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Infineon-Chef: Neubau in Dresden in ein paar Jahren

Die Mikrochipfabriken sind voll ausgelastet. Voriges Jahr war noch Kurzarbeit. Infineon-Konzernchef Reinhard Ploss macht sich Gedanken über die nächsten Investitionen.

Am Steuer: Infineon-Konzernchef Reinhard Ploss liefert viele Mikrochips an die Autoindustrie, kann aber derzeit nicht alle Wünsche erfüllen. In Dresden entstehen neue Arbeitsplätze.
Am Steuer: Infineon-Konzernchef Reinhard Ploss liefert viele Mikrochips an die Autoindustrie, kann aber derzeit nicht alle Wünsche erfüllen. In Dresden entstehen neue Arbeitsplätze. © Matthias Balk /dpa

Dresden. Es geht um eine Wiese in der Südostecke des Werksgeländes. An der Königsbrücker Straße in Dresden hat der Mikrochip-Konzern Infineon noch Platz für eine zusätzliche Produktionshalle. Die ehemalige Halbleitersparte des Siemens-Konzerns könnte dort jetzt mehr Chips für Autos, Ausweise und Maschinen herstellen – die Nachfrage ist derzeit weltweit größer als das Angebot.

Doch Konzernchef Reinhard Ploss in München sagte am Dienstag bei einem Pressegespräch, noch sei im vorhandenen Reinraum genügend Platz für zusätzliche Maschinen. Die Frage nach einem weiteren Bau am Dresdner Standort stelle sich „erst in ein paar Jahren“. Er wolle „mit Augenmaß investieren“. Ein Neubau würde ohnehin mehr als zwei Jahre dauern.

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Die vorhandenen Anlagen in Dresden sind jetzt voll ausgelastet. Rund 100 Beschäftigte sind in den vergangenen Monaten zusätzlich eingestellt worden, trotz Corona. Der Dresdner Firmensprecher Christoph Schumacher sagte der Sächsischen Zeitung, zu den jetzt 2.800 Beschäftigten kämen bis zum Jahresende noch einmal 100 hinzu. Spätestens im Dezember soll die Dresdner Infineon-Belegschaft auf 2.900 gewachsen sein.

Noch Platz im Reinraum - auch bei Globalfoundries

Schon angekündigt hatte der Konzern, innerhalb von fünf Jahren 1,1 Milliarden Euro für zusätzliche Anlagen in Dresden auszugeben. Der Nachbar Globalfoundries hat ebenfalls noch Platz in seinem Reinraum und gibt in diesem Jahr 400 Millionen Euro für Maschinen am Standort Dresden aus – und jeweils ebenso viel in den USA und in Asien.

Gerade fährt Infineon planmäßig sein Werk in Villach in Österreich hoch, das nach Dresdner Vorbild und im Austausch mit Dresdner Ingenieuren dieselbe Technik nutzen wird: Siliziumscheiben mit 300 Millimetern Durchmesser statt der 200 Millimeter im älteren Fabrikteil werden zu Leistungshalbleitern für Stromverbraucher. Drei Monate früher als ursprünglich geplant geht der Villacher Fabrikteil in die Produktion.

In Dresden dauert es nach früheren Angaben noch mindestens zwei Jahre, bis der jüngere Reinraum ganz mit Anlagen gefüllt ist. Früher stellte dort die Infineon-Tochter Qimonda Speicherchips in Massen her. Doch 2009 ging sie pleite, 4.000 Stellen in Dresden fielen weg.

Der richtige Riecher: Keine Vollbremsung gemacht

Die Mikrochip-Industrie ist stark vom internationalen Wettbewerb und von Konjunkturzyklen abhängig und erlebt ein starkes Auf und Ab. Darauf wies auch Konzernchef Ploss am Dienstag wieder hin: Vor einem Jahr brach die Nachfrage zu Beginn der Corona-Pandemie weltweit ein. Das traf auch die Auto-Industrie, die zu den Abnehmern von Infineon-Chips gehört.

Jetzt aber machen Autofabriken Zwangspausen, weil nicht alle benötigten Mikrochips ankommen. Voriges Jahr im Juni und Juli hatte Infineon in Dresden Kurzarbeit, in Regensburg und Villach schon seit Mai. Dann deutete sich eine Erholung der Nachfrage an. Ploss sagte, Infineon habe die Fertigung nicht so weit heruntergefahren wie andere, die eine „Vollbremsung“ gemacht hätten. Nur moderat habe Infineon das Invest-Budget reduziert, sagte Vorstand Jochen Hanebeck, "weil wir den richtigen Riecher hatten".

Allerdings stellt Infineon nicht alle Chips selbst her. Sensoren und Leistungshalbleiter kommen aus dem Werk Dresden, aber komplizierte Mikrocontroller mit feinsten Strukturen lässt auch Infineon bei Auftragsfertigern herstellen. Dort gebe es jetzt die Engpässe, sagte Ploss: „Wenn nix da ist, ist nix da.“

Pech hatte Infineon zudem mit einer eigenen Fabrik in Austin in Texas, der im Wintersturm der Strom abgestellt wurde – mit wenigen Stunden Vorwarnung. Notstromaggregate sicherten das Wichtigste. Doch dort gingen halb belichtete Siliziumscheiben kaputt, jetzt laufen Gespräche mit den Industrieversicherungen.

Neue EU-Subventionen für neue Fabriken erhofft

Ploss erwartet, dass sich nun der „breite wirtschaftliche Aufschwung“ verstärkt. Die Nachfrage steige nach Notebooks, Spielekonsolen, Heimwerkergeräten mit Akkus sowie Rechenzentren. Der Drang zu Elektromobilität und „assistiertem Fahren“ sichere Infineon auch künftig das Geschäft.

Der Konzernchef und Ingenieur sagte, Infineon bringe gerade ein neues Mikrofon auf den Markt, das etwa in der Freisprechanlage im Auto eine Geräuschunterdrückung ermögliche, aber auch Sirenengeräusche erkenne und den Straßenzustand erfasse. Bei der Telefonkonferenz am Dienstag musste Ploss allerdings mehrmals neu ansetzen, weil es Unterbrechungen gab. Der Vorstandschef zeigte sich cool und sagte, offensichtlich sei diese Technik "nicht mit Infineon ausgerüstet".

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Ebenso wie Globalfoundries drängt Infineon auf staatliche Hilfen in Europa, weil die hiesige Industrie sonst im Wettbewerb mit Asien und den USA „weiter zurückfallen“ würde. EU-Industriekommissar Thierry Breton spricht derzeit mit Halbleiterkonzernen, um neue Milliarden-Investitionen nach Europa zu holen. Er hofft auch auf eine Fabrik des Intel-Konzerns, der Chips mit feineren Strukturen herstellt als Infineon und Globalfoundries.

Ploss sagte, Europa müsse „entlang der gesamten Wertschöpfungskette“ denken. Selbst neues Fördergeld werde gerade mal „eine sehr schiefe Ebene etwas zurückkippen“. Infineon sei in regelmäßigem Austausch mit deutschen und EU-Politikern.

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