer Angriffe eher an sich abprallen lassen als Frauen. Ich kann das bestätigen: Nicht repräsentative Umfragen unter Kolleginnen und Kollegen zeigen: Die Männer entwickeln eher eine „Jetzt erst recht“-Haltung, wenn sie beleidigt werden. Frauen sagen sich im schlimmsten Fall: Den nächsten Leitartikel schreibe ich nicht, ich habe keine Kraft für die Leserbriefe.

Und ich frage mich dann schon: Wie frei ist unser journalistisches Arbeiten dann noch?

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