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Warum die Corona-Impfung ab 12 sinnvoll ist

Die Stiko empfiehlt inzwischen, Kinder ab 12 gegen Corona zu impfen. Viele Eltern sind trotzdem unsicher. Eine Abwägung von Nutzen und Risiken.

© Symbolfoto: David Jung/dpa

Von Tom Nebe

Wenn die Schule wieder beginnt, steigt auch das Risiko einer Corona-Ansteckung. Viele Eltern sind verunsichert, ob sie ihre Kinder nun impfen lassen sollten oder nicht. Dass die Ständige Impfkommission (Stiko) sich nach wochenlanger Prüfung dafür ausgesprochen hatte, die Impfung nicht mehr nur Vorerkrankten, sondern generell allen Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren zu empfehlen, sorgt oft nur begrenzt für mehr Vertrauen.

„Das heißt ja weiterhin nicht, dass man sich impfen lassen muss“, sagt der auf Infektionskrankheiten spezialisierte Kinder- und Jugendmediziner Reinhard Berner vom Uniklinikum Dresden. Doch wer sich impfen lassen möchte, könne darauf vertrauen, dass die Empfehlung auf einer sehr gewissenhaften Prüfung der verfügbaren Daten beruhe. Denn vor ihrer Empfehlung konnte die Stiko auf wesentlich mehr Zahlen und Erfahrungen zurückgreifen, wie Kinder ab 12 Jahren mit der Corona-Impfung zurechtkommen. Die Vorteile der Impfung überwiegen das Risiko sehr seltener Impfnebenwirkungen, so ihr Schluss.

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Die Altersgruppe kann sich seit Mai impfen lassen. Etwa jeder vierte 12- bis 17-Jährige in Deutschland hat sich nach Angaben des Robert Koch-Instituts auch schon mindestens einen Pieks mit den Impfstoffen von Biontech/Pfizer oder Moderna geholt. Für Kinder unter zwölf Jahren ist noch kein Impfstoff zugelassen.

Auch bei Kindern gibt es mögliche Corona-Spätfolgen

Was gilt es abzuwägen? Klar ist, dass 12- bis 17-Jährige, die sich mit dem Virus anstecken, sehr selten einen schweren Covid-19-Verlauf entwickeln. Aber es komme vor, stellt Berner klar. Und dagegen schütze die Impfung. Außerdem gebe es auch bei Kindern mögliche Spätfolgen der Infektion, PIMS zum Beispiel. Das pädiatrische Multisystem-Inflammationssyndrom erfordert eine Krankenhausbehandlung. Es kommt aber selten vor und ist nach bisherigem Stand immer behandelbar gewesen.

Long Covid, also Spätfolgen, die sich unter anderem in Kurzatmigkeit und chronischer Erschöpfung ausdrücken können, wurden auch schon bei Kindern beobachtet, auch wenn sich die Häufigkeit laut Berner noch nicht beziffern lässt.

Auf der anderen Seite steht als mögliche schwere Nebenwirkung der Corona-Impfung eine Herzmuskelentzündung, die eher bei Jungs beobachtet wurde. Wobei sie sehr selten vorkommt, laut bisherigen Daten bei ungefähr einem von 16.000 Jungs, bei Mädchen seltener. „Wenn ich all das in die Waagschale werfe“, sagt Berner, „würde ich persönlich sagen: Da ist der positive Effekt der Impfung deutlich höher zu bewerten, als eine mögliche gravierende Nebenwirkung.“

Dazu kommen weitere Aspekte: Durch eine Impfung wird wieder mehr möglich und manches Treffen mit Freunden unbeschwerter. Letztlich sollte bei der Abwägung für oder gegen die Impfung aus Berners Sicht in erster Linie der Nutzen für die Gesundheit des Kindes dem Risiko einer schweren Impfnebenwirkung gegenübergestellt werden, so Berner. Faktisch mache die Impfung die Teilhabe an sozialen Aktivitäten und dem Schulbetrieb aber natürlich leichter. Das sei positiv.

Das Konfliktpotenzial steigt

Sorgen bereitet ihm jedoch weiterhin, dass genau diese Erleichterung für geimpfte Kinder und Jugendliche viel Potenzial hat, Spannungen und Konflikte in Familien und Schulen zu tragen. Bedenkenswert sei auch, dass die Impfung zwar bei Weitem nicht zu 100 Prozent vor einer Ansteckung schütze. Dennoch sei das Risiko, sich zu infizieren und das Virus dann möglicherweise an andere Menschen weiterzugeben, geringer als bei Ungeimpften.

Zusammengefasst lässt sich also sagen: Schwere Covid-19-Verläufe sind bei Kindern sehr selten, schwere Impfnebenwirkungen ebenfalls. Spätfolgen einer Covid-19-Erkrankung können auch Kinder treffen. Unter sozialen Aspekten macht die Impfung wieder mehr möglich.

Der Kinder- und Jugendarzt Thomas Fischbach beobachtet in seiner Praxis in Solingen in Nordrhein-Westfalen, dass die meisten jungen Leute von sich aus kommen, allein oder mit den Eltern schon Vorüberlegungen getroffen haben und sich beraten lassen. Auch wenn er bei der neuen Empfehlung der Stiko nach eigenen Worten voll mitgeht: „Aufschwatzen“, sagt Fischbach, würde er die Impfung aber natürlich nicht. Ganz klar empfiehlt er sie jenen 12- bis 17-Jährigen, die einer Risikogruppe angehören. Ansonsten klärt er über den Nutzen und mögliche Risiken auf. „Die meisten kommen aber schon gut informiert und entschieden in die Praxis.“

Erstmal auf Sport verzichten

Zur Aufklärung gehört die Erwähnung der Herzmuskelentzündung als sehr seltene mögliche Nebenwirkung. „Ich empfehle insbesondere den Jungs nach der Impfung deshalb einen zehntägigen Sportverzicht, auch wenn das noch nicht verbindlich empfohlen wird“, sagt Fischbach. Bei Symptomen wie Brustschmerz oder Atemproblemen in den Tagen nach der Impfung sollte man den Arzt aufsuchen.

Auch Reinhard Berner rät jungen Leuten nach der Impfung, für wenige Tage mit starker körperlicher Aktivität erstmal vorsichtig zu sein. Er nennt keine konkrete Tageszahl, sondern würde die Zeit des Sportverzichts vom „allgemeinen Zustand“ abhängig machen. Der Schulbesuch sei ohne Einschränkungen möglich – vorausgesetzt, es gibt keine Impfreaktionen.

Wie Erwachsene können 12- bis 17-Jährige durchaus heftig mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sowie allgemeinem Unwohlsein reagieren und damit nach der Impfung ein bis zwei Tage zu kämpfen haben, so Berner. „Das ist aber vorübergehend und verschwindet wieder. Das liegt an der Anregung des Immunsystems durch den Impfstoff.“

Arzt, Eltern und Kinder sollten gemeinsam über Impfung entscheiden

Es kann vorkommen, dass das Kind die Impfung möchte, die Eltern aber nicht. Dann kommt es auf das Alter des Kindes an. In der Regel geht man davon aus, dass es ab 14 Jahren bei normaler Entwicklung reif genug ist, um die Nutzen-Risiko-Abwägung bei bestimmten medizinischen Fragen selbst zu treffen. Ob diese sogenannte Einwilligungsfähigkeit vorliegt, entscheidet am Ende der Arzt. Fischbach versucht, „immer einen Konsens aufzubauen“. Im Zweifel würde er lieber nicht impfen, sagt der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Erst ab einem Alter von 16 Jahren würde er es auch tun, wenn die Eltern nicht zustimmen. Auch der umgekehrte Fall ist denkbar: Die Eltern sind für die Impfung, das Kind sträubt sich. Dann sollten Eltern sich die Meinung des Kindes anhören und sie respektieren. Am Ende entscheiden am besten Arzt, Kind und Eltern gemeinsam darüber.

Impfen lassen können sich Kinder ab zwölf Jahren und Jugendliche nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bei allen Ärztinnen und Ärzten, die Impfungen vornehmen. Dies schließe Hausärzte oder andere Fachärzte ein. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte beobachtet bei seinen Mitgliedern einen Anstieg bei der Nachfrage nach Terminen seit der neuen Stiko-Empfehlung.

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Ob sich die Kinder und Teenager auch in Impfzentren den Pieks holen können, hängt laut KBV vom Vorgehen des jeweiligen Impfzentrums ab. Ob diese dafür spezielle Termine anbieten, könne man über die jeweilige Website checken. In einigen Bundesländern sind spezielle Impfaktionen geplant oder angelaufen, unter anderem in Impfzentren, aber auch durch mobile Impfteams, die Schulen besuchen.

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