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Corona: Kreis Görlitz in großer Sorge um seine Alten

Nirgends in Sachsen leben so viele über 80-Jährige. Trotzdem erhält der Kreis nicht mehr Impfdosen als andere. Landrat Bernd Lange sieht darin einen Verstoß gegen die Impfstrategie.

Landrat Bernd Lange kritisiert den Freistaat für die Umsetzung der Impfstrategie.
Landrat Bernd Lange kritisiert den Freistaat für die Umsetzung der Impfstrategie. © Nikolai Schmidt (Archiv)

In keinem anderen Landkreis in Sachsen leben so viele Menschen über 80 Jahre wie im Kreis Görlitz. Es sind 25.000. Jeder zehnte Einwohner im Kreis gehört zu dieser Gruppe. Und trotzdem erhält der Landkreis proportional zu seiner Einwohnerzahl nur genauso viele Impfdosen wie jeder andere Kreis auch. Egal, wie groß dort die Gruppe der über 80-Jährigen ist, die als Erste geimpft werden soll.

Das hält der Görlitzer Landrat Bernd Lange für ein Unding und will nun beim Freistaat auf eine veränderte Impfstrategie dringen. Das kündigte er vor Journalisten am Donnerstag an. "Die Senioren über 80 sollen als Erste geimpft werden, dann muss aber auch ihr Wohnort bei der Verteilung des Impfstoffs berücksichtigt werden", findet Lange. Ist das nicht der Fall, dann würden im Landkreis Görlitz noch im dritten Quartal die über 80-Jährigen geimpft, während in den sächsischen Großstädten bereits die jungen Leute an der Reihe wären. Es sei aus Sicht kein Streit um Impfdosen, erklärte Lange, sondern über die richtige Umsetzung der von der Impfkommission festgelegten Reihenfolge.

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Auch die Behinderteneinrichtungen, wo viele Bewohner einen Pflegestatus haben und ebenso besonders gefährdet sind, schwer an Corona zu erkranken, sollten ebenso als Erste durchgeimpft werden. Bislang verteilt Sachsen die Impfdosen nach der Zahl der Einwohner, die Größe der zuerst zu impfenden Gruppe bleibt unberücksichtigt.

Bewohner von vier Heimen haben bereits zwei Impfungen

Bislang sind die Bewohner von vier Heimen im Landkreis zum zweiten Mal geimpft worden. Es gibt aber über 100 solcher Einrichtungen im Landkreis Görlitz mit rund 4.000 Bewohnern. Gerade die Alten- und Behindertenheime trieben seit Ende Oktober die Pandemie. Wochenlang wurde dieser Entwicklung im Herbst tatenlos zugeschaut, selbst als Schnelltests für die regelmäßige Kontrolle von Bewohnern und Mitarbeitern zur Verfügung standen, dauerte es weitere Wochen, bis dieses Verfahren flächendeckend angewandt wurde.

Jetzt sind erste Verbesserungen der Lage zu erkennen. Nur noch zehn Alten- und Behinderteneinrichtungen haben derzeit mit Corona zu kämpfen, davon steht aber nur ein Heim komplett unter Quarantäne. In den anderen Einrichtungen sind es zumeist nur einzelne Wohngruppen. Wie die Görlitzer Gesundheitsbeigeordnete Martina Weber erklärt, sei das eine deutlich andere Situation als noch vor Weihnachten. Wenn Corona in einem Heim damals ausbrach, dann verbreitete sich das Virus so schnell und breit, dass zumeist das gesamte Heim unter Quarantäne stand.

Infektionen jetzt im privaten und beruflichen Umfeld

Die Entwicklung in den Altenheimen ist einer der Gründe für die momentan sinkende Zahl der Neuinfektionen und der rückläufigen Inzidenz im Landkreis. Als zweiten Grund nannte Landrat Bernd Lange die Disziplin der Einwohner, sich zunehmend an die Corona-Auflagen zu halten. Das merke man auch an der zurückgehenden Zahl von Kontaktpersonen bei einem Coronafall. Im Herbst konnten das mitunter 70 oder 80 Personen sein, jetzt sind es im Höchstfall zehn. Ein Indiz dafür, dass die sozialen Kontakte deutlich zurückgefahren wurden.

Die Amtsleiterin des Kreis-Gesundheitsamtes, Annegret Schynol, führt die jetzt noch nachgewiesenen Neuinfektionen vor allem auf das "private und berufliche Umfeld" zurück. Ausbrüche mit vielen Infektionen, so genannte Hotspots, gibt es derzeit im Landkreis nicht mehr, auch die Schulen haben sich nach der Wiederöffnung für Abschlussklassen nicht als Treiber der Pandemie herausgestellt.

Dafür aber beobachtet der Landkreis Görlitz, dass sich zunehmend Menschen ein zweites Mal mit dem Virus infizieren, die bereits eine Infektion überstanden hatten. "Die Antikörperproduktion der ersten Infektion scheint bei jedem sehr unterschiedlich zu verlaufen", sagt Lange. Bei manchen reichen die Antikörper offenkundig nicht aus, den Virus beim zweiten Mal abzuwehren.

Obwohl die Inzidenz jetzt seit zwei Wochen sinkt, bleibt Landrat Bernd Lange vorsichtig. er sieht darin noch keine gesicherte Tendenz, die sich jetzt einfach fortsetzen wird. Deswegen hält er es auch für richtig, dass die Corona-Auflagen bis Mitte Februar vorerst fortgesetzt werden. Zumal auch niemand weiß, ob die Mutationen der Pandemie wieder neuen Schwung verleihen können. Bislang gibt es keine solch nachgewiesenen Infektionen im Landkreis Görlitz.

Deswegen schaut der Kreis auch neben der Inzidenz auf die Lage in den Krankenhäusern. Ziel aller Maßnahmen gegen das Coronavirus ist es ja, Leben zu retten und das Gesundheitswesen vor dem Zusammenbruch zu bewahren - die Inzidenz von 50 kam nur deswegen ins Spiel, weil sich in der ersten Welle gezeigt hatte, dass die Gesundheitsämter bis zu dieser Marke die Infektionsketten gut nachvollziehen konnten. Die zweite Welle hatte diese Annahme auch bestätigt. Nun zeigt sich, dass auch bei der derzeitigen Lage Kliniken, niedergelassene Ärzte, Labore und das Gesundheitsamt noch immer auf hohem Niveau belastet sind. So lange das der Fall ist, sollten die Auflagen nach Ansicht des Kreises beibehalten werden.

Nachträgliche Verschärfung verringern die Akzeptanz der Auflagen

Allerdings hält auch Landrat Bernd Lange es für richtig, klare Rahmenbedingungen für Lockerungen zu nennen - und diese dann auch durchzuhalten. Sachsens Landesregierung hat mit der neuen Corona-Verordnung die Inzidenz, ab der die nächtliche Ausgangssperre gelockert werden kann, von 200 auf 100 gesenkt. Fünf Tage lang muss dieses Kriterium unterschritten sein, das galt aber auch schon zuvor. Manch Corona-Kritiker sieht darin den Beweis, dass die Politik gar nicht zu einer Normalisierung der Lage zurückkommen, sondern die Freiheitsrechte der Bürger auf Dauer einschränken will. Lange hält ein solches Nachschärfen deswegen auch für problematisch.

Weil Andeutungen darüber aus Dresden Anfang der Woche zu hören waren, hatte er die nächtliche Ausgangssperre beibehalten, obwohl am Montag dieser Woche erstmals die Möglichkeit bestand, sie nach der alten Corona-Verordnung fallen zu lassen. "Aber was hätte das wieder für einen Eindruck gemacht, wenn sie mit der neuen Verordnung drei Tage später ohnehin wieder in Kraft gesetzt worden wäre", sagte Lange zur Begründung.

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Er sicherte zu, wenn die Inzidenz für den Landkreis fünf Tage unter 100 liegt, werde er die möglichen Erleichterungen auch in Kraft setzen. Ausschlaggebend sind die Zahlen des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Die Inzidenz für den Kreis Görlitz lag dort am Donnerstagmorgen bei 131.

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