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Sachsen

Große Sehnsucht nach Kunst und Kultur

Corona hat im Kulturbetrieb Sachsens in diesem Jahr Regie geführt. Ministerin Barbara Klepsch erlebt Mut, aber auch Verzweiflung.

Barbara Klepsch bei einer Demonstration  von Kulturschaffenden im Sommer in Dresden.
Barbara Klepsch bei einer Demonstration von Kulturschaffenden im Sommer in Dresden. © Archivbild: Arvid Müller

Dresden. Die Kunst wird sich nach Ansicht von Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) auch von der zweiten Corona-Infektionswelle nicht unterkriegen lassen. "Die Kultur ist das Markenzeichen unseres Freistaates. Viele Menschen merken, dass sie lebenswichtig ist und keine Delikatesse. Die Sehnsucht nach Kunst und Kultur ist groß", sagte die Ministerin der Deutschen Presse-Agentur in Dresden. Man werde alles tun, um dieses Kulturangebot zu erhalten und könne dabei auch auf Beistand des Publikums bauen. Einige Besucher hätten auf die Rückerstattung bereits gekaufter Tickets verzichtet, um Einrichtungen in dieser Zeit zu helfen.

Klepsch sprach von einer schmerzlichen Entscheidung, die staatlichen Kultureinrichtungen in Sachsen zunächst bis Ende Februar schließen zu müssen. Auch viele kommunale und private Bühnen würden so planen. "Das macht uns sehr traurig. Die Künstler gehen mit Herzblut ihrer Arbeit nach. Es hat mir verdammt wehgetan, bei der Frage nach Unterstützung auch auf die Grundsicherung verweisen zu müssen." Dennoch hätten Künstler auch sächsische Hilfe wie das Programm "Denkzeit" gut angenommen, was mit einer Zuwendung von 2.000 Euro verbunden war und von anderen Bundesländern kopiert wurde. Es sei aber nicht in erster Linie um das Geld gegangen. Die Künstler hätten eine Wertschätzung gefühlt.

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"Ich erlebe Mut, aber auch eine große Verzweiflung", schilderte Klepsch eine Erfahrung aus vielen Gesprächen mit Künstlerinnen und Künstlern. Die Verzweiflung sei jetzt deutlich höher als bei der ersten Corona-Welle. "Damals hat man gar nicht richtig gewusst, was auf einen zukommt. Der Sommer stand vor der Tür, es gab Hoffnung, dass sich alles zum Besseren wendet. Deshalb war man optimistischer, man sah Licht am Ende des Tunnels."

Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch
Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch © Archivbild: Ronald Bonß

Jetzt gebe es Erfahrungen mit der Pandemie, viele seien nun persönlich betroffen. Als die Häuser mit eigenen Hygienekonzepten zumindest für einen Teil des Publikums wieder öffnen konnten, hätten sie das mit Enthusiasmus getan. "Stars wie Anna Netrebko haben in der Semperoper auf der Bühne gestanden, obwohl der Saal nur zu einem Viertel besetzt sein durfte. Das ist bitter. Dabei wäre die Oper unter normalen Bedingungen vermutlich mehrere Male ausverkauft gewesen", sagte die Ministerin. Auf der anderen Seite habe sie auch Künstler gesehen, die nur vor einem Dutzend Leute auftraten und trotzdem sehr glücklich waren, wieder auf der Bühne stehen zu können: "Das macht dieses Land aus. Die Künstlerinnen und Künstler kommen ihrer Arbeit mit Hingabe nach. Das ist kein Beruf, sondern eine Berufung."

"Aus der ersten Welle haben wir gelernt, dass es Planungssicherheit braucht", sagte die Ministerin. Das sei der Grund, warum man über die Dauer der aktuellen Corona-Schutzverordnung hinaus die Schließung im Blick habe. Die Semperoper habe jeden Monat Verluste von bis zu einer Millionen Euro: "Das sind Dimensionen, die man im Blick haben muss. Bei der Entscheidung zur Schließung ging es aber nicht um den finanziellen Verlust, sondern um die Gesundheit der Menschen."

Entschädigungen sind nötig

Klepsch zufolge sind Entschädigungen auch in der Kultur erforderlich. Die Programme des Landes reichten nicht aus: "Wir brauchen die Hilfe des Bundes." Sachsen habe bei den Förderprogrammen versucht, die Bürokratie soweit wie möglich zu begrenzen, denn den Verantwortlichen sei bewusst, dass etwa Künstler keine Sachbearbeiter seien. Andererseits handele es sich aber immer auch um Steuergelder, deren Vergabe korrekt laufen müsse.

Klepsch äußerte sich auch zu Schwerpunkten ihres Hauses im neuen Jahr: "Mir wird es auch 2021 besonders um den Dialog mit und über Kultur gehen, der ist in diesen Zeiten wichtiger denn je." Wenn die Infektionslage es wieder zulässt, sei ein landesweites Dialogformat geplant, was sowohl die Kulturschaffenden spartenübergreifend im Blick hat, aber auch die Vernetzung zum Tourismus vor Ort mitdenkt.

Auch bei den Gedenkstätten sieht Klepsch einen Schwerpunkt. Der Stiftungsrat der sächsischen Gedenkstättenstiftung habe gerade die Übernahme der Gedenkstätte Großschweidnitz beschlossen, die an die Opfer nationalsozialistischer Euthanasie erinnert: "Ich hoffe, dass wir mit dem Gedenkort Kaßberg in Chemnitz und dem früheren Frauengefängnis Hoheneck weiterkommen." Die Industriekultur werde nach der Landesausstellung weiter eine wichtige Rolle spielen.

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Ein Fokus sei ferner auf Chemnitz, Europäische Kulturhauptstadt 2025, gerichtet. Mit den vom Bund beschlossenen Mitteln in Höhe von 25 Millionen Euro unterstützen Bund und Freistaat die Stadt Chemnitz bis 2025 mit mehr als 50 Millionen Euro. "Das ist ein starkes Signal für die europäische Kulturhauptstadt 2025." Zugleich stehe das Finanzabkommen der Stiftung für das sorbische Volk an. (dpa)

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