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Neues Zuhause für Messe-Männchen und Tele-Otto

Statt Mini-Autos durch die Stadt zu lotsen, nutzt Torsten Meisel den Lockdown: Der Dresdner sammelt Werbefiguren der DDR, darunter echte Raritäten.

Von Nadja Laske
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Statt sich sorgenvollen Gedanken hinzugeben und den Lockdown zu beklagen, hat Torsten Meisel die Zeit für seine imposante Sammlung genutzt. Dazu gehört auch der Rasende Reporter der Sächsischen Zeitung in verschiedenen Ausführungen.
Statt sich sorgenvollen Gedanken hinzugeben und den Lockdown zu beklagen, hat Torsten Meisel die Zeit für seine imposante Sammlung genutzt. Dazu gehört auch der Rasende Reporter der Sächsischen Zeitung in verschiedenen Ausführungen. © René Meinig

Dresden. Wie schnell kann ein rasender Reporter in tiefster DDR gewesen sein? Als es noch Druckfahnen und Letternsätze gab, die Fotos vom Negativ kamen und schwarz-weiß gedruckt wurden. Als die Redakteure der Sächsischen Zeitung per Taxi oder hauseigenem Fahrdienst zu Terminen fuhren und das Telefonbuch eine Bedeutung hatte wie heute das Internet. Niemand zog mit Lügenpresse-Rufen ums Karree, obwohl es keine Lüge gewesen wär. Stattdessen waren die Auflagenhöhen paradiesisch.

Die Geschwindigkeit der Medien, auch der Tageszeitung, hat sich vervielfacht. Doch dieser kleine Mann, Porkpie mit Banderole auf dem Kopf, kennt sie noch - die guten alte Zeiten. Einen richtigen Namen hat er nicht. Anders als die Fewa-Johanna, der Tele-Otto und der Minol Pirol. Aber auch ihm gebührt ein Platz in Torsten Meisels gut bestückten Vitrinen.

In feinem Zwirn und mit Aktentasche: Am markantesten am Messe-Männchen der Leipziger Messe aber ist der Weltkugelkopf.
In feinem Zwirn und mit Aktentasche: Am markantesten am Messe-Männchen der Leipziger Messe aber ist der Weltkugelkopf. ©  privat

Der Dresdner sammelt Werbefiguren der DDR. Zu ihnen gehört jenes Männchen, das an seinem runden Hut mit der Aufschrift "Sächsische Zeitung", Schreibblock und Stift als Reporter zu erkennen ist. In seinen extra für die vielen Exponate eingerichteten Kellerräumen begrüßt ein meterhoher Tele-Otto die seltenen Gäste. Der Form nach erinnert die Werbefigur der Zahlenlotterie der DDR eher an ein Maskottchen für einen Kegelsportverein. "Er hat sicher einmal in einem Lottoladen gestanden", sagt Torsten Meisel und freut sich immer wieder bei dessen Anblick darüber, ihn gefunden zu haben.

401 Ikonen der DDR-Werbung

Auf den Portalen anderer Sammler und Trödler sowie im Kleinanzeigenuniversum ist der 56-Jährige häufig unterwegs, in der Hoffnung, dort weitere Raritäten zu entdecken. "Den Theo hätte ich ja so gern! Aber ich weiß gar nicht, ob es ihn als Werbefigur überhaupt jemals gab." Jenen Theo, der den sozialistischen Bürgern das Thema Arbeitsschutz nahebrachte. Kaum ein Fernsehzuschauer des DDR-Fernsehens, der ihn nicht kannte. Die Lehrfilmchen, von denen etliche bis heute auf YouTube für die Ewigkeit festgehalten sind, stammen aus den DEFA-Studios. "Gut möglich, dass es Theo nur als Puppe für die Trickfilmproduktion gab", vermutet Torsten Meisel.

Die Fewa-Johanna brachte der modernen Hausfrau das Waschpulver nahe.
Die Fewa-Johanna brachte der modernen Hausfrau das Waschpulver nahe. © René Meinig

Dafür aber vereint er, seit ihn die Liebe 2006 nach Dresden geholt hat, beinahe alle Repräsentanten ostdeutscher Produkte, Dienstleistungen und Veranstaltungen in seinem stilecht eingerichteten Keller. Die Wände zweier Zimmer stehen dort voller verglaster Schränke. "Exakt 401 Figuren habe ich inzwischen zusammengetragen", sagt Torsten Meisel.

Darunter sind der Schneidermeister Malimo, der für den Malimo-Stoff, eine Erfindung der DDR, mit dem Slogan "Der Meister spricht von Malimo, den Malimo hat Weltniveau" warb. Auch der Easy Rider, der für den VEB Zschopauer Motorradwerk mit dem Spruch warb: "MZ - für Männer, die fahren können". Zu ihnen gesellt sich Mux, der wohl nicht umsonst an einen Geist aus der Flasche erinnert und das gleichnamige Insektenspray anpries. Flaschengeister kommen erfahrungsgemäß ans Licht, je nachdem wie ihnen gerade der Sinn steht. Auch das Spray funktionierte nur mäßig.

Repräsentanten der DDR-Produkte: Spülmitel Fit, Blitzi für chemische Reiniger, Minol Pirol für Kraftstoff und der Malimo-Schneider.
Repräsentanten der DDR-Produkte: Spülmitel Fit, Blitzi für chemische Reiniger, Minol Pirol für Kraftstoff und der Malimo-Schneider. © René Meinig

"Blitzi bringt Chemie ins Heim" - was heutzutage eher wie eine Drohung wirkt, sollte die moderne Hausfrau animieren, chemische Reinigungsmittel zu kaufen. Auch das Geschirrspülmittel Fit vom VEB Fettchemie Karl-Marx-Stadt hatte seinen eigenen Protagonisten in Form eines Tropfens mit Zwinkersmiley-Gesicht.

Einer der bekanntesten Werbestars dürfte das Messemännchen der Leipziger Messe gewesen sein. Es gab es in allen Größen und Ausführungen, aber stets in einen dunkelblauen Anzug gekleidet, mit Hut auf dem Weltkugelkopf und Aktentasche in der Hand. Weltmännisch eben.

Rundreise durch alte Zeiten

Als Torsten Meisel sich entschloss, nach Dresden zu ziehen, hatte der gebürtige Berliner die meiste Zeit seines Lebens im sächsischen Limbach verbracht. Nach der Schule wurde er Kellner, lernte bei der Mitropa und arbeitete lange in der Gastronomie bis er schließlich Außendienstler für Tiernahrungsprodukte wurde. "In meinem Kinderzimmer stand schon ein Telelotto-Männchen und ein Minol Tirol, der für den Kraftstoff warb", erzählt er. Wirklich zu sammeln begann er aber erst in Dresden.

Hier gründete er zuletzt mit seinem Partner Benjamin Venter die Dresdner Erlebniswelt, ein Portal, über das Anbieter von Freizeitveranstaltungen und Geschenkartikeln ihre Produkte verkaufen können. Mit der Idee gaben sie eine Antwort auf die Frage, wie Veranstalter und Dienstleister in Coronazeiten ihre Kunden bedienen sollen. "Doch je länger die Krise dauert, desto schlechter funktioniert auch das Gutscheingeschäft", sagt Torsten Meisel. Die Perspektivlosigkeit verdirbt die Vorfreude auf Erlebnisse, die immer wieder in schier ewige Ferne verschoben werden.

Ähnlich geht es dem Unternehmer mit seinem Stadtrundfahrt-Unternehmen Hotsoxx. Lange schon hat man die winzigen Flitzer nicht mehr auf Dresdens Straßen gesehen. Nun langsam gibt es Hoffnung, dass der Spaß wieder möglich wird und die Kunden zurückkommen. Genau so wie zu Torsten Meisels Escape Room Fortnoxx und seiner 3D-Minigolfanlage Blackluxx.

Werbe-Männchen der Sächsischen Zeitung: der Rasende Reporter.
Werbe-Männchen der Sächsischen Zeitung: der Rasende Reporter. © René Meinig

Trotz zermürbender Lockdownlangstrecken bleibt er gelassen. "Es hilft nichts, sich aufzuregen", sagt er. Stattdessen hat er die ruhige Zeit für sein Hobby genutzt, seine Sammlung stattlich erweitert und zur eigenen Freude attraktiv präsentiert. "Wenn ich mich hier mal mit meinen Freunden treffe, will ich es schön haben", sagt er. Für Außenstehende werden Tourino und Tourinchen vom Reisebüro der DDR, Kundi vom Hygienemuseum Dresden, Ritter Optimus von Robotron und all die Werbefiguren der Tageszeitungen und Radiosender des Ostens nicht zu sehen sein.

"Eine Ausstellung? Nein, lieber nicht", sagt Torsten Meisel, "Das wäre mir zu viel Arbeit." Lieber erfreut sich der Sammler bescheiden an seinem Schatz, wohl wissend, dass er damit einen kleinen, feinen Teil der Geschichte bewahrt.