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Die Bäckerei als Insel der Normalität

In einer Dresdner Bäckerei gibt es keine Hamsterkäufe, aber eine Geldwäsche. Wie Manuela und Wolfram Schuster der Corona-Krise trotzen – ein Besuch.

Bäckerei-Verkäuferin Manuela Schuster hat keine Chance auf Arbeiten im Home-Office. Sie versucht, Abstand zu ihren Kunden zu halten.
Bäckerei-Verkäuferin Manuela Schuster hat keine Chance auf Arbeiten im Home-Office. Sie versucht, Abstand zu ihren Kunden zu halten. © Jürgen Lösel

Ein kurzer Schwung mit der Hand, dann erklingt die Ein-Sekunden-Symphonie, die Manuela Schuster jetzt dauernd hört. Ein helles Pling-pling mischt sich mit dumpfem Tok-tok und einem fast schon sachlichen Klack-Klack, wenn Ein-Cent-Münzen mit ihren größeren Geschwistern und den ganzen Euros von Teller Nummer eins in die Plastikbox rauschen. Streng getrennt vom fast klinisch reinen Münzgeld, das desinfiziert in der Kasse wartet.

Neue Zeiten erfordern neue Lösungen, sagt die 54-Jährige und stellt Nummer eins rechts von sich auf den Tresen. In fast einem Meter Abstand parkt weiter links Teller Nummer zwei, in den Manuela Schuster das Wechselgeld hineinlegt. Der Kunde, ein älterer Mann, greift zu, bedankt sich und geht. „Wie sind ein klassisches Münzgeschäft. Bei uns wird viel Kleingeld da gelassen.“

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Die Münzen der Kunden kommen in eine Extra-Box und werden erst desinfiziert, bevor sie als Wechselgeld in der Kasse landen.
Die Münzen der Kunden kommen in eine Extra-Box und werden erst desinfiziert, bevor sie als Wechselgeld in der Kasse landen. © Jürgen Lösel

Mit ihrem Mann Wolfram betreibt Manuela Schuster die Bäckerei Kunadt im Dresdner Stadtteil Gruna. Sie verkauft mit ein paar Kolleginnen, er steht in der Backstube. Vor 16 Jahren haben sie von Manuela Schusters Vater Horst Kunadt übernommen. 

Der Laden in dem alten Bürgerhaus ist eine Institution. Zu normalen Zeiten ein kleiner Treffpunkt für die Nachbarschaft, gleicht die Bäckerei jetzt einem Schalter im Amt, nur, dass man hier keine Nummern ziehen muss.

Die Angst, das Virus mitzubringen

„Bitte einzeln eintreten“, steht in dicken Lettern auf dem Türschild. Dahinter eine Leine mit roten und weißen Wimpeln. Das soll eineinhalb Meter Abstand zwischen Kunden und Verkäuferin bringen. 

„Die Angst schwingt mit, nicht nur wegen mir, sondern weil ich das Virus mitbringen könnte und dann schuld bin“, sagt Schuster. Die Eltern sind um die 80, die Schwiegereltern deutlich darüber. „Ich hab ihnen „verboten“ außer zum Spazieren vor die Tür zu gehen.“ Die Einkäufe übernehmen sie und die Tochter.

Erst einmal musste Verkäuferin Manuela Schuster einen Mann wieder raus schicken, weil er das Schild nicht gesehen hatte und schon zwei Kunden im Laden waren.
Erst einmal musste Verkäuferin Manuela Schuster einen Mann wieder raus schicken, weil er das Schild nicht gesehen hatte und schon zwei Kunden im Laden waren. © Jürgen Lösel

Ein Mann kommt herein. „Das bestellte Brot bitte.“ Manuela Schuster nickt, sagt „jawoll“ und greift mit der rechten Hand hinter sich ins Regal. Ein Roggenbrot. Sie kennt ihn und er den Preis. 1,80 Euro legt er passend auf Nummer eins. Sie greift mit der linken nach dem Teller. Diesmal nur abkippen.

Auf ihre Hände muss Manuela Schuster noch mehr achten als sonst. Geld- und Brothand dürfen sich nicht berühren. Falls doch, steht Desinfektionsmittel bereit. Alle Viertelstunde wäscht und desinfiziert sie die behandschuhten Hände, alle Stunde die Verkaufstheke und immer abends die Münzen.

Die Geldwäsche geht so: Die Münzen baden in einer Mischung aus Desinfektionsmittel und Wasser, werden durchgeschüttelt und getrocknet, bevor sie als Wechselgeld für den nächsten Tag in der Kasse landen. Corona-Zeiten eben, nur das hier bisher niemand gehamstert hat. „Die Kunden kaufen meistens ein Brot, mancher nimmt vielleicht jetzt ein zweites zum Einfrieren mit.“ 

Eine Absperrleine mit roten und weißen Wimpeln sorgt für Abstand zwischen Verkäuferin und Kunden.
Eine Absperrleine mit roten und weißen Wimpeln sorgt für Abstand zwischen Verkäuferin und Kunden. © Jürgen Lösel

Ein Post-Modern-Bote parkt sein Rad vor der Tür – wie jeden Tag. Er ist höchstens 20, dunkelblond und grinst verlegen. „Ein Kaffee und ein Käsebrötchen bitte“. Er weiß, dass es das nur noch „to go“ gibt. Schuster nimmt das Brötchen aus dem Regal. „Ist ja schönes Wetter heute“, sagt sie. Der Bote nickt. Sie reicht ihm eine Serviette. „Macht zwei Euro zehn.“ Auch er zahlt passend.

Die nächste wartet ungeduldig vor der Tür. Die Dame ist fast 90, hat schlohweiße Haare und trägt eine dunkle Sonnenbrille. „Ich hätte gern Doppelbrötchen, zwei Stück Aprikosenkuchen und ein Viertel Mohnkuchen“, sagt sie mürrisch. 

Der Wert der kleinen Geschäfte

Die Seniorin kramt einen Fünf-Euro-Schein und ein paar Münzen aus der Tasche und guckt die beiden Teller abwechselnd an. Schuster deutet auf Nummer eins. Die Dame grummelt etwas, sagt schließlich: „Im Krieg wurde es mit jedem Tag besser, jetzt wissen wir nicht, wie es weitergeht.“

Wie Krieg fühlt es sich in der Backstube nicht an. „Wir sind eine kleine Insel Normalität in einer verrückten Welt“, sagt Wolfram Schuster. „Die Leute freuen sich, dass wir wie immer für sie da sind.“ Er nimmt die letzten Brote aus dem Ofen. 

Zwar spüre auch er Unsicherheit und könne wegen der Unwägbarkeiten für die nächsten Tage und Wochen gerade nicht gut schlafen. Aber Umsatzeinbrüche wie andere Branchen verzeichne er bisher nicht. „Die Leute entsinnen sich in diesen Zeiten wieder solcher kleiner Geschäfte wie unseres ist.“

Er hat das Video des Hannoveraner Bäckers Gerhard Bosselmann im Internet gesehen, der schluchzend dazu aufrief, in Corona-Zeiten lokale Bäcker zu unterstützen, andernfalls könne seine Firma mit über 20 Filialen in acht Wochen sterben. Schuster versteht diese Angst. Personalkosten sind bei größeren Unternehmen schnell ein Pleiterisiko.

„Wir haben den Vorteil, dass wir keine Cafés betreiben, die jetzt zubleiben müssen“, sagt der 53-Jährige. Nur eine kleine Filiale im Nachbarstadtteil. Das Geschäft über die Ladentheke funktioniere. Eine Wahl gäbe es ohnehin nicht. „Wir sind kein Berufsfeld, in dem man ins Home-Office gehen kann.“ Notfalls würde er für die Mitarbeiter Kurzarbeit beantragen.

1.200 Brötchen im Alleingang

Der Bäckermeister knetet Teig für die nächste Schicht. Drücken, greifen, heben, rollen. Die eine Hälfte wird zu mohnbestreuten Zöpfen, die andere zu Käsebrötchen. 100 Brote, 1.200 Brötchen, 200 Pfannkuchen, Dutzende Gebäckstücke und Torten schafft er in einer Nacht. Ganz allein. Sein letzter Geselle hat gekündigt, weil er weggezogen ist. Noch sei das beherrschbar, sagt Schuster. Wie das in der Stollenzeit gehen soll, weiß er noch nicht.

Bei Wolfram Schuster kommt die Corona-Krise in Gestalt vorsichtiger Lieferanten an, die keine Backstube mehr betreten dürfen. Das Mehl füllen Lastwagen der Dresdner Mühle in Schusters Silos. Die kleinen 25-Kilo-Säcke muss er selber schleppen, wie auch den Zucker, das Öl und die Marmelade. Vom Fußweg zieht Schuster die Ware über eine kleine Rampe durch das Kellerfenster in sein Lager.

Bäckermeister Wolfram Schuster bereitet in der Backstube Teig für Mohnzöpfe und Käsebrötchen vor.
Bäckermeister Wolfram Schuster bereitet in der Backstube Teig für Mohnzöpfe und Käsebrötchen vor. © Jürgen Lösel

Die Zöpfe und Brötchen sind im Kühlraum verschwunden. Schuster schrubbt sich Teigreste und Mehl von den Händen. Als Lebensmittelproduzent hat er die Hygiene kaum verändern müssen. Er wasche sich aber jetzt deutlich öfter die Hände.

Für seine Frau ist es wichtig, dass die Kunden die neuen Sicherheitsregeln einhalten. Sie sei noch von keinem deshalb beschimpft worden, sagt Manuela Schuster. Nur einmal musste sie einen raus schicken, weil er das „Einzeln eintreten“-Schild übersehen hatte.

Ein Enddreißiger mit Vollbart betritt den Laden, guckt auf die Absperrleine und sagt: „Sie wollen wohl meine Nähe nicht mehr, sondern nur mein Geld.“ Er lacht, Manuela Schuster lächelt zurück.

In der Backstube gelten ohnehin schon strenge Hygiene-Vorschriften. Wegen Corona schrubbt Wolfram Schuster aber jetzt noch öfter seine Hände.
In der Backstube gelten ohnehin schon strenge Hygiene-Vorschriften. Wegen Corona schrubbt Wolfram Schuster aber jetzt noch öfter seine Hände. © Jürgen Lösel

Ein anderer will Bienenstich, Eierschecke und eine Tüte geriebene Semmeln. „Das reicht im Moment“, sagt er und setzt an, seinen Stoffbeutel über die Theke zu reichen. Manuela Schuster wehrt ab. 

„Das mit dem eigenen Beutel ist jetzt ausgesetzt. Wir packen alles in Papiertüten und die nehmen sie sich hier weg.“ Der Mann hebt erst erstaunt die Brauen, nickt schließlich und zahlt 8,20 Euro passend auf den Schmutzgeldteller.

Der Nächste trägt Jacke und Schiebermütze aus Leder. „Drei Krusti-Brötchen und ein Vollkornbrot“. . Schuster tütet ein, der Mann guckt in die Vitrine mit den Kuchen, zögert, dann sagt er: „Ach, ich nehme noch ein paar Stücke Schoko-Nuss-Kuchen, das gönnen wir uns jetzt einfach mal.“ Macht 7,50 Euro. 

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Er legt vier Zwei Euro-Stücke hin. Klack, klack, klack, klack. Diesmal erklingt nur ein Teil der Ein-Sekunden-Sinfonie, als die Münzen in die Box fallen. Dinge, die jetzt noch etwas exotisch anmuten, dürften nicht nur bei Manuela Schuster im Laden, sondern in weiten Teilen des öffentlichen Lebens jetzt für eine ganze Weile zur Normalität werden.

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