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Sachsen

Bautzen. Die Stadt, der Protest, der völkische Christ

In Bautzen greifen Ideen um sich, die bislang als ziemlich abgedreht galten. Einfluss hat auch eine Sekte aus der Schweiz, die in Bautzen ihre Fans hat.

© Zeichnung: Peter M. Hoffmann

Gaußig/Bautzen. Die Glocken läuten wie jeden Freitagnachmittag um kurz vor drei in Gaußig, elf Kilometer von Bautzen entfernt. Etwa 40 Hortkinder der Grundschule und einige ihrer Erzieher kommen zur Andacht in die evangelische Dorfkirche. Drinnen erinnert Pfarrer Thomas Schädlich an die Sterbestunde Jesu. Schulwoche für Schulwoche. Der 37-Jährige spricht ein paar Worte über die teuflischen Versuchungen, denen Jesus in der Wüste widerstand. Er ermuntert die Kinder, mit Jesus den Weg zu suchen. Gemeinsam singen sie ein Kirchenlied von 1568: „Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du für uns gestorben bist.“ Abschlusssegen. Wochenende. Die Eltern warten vor der Kirchentür.

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Hort, Grundschule, Oberschule und ein berufliches Gymnasium hat der nur rund 650 Einwohner zählende Ort zu bieten. Träger ist stets der evangelische Schulverein im Landkreis Bautzen mit Sitz in Gaußig, direkt im Pfarramt. Der jeweils amtierende Pfarrer ist der Vereinsvorsitzende.

Der neue Pfarrer in Gaußig, Thomas Schädlich, ist zugleich auch Vorsitzender des evangelischen Schulvereins im Landkreis Bautzen. Der Verein hat wegen seiner theologischen Ansichten nun Probleme mit dem Landeskirchenamt.
Der neue Pfarrer in Gaußig, Thomas Schädlich, ist zugleich auch Vorsitzender des evangelischen Schulvereins im Landkreis Bautzen. Der Verein hat wegen seiner theologischen Ansichten nun Probleme mit dem Landeskirchenamt. © Archivfoto: Steffen Unger

Schädlich ist erst seit gut einem halben Jahr hier. Er weiß, dass die Fußstapfen seines Vorgängers groß sind: Nicht einmal 25 Jahre nach der Gründung hat der Verein 130 Angestellte, die verantwortlich sind für die Bildung von rund 900 Kindern und Jugendlichen. Unterrichtet werden sie in modernen Gebäuden. Keine Graffiti, kein Dreck, keine ausländischen Sprachfetzen. Viel Platz zum Toben und Spielen.

Den Eingang des Schulzentrums ziert eine Granittafel. Darauf ist eingraviert: „Lehret deutsches Gut und deutsche Güte, damit Gott dieses Haus behüte.“ Pfarrer Schädlich interpretiert den Spruch unter anderem als Aufforderung, „das Erbe unserer Eltern zu pflegen“. Das sei gefährdet, wie auch Angela Merkels Satz vom „Wir schaffen das“ zeige. Ihre Aussage sei „ein Sündenfall, ohne Rückkopplung mit Gott“ erfolgt. Das sei in der DDR schon so gewesen mit dem Spruch: „Ohne Gott und Sonnenschein fahren wir die Ernte ein.“

Aus der Zuneigung zu Deutschland macht der evangelische Schulverein in Gaußig keinen Hehl. Diese Granittafel hängt am Eingang zum berufsbildenden Gymnasium.
Aus der Zuneigung zu Deutschland macht der evangelische Schulverein in Gaußig keinen Hehl. Diese Granittafel hängt am Eingang zum berufsbildenden Gymnasium. ©  privat

Schädlich ist der richtige Mann, um das ideelle Erbe seines Vorgängers Gerd Frey fortzuführen. Der ist seit dem vorigen Jahr Ruheständler, lebt seit 1979 in dem Dorf. Der Schulverein ist seine Idee. Frey sagt, die Bildungspolitik von NSDAP und SED hätten zum „Abbruch der christlichen Überlieferung“ geführt und nicht der „Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses unseres Volkes“ gedient. Es sei zu einer „Pädagogik ohne Evangelium“ gekommen. Das Evangelium aber sei an Völker adressiert, denn diese seien „die guten Gedanken Gottes“. Ein Volk definiere sich über Menschen, die sich zu diesem bekennen und von diesem abstammen.

Zu den wichtigsten Unterstützern von Freys Schulidee zählen Veit und Katrin Gähler. Er ist Spielzeughändler und erst im vergangenen Herbst wieder in den Vorstand des Schulvereins gewählt worden. Sie arbeitet als Erzieherin im Hort. Das Paar zog erst vor gut einem Jahr nach Gaußig, vorher lebte es in Bautzen. In der dortigen Petri-Kirchgemeinde erinnert man sich noch, wie „super engagiert“ beide gewesen sind. Gähler gehörte zum Kirchenvorstand, sie zum Kindergartenteam der Gemeinde. „Wir waren feste Freunde“, sagt Petri-Pfarrer Christian Tiede.

Der Pfarrer der Petri-Kirchgemeinde in Bautzen, Christian Tiede, ist ein humorvoller Mensch. Angesichts der politischen Entwicklung um sein früheres Kirchenvorstandsmitglied Veit Gähler ist ihm das Lachen jedoch vergangen. 
Der Pfarrer der Petri-Kirchgemeinde in Bautzen, Christian Tiede, ist ein humorvoller Mensch. Angesichts der politischen Entwicklung um sein früheres Kirchenvorstandsmitglied Veit Gähler ist ihm das Lachen jedoch vergangen.  © Foto: Uwe Soeder

Dennoch kam es zum Bruch. Das hatte nach Angaben von Tiede mit Politik zu tun. Gähler gründete im Herbst 2015 einen Ableger der Wir-sind-Deutschland-Bewegung in Bautzen. Tiede sagt, er habe Gähler „wiederholt auf politisch oder theologisch problematische Aktivitäten hingewiesen“. Daraufhin sei der aus dem Kirchenvorstand ausgetreten, seine Frau sogar aus der Kirche. Veit Gähler äußert sich zu dieser Darstellung nicht, er verweigert jedwede Kommunikation mit der SZ. Gaußigs amtierender Pfarrer Schädlich bestätigt den Kirchenaustritt seiner Erzieherin. Das „tut zwar weh, aber sie ist ja nicht aus dem Glauben ausgetreten.“

Die Wir-sind-Deutschland-Demonstrationen waren von Beginn an asylkritisch. Auf einem dieser Proteste, im Januar 2016, ergreift auch der bekannteste Bautzener Unternehmer das Mikrofon: Jörg Drews, Chef von Hentschke-Bau, Boss von rund 700 Mitarbeitern, Mäzen, Förderer, Investor. Fortan arbeiten Gähler und Drews bei der Organisation von Bürgerforen zusammen. Für Dompfarrer Tiede ist Gähler „die rechte Hand von Drews, wenn es um die Organisation politischer Veranstaltungen geht“.

Für „mindestens problematisch“ hält diese Zusammenarbeit der Sektenbeauftragte der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Sachsen, Dr. Harald Lamprecht. Der renommierte Experte für Weltanschauungsfragen sieht Verbindungen des Ehepaars Gähler mit der extrem evangelikalen Gruppierung Organische Christus-Generation.

Deren Anführer ist der in Zürich geborene Laienprediger Ivo Sasek. Anhänger des 62-Jährigen sähen in ihm „einen von Gott beauftragten Führer“, sagt Sektenspezialist Lamprecht. Er hält Sasek für „einen Protagonisten rechtsesoterischer Verschwörungstheorien“. 

Der Schweizer Ivo Sasek ist Laienprediger und Autor religiöser Schriften. Die von ihm gegründete Organische Christus-Generation (OCG) wird als Sekte eingestuft.
Der Schweizer Ivo Sasek ist Laienprediger und Autor religiöser Schriften. Die von ihm gegründete Organische Christus-Generation (OCG) wird als Sekte eingestuft. © Screenshot: Vimeo

Jegliche Kritik an ihm und seiner Lehre betrachte Sasek als Verleumdung. „Er interpretiert Konflikte mit Kirche, Staat und Medien als letztendlich von Dämonen gesteuert.“ Verbindungen Saseks nach Bautzen bestünden schon seit Jahren, sagt Lamprecht. Auch zu etwaigen Verbindungen zur Organischen Christus-Generation von Sasek äußert sich das Ehepaar Gähler gegenüber der SZ nicht.

Der Schweizer selbst beschreibt seine Gruppe in einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur als ein „Generationsereignis“. Sie existiere „in einem tiefen Bewusstsein der Zusammengehörigkeit aller Menschen dieser Welt.“ Seit 2008 organisiert Sasek Konferenzen der von ihm ebenfalls gegründeten Anti-Zensur-Koalition. Lamprecht zufolge hilft er dort „bei der Verbreitung von Verschwörungstheorien“.

Bei der 14. Anti-Zensur-Koalition sprach Werner Kirstein zum Thema „Der politogene Klimawandel“:

In Bautzen organisieren Sasek-Fan Gähler und Firmenchef Drews seit April 2016 nahezu monatlich Vorträge namens der Initiative „Von Bürgern für Bürger“. Die Veranstaltungen in einem Saal für 200 Personen sind oft bis auf den letzten Platz belegt. Einige der Bautzener Referenten haben auch bei Saseks Anti-Zensur-Koalition geredet:

Werner Kirstein, einst tätig am Geografie-Institut der Universität Leipzig, war im November 2017 Gast der Anti-Zensur-Koalition. Der emeritierte Professor referierte dort zum Thema „Der politogene Klimawandel“. Ein halbes Jahr später spricht er in Bautzen über „Klimawandel durch Kohlendioxid – die große Lüge“.

Bereits 2011 ist der Zinskritiker Andreas Popp bei Sasek. Auf seinem Blog Wissensmanufaktur schreibt er: „Sehr gespannt erreichte ich den geheim gehaltenen Veranstaltungsort. (…) Solche friedlichen Organisationen werden von den systemrelevanten (…) Mainstreamern als gefährlich empfunden.“ Popp referierte in Bautzen im Oktober 2018.

Fast schon ein Stammgast der Anti-Zensur-Koalition ist der Gründer der Splitterpartei „Neue Mitte“, Christoph Hörstel. 2013 analysierte er dort die „Umsturzwelle in Arabien“. 2015 lautete sein Thema „Migrationswaffe und Terrormanagement – Europas Regierungen bedrohen eigene Völker“. Zudem tritt er als Moderator auf. Im September 2016 spricht er in Bautzen über „Cash und Krieg“.

Auch der Schweizer Historiker Daniel Ganser ist Gast bei Sasek. 2014 referierte er dort über „verdeckte Kriegsführung“. Im Oktober 2016 trägt er in Bautzen seine Gedanken zum „Illegalen Krieg gegen Syrien“ vor. In der Einführung zu diesem Vortrag ergreift Drews Partei für Russland und bezweifelt die offiziellen Opferzahlen des Angriffs auf Dresden im Februar 1945.

2017 stellt der Ex-Banker Thorsten Schulte sein im Kopp-Verlag erschienenes Buch „Gefährlicher Kontrollverlust“ auf einer Sasek-Konferenz vor. In Bautzen spricht er zweimal. Schulte ist Chef des Vereins Pro Bargeld – pro Freiheit, der seinen Sitz an der Firmenadresse der Hentschke-Bau hat.

Der frühere CSU- und heutige AfD-Politiker Rainer Rothfuß darf bei Sasek-TV für die vom Druschba-Verein organisierte deutsch-russische Friedensfahrt werben. In Bautzen referiert er zweimal über Geopolitik und Massenmigration. Zudem organisiert Gähler mit Unterstützung der Hentschke-Bau die Ausstellung „Druschba – Gesichter Russlands“ in der Volksbank Bautzen. Rothfuß erhält 2018 den Bautzener Friedenspreis

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Von Gähler führen weitere Spuren. Zu Saseks Medien zählt das Flugblatt Stimme und Gegenstimme (S & G). Es trägt den Untertitel „Wenig Gehörtes – vom Volk fürs Volk! Frei und unentgeltlich. Inspirierend.“ Sektenspezialist Lamprecht sagt, jeder Empfänger kopiere S & G selbst und verteile es im Schneeballprinzip weiter. Damit wolle man „eventuellen Zensurmaßnahmen durch staatliche Blockade der elektronischen Verteilwege“ entgehen. Gähler bietet S & G am Eingang seines Spielzeugladens an, als „Gratis-Zeitung“, versehen mit der Aufforderung „Bedienen Sie sich!“.

S & G wird zudem dem Regionalmagazin Denkste?! beigelegt. Das existiert seit Juni 2016 und ist „eine Initiative der unabhängigen Bautzener Bürgerbewegung „Wir sind Deutschland – nur gemeinsam sind wir stark!“ Im Impressum fungiert Gähler als Verantwortlicher, das Spielzeuggeschäft des 49-Jährigen ist Sitz der Redaktion. Über die Stimmung in Bautzen schreibt er: „Aber nicht nur die große Politik macht unserem Volk zu schaffen, eine kleine, aber dafür umso verbissener agierende Zahl von ortsansässigen Demagogen (…) verleumden und denunzieren Andersdenkende, wo es nur geht.“

Als "Gratis-Zeitung" bewirbt der Bautzener Spielzeughändler Veit Gähler vor seinem Geschäft das Blättchen "Stimme und Gegenstimme". Der Sektenbeauftragte der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Sachsen ordnet es der Organischen Christus-Generation in
Als "Gratis-Zeitung" bewirbt der Bautzener Spielzeughändler Veit Gähler vor seinem Geschäft das Blättchen "Stimme und Gegenstimme". Der Sektenbeauftragte der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Sachsen ordnet es der Organischen Christus-Generation in © Foto: Ulrich Wolf

Auf ihren Bürgerforen bitten Gähler und Drews um Spenden für die Publikation. Im September 2017 mailt Drews an seine Mitarbeiter: „Im Anhang finden Sie die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Denkste?!. Sollten Sie die Zeitschrift als Printmedium benötigen, nehmen wir gern Ihre Bestellungen entgegen.“

Dem NDR-Medienmagazin Zapp sagt Drews dazu: „Ich bin weder im Impressum, noch lege ich Texte und Inhalte fest.“ Befragt zum Motiv seiner Finanzhilfe sagt er: „Das, was wir tun, ist eine Reaktion auf eine laufende Aktion der Medien, die Bautzen verunglimpfen, wie es schlimmer nicht sein kann.“

>>>>> Im Oktober führte das NDR-Medienmagazin Zapp ein Interview mit Jörg Drews. Unter diesem Link finden Sie das Interview in voller Länge.

Es gibt Denkste?! auch im Internet. Eine der herausragenden Quellen, auf die dort immer wieder verwiesen wird, ist der Sasek-Sender Klagemauer-TV. Das Videoportal wirbt damit, „verderbenbringende Medienlügen und Lügenmedien“ zu entlarven.

Zu den Denkste?!-Autoren zählt das Bautzener Ehepaar André und Bernadette G. An ihrem Privatgrundstück hängen Schaukästen mit den Ausgaben der Denkste sowie von S & G. In der Einfahrt steht ein Mercedes-Citan, auf dessen Heckscheibe Werbung für Klagemauer-TV prangt. Bernadette G. schreibt für Denkste „aus der Sicht einer Christin“, André G. führt zudem den Internetblog „Für unsere Zukunft“, der mittlerweile mehr als 285.000 Aufrufe zählt.

Werbung für den Fernsehsender Klagemauer-TV des Schweizer Sektenanführers Ivo Sasek gibt es auch in Bautzen - ausgerechnet am Privatgrundstück eines Ehepaars, das auch für das Bautzener Lokalmagazin Denkste?! schreibt.
Werbung für den Fernsehsender Klagemauer-TV des Schweizer Sektenanführers Ivo Sasek gibt es auch in Bautzen - ausgerechnet am Privatgrundstück eines Ehepaars, das auch für das Bautzener Lokalmagazin Denkste?! schreibt. © Foto: Ulrich Wolf

Dort wird unter anderem auf die von Gähler und Drews veranstalteten Bürgerforen verwiesen, auf Klagemauer-TV, auf die Anti-Zensur-Koalition sowie auf S & G. In seinem Blog wirbt G. für eine Veranstaltung des Bautzener Friedensvereins in einem Café in Kirschau: „Gezeigt wird der Film ,Im Anfang war das Herz‘ von Ivo Sasek.“ Auf G.‘s Blog wird zudem auf Internetseiten der vom Verfassungsschutz überwachten Reichsbürger-Szene verlinkt, unter anderem auf den „Bundesstaat Sachsen“, dessen Wappen ebenfalls auf dem Mercedes-Citan prangt.

Auch Bürgerforen-Mitorganisator Gähler scheut die Reichsbürger nicht. Auf dem russischen Facebook-Pendant vk.com gehörte er noch vor Kurzem den Gruppen Königreich Bayern-Freistaat Bayern und Freistaat Preußen in Reorganisation an. Der Verein „Freiheit für Deutschland“, der teils rechtsextreme Gruppen als „Gleichgesinnte“ betrachtet, nennt das Ehepaar Gähler im Internet als Ansprechpartner der Regionalgruppe Bautzen. Befragt zu diesen Kontakten, sagte Katrin Gähler dem Magazin Chrismon im vorigen Jahr: „Das war so eine Phase. Wir sind wieder auseinandergegangen.“ Trotz mehrfacher Versuche verweigerte Veit Gähler auch dazu  jeden Kontakt mit der SZ.

Veit Gähler im Jahr 2015.
Veit Gähler im Jahr 2015. © Carmen Schumann (Archivfoto)

Ex-Pfarrer Frey in Gaußig hingegen sagt zu Gählers Ansichten nur: „Man muss so was aushalten.“ Es sei nicht seine Aufgabe, „Zensur über Herrn Gähler auszuüben“. Frey betont, der Schulverein habe nie politische Arbeit gemacht.

Zumindest aber in einer Mail der Firma Hentschke-Bau vom Mai 2017 heißt es: „Im Namen des Evangelischen Schulvereins darf ich Ihnen folgende Information zur Benefizveranstaltung mit Schwester Hatune Dogan übermitteln.“ In der anhängenden Datei erfährt man von einer Veranstaltung mit dem Titel „Es geht ums Überleben“ am 8. Juni 2017 in der Michaeliskirche Bautzen. Die Ordensschwester ist bekannt für ihre Kritik an der deutschen Flüchtlingspolitik. In Bautzen sagt sie: „Meiner Meinung nach sind 80 Prozent falsche Flüchtlinge hier.“

Die evangelisch-lutherische Kirche in Sachsen kritisiert den Schulverein deutlich. Er müsse insbesondere dann widersprechen, „wenn christlicher Glaube mit völkischen Denkmustern zusammengebracht und dies als biblisch legitim gedacht wird“, sagt Oberlandeskirchenrat Burkart Pilz. Evangelische Schulen dürften die Wertevermittlung und „das Werben für die Schönheit des christlichen Glaubens nicht verwechseln mit Einweisung in ein Volkstums-Christentum“. Deshalb sei für ihn auch der Spruch mit der „deutschen Güte“ auf der Granittafel am Eingang des Schulzentrums in Gaußig nicht nachvollziehbar. „Ich kann nicht erkennen, wie das innerhalb evangelischer Bildungsarbeit zu begründen und zu verantworten ist.“

Weitere Teile aus der Serie "Der Bautzen-Report":

Teil 1 erschien am 10. April: Die Stadt. Der Protest. Der Macher. Wie der wichtigste Unternehmer der Stadt beim Aufbau einer Gegenöffentlichkeit mitmischt.

Teil 3 erscheint am 12. April: Die Stadt. Der Protest. Die Druschba-Fans. Wie Aktivisten und Lokalmedien in Bautzen die deutsch-russische Freundschaft neu entdecken.