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„Dynamo ist immer eine große Nummer“

Er ist der Dienstälteste in Dynamo Dresdens Führungsriege. Im Interview spricht Kaderplaner Kristian Walter über Wintertransfers, die viel diskutierte Streichliste, Erfahrungen der Abstiegssaison und die Kritik an ihm.

Von Tino Meyer
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Kristian Walter war Scout, Chefscout, Co-Trainer - und kümmert sich inzwischen als Kaderplaner maßgeblich um die Zusammenstellung des Profiteams.
Kristian Walter war Scout, Chefscout, Co-Trainer - und kümmert sich inzwischen als Kaderplaner maßgeblich um die Zusammenstellung des Profiteams. © Lutz Hentschel

Belek. Fast zwei Stunden haben die Drittliga-Profis von Dynamo Dresden am Montagvormittag trainiert. Nicht so lange und dennoch ausführlich wie offen erklärte anschließend Kaderplaner Kristian Walter, der im Trainingslager in der Türkei die sportliche Führung in Vertretung von Sportgeschäftsführer Ralf Becker innehat, die personellen Pläne des Vereins. Und der 38-Jährige bezieht auch deutlich Stellung zur Kritik an ihm und Dynamos Transferpolitik.

Herr Walter, wie ist Ihr Eindruck vom Trainingslager?

Wichtig ist ja nicht, ob das Wetter schön ist oder das Meer glitzert, sondern ob die Plätze gut sind und das Essen passt. Haken dran – und das mit Sternchen. Wir haben hier optimale Bedingungen.

Insofern hat sich die Entscheidung für diese anderthalb Wochen in der Türkei als richtig erwiesen?

Natürlich haben wir im Vorfeld darüber diskutiert, gerade weil wir in unserem Trainingszentrum auch sehr gute Bedingungen haben. Doch mit Blick auf die Wetterbedingungen in diesen Tagen in Deutschland hat sich die Reise absolut gelohnt, besonders für die Spieler. Sie sind zehn Tage lang zusammen, haben mal einen anderen Fokus. Und dann muss man auch den Kosten-Nutzen-Vergleich ziehen. Die Rasenheizung in Betrieb zu nehmen, wäre gerade bei den aktuellen Energiepreisen mit sehr hohen Kosten verbunden. In Deutschland könnten wir jetzt nicht so gezielt trainieren.

Nun ist dieser Winter auch für den Fußball ein besonderer aufgrund der WM im November und Dezember. Macht sich das auch auf dem Transfermarkt bemerkbar?

Es ist tatsächlich besonders. Jeder dachte, die Vereine haben dadurch viel Zeit für Gespräche mit möglichen Zugängen und könnten Transfers vorbereiten. Das Gegenteil ist der Fall: Der Markt hat, ich sage das mal überspitzt, während der WM regelrecht geschlafen. Jetzt kommt so langsam Bewegung in die Sache. Die Anrufe häufen sich. Immer mehr Berater erkundigen sich, was wir suchen.

Stiller Beobachter bei den Einheiten im Trainingslager: Kristian Walter. Seit fast zehn Jahren ist der 38-Jährige nun schon bei Dynamo.
Stiller Beobachter bei den Einheiten im Trainingslager: Kristian Walter. Seit fast zehn Jahren ist der 38-Jährige nun schon bei Dynamo. © Lutz Hentschel

Und was antworten Sie denen?

Erst mal müssen wir unsere eigenen Baustellen schließen. Wir haben einige junge Spieler mit zuletzt wenig Spielzeit. Der erste Fokus liegt also darauf, sie in ihrer Entwicklung nicht zu bremsen und damit nicht zuletzt auch ihren Marktwert zu erhalten. Mit den nach langer Verletzungspause nun zurückgekommenen Spielern wie Panagiotis Vlachodimos sowie auch den A-Junioren um Paul Lehmann wird der Konkurrenzkampf noch größer. Also zuerst intern Baustellen lösen, und dann liegt unser Hauptfokus im Offensivbereich. Wir suchen Tempospieler für die Außenbahnen.

Gibt es denn die viel diskutierte Streichliste, auf der die Namen Oliver Batista Meier und Jan Shcherbakovski stehen?

Streichliste ist der falsche Begriff, denn wir wollen niemanden streichen. Wir haben uns bewusst für diese Spieler entschieden, und das eine Entwicklung mal stagnieren kann, ist nicht ungewöhnlich – gerade bei jungen Spielern wie die Genannten. Beide sind 2001-Jahrgang. Das dürfen wir nicht vergessen, nur weil beide in ihren Klubs zuvor öfter schon im Rampenlicht standen. Streichen und Hauptsache weg ist überhaupt nicht unser Thema.

Wie ist der aktuelle Stand?

Es gibt Gespräche und auch Interessenten. Die Jungs haben ja einen Markt, sei es in der 3. Liga oder auch im Ausland, und sie würden viele Vereine weiterbringen. Dabei bleibe ich. Doch noch ist nichts final.

Und bei möglichen Zugängen? Als Tabellenneunter der 3. Liga dürfte Dynamo nicht unbedingt die attraktivste Adresse sein. Oder ist der Verein trotzdem eine große Nummer?

Ich glaube, Dynamo ist immer eine große Nummer. Trotz Platz neun. Und es geht auch gar nicht darum zu sagen, dass wir es mit dem Aufstieg schon irgendwie noch schaffen. Wir betrachten die verbleibenden 21 Spiele separat und wollen eine sehr, sehr gute Rückrunde spielen.

Im Trainingslager hat Kristian Walter (rechts), hier mit Mannschaftsleiter Justin Löwe (links) und Cheftrainer Markus Anfang, die Aufsicht - in Vertretung von Sportgeschäftsführer Ralf Becker.
Im Trainingslager hat Kristian Walter (rechts), hier mit Mannschaftsleiter Justin Löwe (links) und Cheftrainer Markus Anfang, die Aufsicht - in Vertretung von Sportgeschäftsführer Ralf Becker. © Lutz Hentschel

Vor einem Jahr hat Dynamo mit Batista Meier sowie Adrian Fein und Vaclav Drchal drei junge Spieler geholt und keiner hat, vorsichtig formuliert, wirklich eingeschlagen. Welche Lehren hat Dynamo daraus gezogen?

Wenn man zurückblickt und den Moment damals betrachtet, waren wir Tabellenelfter mit 22 Punkten. Und das mit der drittjüngsten Mannschaft der zweiten Liga. Und grundsätzlich ist es ja so, dass sich eine junge Mannschaft im Laufe einer Saison entwickelt. In unserer Analyse sind wir also davon ausgegangen, ähnlich viele Punkte zu holen, erst recht mit einer Weiterentwicklung der Mannschaft. Deshalb haben wir uns bewusst entschieden, dass erfahrenere Spieler wie Sohm und Hosiner gehen – und wir junge Spieler in einer stagnierenden Phase holen. Bei Batista Meier, Fein und auch Drchal hätte Dynamo doch eigentlich keine Chance. Wir haben uns gut gewappnet gefühlt für die Rückrunde. Im Nachgang könnte man jetzt sagen, eine andere Strategie wäre besser gewesen.

Welcher Spielertyp wird diesmal gesucht?

Wir haben genügend junge Spieler, die wir entwickeln wollen. Es geht darum, Spieler zu holen, die unsere Mannschaft sofort weiterbringen.

Wie groß ist Ihr Mitspracherecht bei Transfers eigentlich?

Wir machen das immer zu dritt, Sportgeschäftsführer, Trainer und ich. Wobei man klar sagen muss, dass der Entscheidungsanteil von Ralf Becker und Markus Anfang höher liegt. Meine Aufgabe ist, einen Transfer so vorzubereiten, dass beide am Ende damit zufrieden sind.

Also ist es ungerecht, eine missglückte Transferpolitik an Ihnen festzumachen?

Nein, das kann man schon machen. Wir entscheiden zu dritt. Doch ich finde es nicht schlimm, wenn auch ich kritisiert werde. Den Kader zusammenzustellen, ist schließlich auch mein Job.

Dynamos Transfers werden mitunter hart kritisiert.

Damit muss ich und kann ich leben. In meinen fast zehn Jahren, die ich jetzt bei Dynamo bin, hatten wir ja auch schon Phasen, als vom Trüffelschwein und Goldgräber die Rede war. Ich stelle mich der Kritik, und ich kann die auch einordnen. Wenn wir öfter nicht gewinnen oder am Ende absteigen, weiß ich selbst, dass nicht alles aufgegangen sein kann. Wichtig ist, einen Fehler nicht noch mal zu machen. Wir stecken sehr viel Kraft in die Vorbereitung eines Transfers, das bin ja nicht nur ich. Da sind Mitarbeiter, auch Ralf Becker schaut viel, wir diskutieren mit dem Trainer und versuchen über Daten etwas zu machen. Wir haben ein System aufgebaut, dass es in wenigen Vereinen auf unserem Level gibt – Bundesliga mal ausgeschlossen.

Spüren Sie nach einem Jahr mit Abstieg und enttäuschender Hinrunde jetzt mehr Druck?

Ja. Wie gesagt, wir betreiben einen großen Aufwand. Und natürlich bekomme ich die Kritik mit, der ich mich gerne stelle. Wie jeder andere im Fußball möchte ich erfolgreich sein und immer gewinnen, dementsprechend lässt mich das nicht kalt.

Wie gehen Sie selbst damit um?

Ich habe eine tolle Freundin, eine entspannte Familie. Und ich mache selbst Sport, der mir guttut und um abzuschalten.