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Überleben im Lockdown: Dresdner hilft Obdachlosem

Weil sein Freund im Lockdown kaum Leergut findet, hat sich der Geocaching-Veranstalter Lars Otto etwas einfallen lassen. Jetzt gibt es Pfand per Termin.

Den kleinen Plüschfuchs hat Lars Otto gefunden. Seitdem begleitet er den Gründer der Agentur "Geofux". Füchse sind schlau und neugierig. Das fasziniert den 43-Jährigen. Einst stahl ein Reineke ihm in der Hohen Tatra einen Wanderschuh.
Den kleinen Plüschfuchs hat Lars Otto gefunden. Seitdem begleitet er den Gründer der Agentur "Geofux". Füchse sind schlau und neugierig. Das fasziniert den 43-Jährigen. Einst stahl ein Reineke ihm in der Hohen Tatra einen Wanderschuh. © Marion Doering

Dresden. Das Orakel der alten Mosaikfabrik ist fortgezogen. Es haust nun unter einer Plane zwischen zwei Hauptverkehrsstraßen. Die Pieschener Fabrikhallen, wo es einst Unterschlupf gefunden hatte, stehen schon lange nicht mehr.

Irgendwann kamen die Abrissbagger, und der verlorene Ort verschwand. Wie so viele in Dresden.

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Der Kulturszene gaben sie ein mehr oder weniger dichtes Dach über dem Kopf, ebenso wie Wohnungslosen. Rex zum Beispiel. Lars Otto lernte ihn kennen, als auch er die Ruinen für sich entdeckte. "Dort stand ein Zelt und Dinge, die darauf schließen ließen, dass da jemand lebt", erzählt der 43-Jährige.

Rund acht Jahre ist das her. Lars hatte nach seiner Fleischerlehre keine Lust gehabt, den elterlichen Betreb in einer Thüringischen Ortschaft zu übernehmen. Er war nach Holland verschwunden, zum Fließbandarbeiter eines LKW-Montagezentrums geworden und von dort nach Görlitz zum Studium gegangen.

Was mache ich als Kommunikationspsychologe in der Welt eigentlich, fragte er sich mit dem Abschlusszeugnis in der Tasche. Da fiel ihm etwas ein, was man als Jackpot der Berufswahl bezeichnen kann: sein Hobby.

Verstecke sind Lars Ottos große Leidenschaft. Für Nicht-Suchende sind sie unsichtbar. Selbst echte Geocacher müssen sich gewaltig anstrengen, um die kleinen Hülsen zu finden, in denen sich ein Logbuch befindet. Der Eintrag dort ist das Ziel jedes Spielers
Verstecke sind Lars Ottos große Leidenschaft. Für Nicht-Suchende sind sie unsichtbar. Selbst echte Geocacher müssen sich gewaltig anstrengen, um die kleinen Hülsen zu finden, in denen sich ein Logbuch befindet. Der Eintrag dort ist das Ziel jedes Spielers © Marion Doering

"Die Arbeit am Fließband war cool", erzählt er. Man konnte nebenbei Musik hören, rauchen, mit Kollegen plaudern. Aber die Schichten waren auch lang und die Handgriffe ewig gleich: Kabel links, Schraube rechts, nächstes Teil.

Lars begann zu spielen und findet das vollkommen folgerichtig. Nahezu existenziell notwenig. "Um nicht stumpfsinnig zu werden, denkt man sich Spiele aus."

So baute er seine Teile besonders schön zusammen, nach einem besonderen Ablauf oder auf Zeit im Battle gegen sich selbst.

Als auch das nicht mehr gegen die irrsinnige Langeweile half, kündigte er. Das Spielen nahm er mit. Steckt der Trieb doch wie in jedem Menschen auch in ihm.

Allerdings bringt Lars noch ein wenig mehr Begeisterung als andere dafür mit. Denn das Spielen selbst genügt ihm nicht. Ein viel größerer Reiz liegt für ihn darin, sich Spiele und dafür ganze Geschichten auszudenken, Rätsel aufzugeben, Wissenspfade zu legen.

Genau das hatte ihn auch in die Mosaikfabrik gelockt. Dorthin, wo er jenes Zelt fand und die Habseligkeiten eines Fremden. Heute bezeichnet er ihn als Freund.

Existenzminimum: 8 Euro am Tag

Aus der Bitte eines Kumpels, Lars möge ihm für ein soziales Projekt eine Geocaching-Tour organisieren, wurde eine Geschäftsidee. "Zuerst habe ich gedacht, ich könnte solche Spiele als Teamtraining oder Konfliktbewältigungsangebot an soziale Träger und Unternehmen verkaufen."

Das habe so nicht geklappt, doch als Freizeitspaß für Gruppen mit Köpfchen funktionieren die Schatzsuchen per GPS-Daten gut.

So enstand Lars Ottos Eventagentur "Geofux", mit der er inzwischen Geocaching-Touren durch Dresden, die Sächsische Schweiz, Chemnitz, Zwickau, Leipzig, Berlin und Jena anbietet - jede Menge Inspiration für verschüttetes Schulwissen, ungenutzte Allgemeinbildung und kindlichen Entdeckergeist inklusive.

Solange besagtes Betriebsgelände noch ein willkommener Ort fürs Caching war, bezog er sogar Rex ins Spiel mit ein und ließ ihn Teilnehmern Tipps geben. Seither galt er als das Orakel der Mosaikfabrik und hatte damit eine wichtige Aufgabe.

Wer eine Gruppen-Tour bucht, erhält eine Tasche mit Spielanleitung, Rollenbuch und GPS-Gerät und wird von Lars auf Kurs gebracht. Je nach Geldbeutel passt er bestehende Routen den Wünschen der Gäste an oder erfindet Mottotouren komplett neu.

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"Es ist eine Wohltat, etwas zu suchen und am Ende zu finden, auch wenn am Zielpunkt kein Wertgegenstand versteckt ist", sagt er. Geocaching fördert die Wahrnehmung, schult den Blick für die Umgebung und führt hinaus an die frische Luft. Es ermöglicht - jenseits von Corona - Gemeinschaftserlebnisse und taugt ebenso für Einzelkämpfer.

Auch Rex ist ein Einzelgänger, ein Suchender. Doch nicht zum Spaß. Er sucht, um zu überleben. Flaschen im Wert von rund acht Euro am Tag muss er finden, um sein Auskommen zu haben.

Lars hat ausprobiert, was das bedeutet und ist mit ihm eine Woche lang Flaschen sammeln gegangen. Seit Corona die Dresdner Neustadt als Kneipenmeile und Partyzone lahmlegt, nirgends Konzerte stattfinden, hat es Rex noch schwerer als sonst. Kaum jemand hinterlässt seine leeren Flaschen auf Fenstersimsen, in Mülleimern oder an Haltestellen.

"Nachdem das Fabrikgelände geräumt worden war, hat Rex vorübergehend in einer Gartensparte gelebt, aber auch das ging irgendwann nicht mehr", erzählt Lars. Zuletzt hauste der Anfang 50-Jährige unter einem Brückenbogen.

Von dort bat Lars ihn zu sich in den Hof und begann nach einer Möglichkeit zu suchen, das nötige Leergutkontingent trotz Lockdown aufzutreiben.

Wo nicht gefeiert wird, fallen keine Pfandflaschen an. Sie sind das Einkommen von Sammlern wie Rex, der auf der Straße lebt und dort seinen Lebensunterhalt verdient. Der Lockdown treibt ihn weit über den sozialen Rand hinaus.
Wo nicht gefeiert wird, fallen keine Pfandflaschen an. Sie sind das Einkommen von Sammlern wie Rex, der auf der Straße lebt und dort seinen Lebensunterhalt verdient. Der Lockdown treibt ihn weit über den sozialen Rand hinaus. © Marion Doering

Den Weg zurück ins zivile Leben wird Rex nicht gehen, davon ist Lars überzeugt. Zu viele gut gemeinte Ratschläge und Hilfsangebote sind schon an dem Aussteiger abgeprallt. Er bezieht keine Leistungen, ist nicht krankenversichert, lehnt es ab, ins soziale System des Staates eingebunden zu sein.

Aber nun stößt er an die Grenzen seiner eigenen Autonomie und Belastbarkeit. Die Krise treibt ihn über den sozialen Rand hinaus. "Momentan kommt Rex nur auf anderthalb bis drei Euro am Tag", sagt Lars.

Essen, Tabak, Lottoschein, Bier - in genau dieser Reihenfolge ordnet der Obdachlose seine Ausgaben. Nun fehlt es oft schon am Essen.

"Ich bekomme Coronahilfen und habe mir etwas einfallen lassen, um trotz schwieriger Zeit ohne Touristen und Gruppenveranstaltungen mit meiner Firma über die Runden zu kommen", sagt Lars.

Beispielsweise die Corona konforme Tour "Dresdner Schatzrundgang", die allen hygienischen Regeln entspricht und doch Entdeckungen möglich macht. Rex einfach mitzufinanzieren, das übersteigt auch Lars' Möglichkeiten.

Wer sucht, der findet eine Lösung: Über soziale Medien veröffentlichte Lars Otto mit Einverständnis seines Freundes den Aufruf, privates Pfandgut für ihn bereitzustellen. Innerhalb eines machbaren Radius holt Rex die Flaschen ab und macht sie am Pfandautomat zu Geld. Um die Abholung zu koordinieren, hat Lars einen Kalender online gestellt. Darin können sich Anbieter für einen bestimmten Termin eintragen.

Jede Spende ist wichtig. "Aber am coolsten sind die Leute, die nicht dazu kommen, ihr Leergut wegzubringen und es Rex sozusagen als Dienstleister überlassen", sagt Lars. Denn das verschaffe seinem Freund neben dem nötigen Kleingeld, einen richtigen Job.

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