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Die Hausärzte könnten das Ende der Pandemie einleiten

An diesem Dienstag steigen die Praxen ins Impfgeschäft ein. Was sie schon lange wollten. Nun können sie zeigen, wie viel Vertrauen sie verdienen. Ein Kommentar.

Mit den ersten Corona-Impfungen bei Hausärzten ist der Startschuss für eine deutliche Verbreiterung der Impfkampagne in Deutschland gefallen.
Mit den ersten Corona-Impfungen bei Hausärzten ist der Startschuss für eine deutliche Verbreiterung der Impfkampagne in Deutschland gefallen. © dpa

Von Hannes Heine

Vielleicht leiten die Ärzte in diesen Tagen tatsächlich das Ende der Pandemie ein. Vielleicht ist der Prozess, der am heutigen Dienstag in Gang gesetzt wird, tatsächlich geeignet, das Coronavirus weitgehend zu stoppen. Dann wäre die Wende nah.

Zehntausende niedergelassene Ärzte könnten von nun an ihren Patientinnen und Patienten – je nach Alter und Vorerkrankungen – in gewohnter Umgebung die von vielen sehnlich erwartete Spritze mit dem Anticorona-Vakzin setzen.

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Impfen auf Einladung - Bürokratie inklusive

Das ist so oder so ein Fortschritt im Impfgeschehen. Bisher gab es die immunisierende Spritze in den extra aufgebauten Impfzentren, in die man nach den üblichen Hürden der Bürokratie eingeladen werden musste.

Mit den Hausärzten sind dann endlich alle drei Säulen des Gesundheitswesens – Gesundheitsämter, Kliniken, Praxen – in die Pandemiebekämpfung einbezogen. Zuerst standen ausgerechnet die nach Jahren der Sparpolitik personell ausgedünnten Gesundheitsämter fast allein an der Front.

Bald darauf spürten in den Kliniken die oft zu wenigen Pflegekräfte und Mediziner die Wucht der Pandemie: Die Betten füllten sich mit Covid-19-Fällen, so wie heute schon wieder mit denen, die sich mit den ansteckenderen Mutationen infiziert haben. Und erst jetzt kann und soll sich auch das Potenzial der überall im Land verteilten Praxen entfalten.

Es sei noch kein großer, aber ein wichtiger Schritt – auch weil niedergelassene Hausärzte in der ersten Woche nur 20 Impfdosen erhalten, dämpft Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorsichtshalber die Erwartungen schon wieder. Doch das mag auch an den Spuren liegen, die der pannenreiche Impfstart hinterlassen hat. Denn wenn die Zahlen der Pharmafirmen stimmen, kommt bald so viel Impfstoff, dass niedergelassene Fachärzte und Privatpraxen gut beliefert werden können.

Kein großer Schritt, aber ein wichtiger, sagt Jens Spahn.
Kein großer Schritt, aber ein wichtiger, sagt Jens Spahn. © dpa

Und diese Prognose sei gewagt: Wenn Hausarzt und Hausärztin zum Impfen bitten, wird die Verweigererquote geringer sein, als wenn es eine Einladung in ein Impfzentrum gibt. Viele Menschen gehen ihr Leben lang in dieselbe Praxis, Arzt-Patienten-Verhältnisse vererben sich oftmals von Eltern auf Kinder.

In diesen Praxen ist die jeweilige Krankengeschichte bekannt, die Atmosphäre vertrauensvoll, entschieden wird nicht nur fachlich, sondern aus Vertrautheit. Impfskepsis lässt sich so eher abbauen.

In Berlin werden die Impfzentren nötig bleiben

Dass die Praxen nicht früher einbezogen wurden, hat dennoch Gründe. Die ersten Impfstoffe mussten in speziellen Kühlschränken gelagert werden, weshalb nur zentrale Einrichtungen infrage kamen. Und gerade in der Hauptstadt werden die Impfzentren auch nötig bleiben. Berlin ist die Stadt der (oft jungen) Zugezogenen, von denen sich viele auch nach Jahren keinen Hausarzt im herkömmlichen Sinne gesucht haben.

Bei aller Zuversicht, dass das Impfen in den Praxen erfolgreicher ablaufen wird, sollte aber mit Blick auf künftige Epidemien und flächendeckende Großlagen über den Umgang mit den Akteuren im Gesundheitswesen gesprochen werden. Es wäre sinnvoll, alle Akteure früh auf ein gemeinsames Ziel zu verpflichten, deren Partikularinteressen also einzugrenzen.

"Praxen könnten die ersten Ansprechpartner sein"

Genauso sinnvoll ist es, denjenigen nicht im Weg zu stehen, die sich in die Schlacht werfen wollen. Praxen könnten die ersten Ansprechpartner sein, in der Pandemie werden sie nun als Letzte genutzt. Das hat auch mit deren Autonomie zu tun.

Das Gesetz schreibt ihnen vor, dass sie die nichtstationäre Versorgung sicherzustellen haben. Dafür gewährt der Staat ihnen das Monopol auf die ambulanten Patienten. Niedergelassene Ärzte sehen sich oftmals zuerst als Freiberufler, als selbstbewusste Selbstständige.

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