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Blitzer-Kontrolle: "Da ist das Kind tot"

Knapp zwei Wochen nach dem tödlichen Unglück mit einem Sechsjährigen blitzt die Dresdner Polizei vor einer Schule. Das Ergebnis ist nicht beruhigend.

Auf dem Bildschirm kann Polizeihauptkommissar Lutz Teistler sofort sehen, wie viel zu schnell ein Auto war. Alle Daten werden automatisch gespeichert.
Auf dem Bildschirm kann Polizeihauptkommissar Lutz Teistler sofort sehen, wie viel zu schnell ein Auto war. Alle Daten werden automatisch gespeichert. © René Meinig

Dresden. Das Messgerät steht neben einem Zaun. Nur ein paar Meter entfernt in einer Seitenstraße parkt der Dienstwagen der Polizisten. Von der Radeburger Straße aus ist er nicht zu sehen. Lutz Teistler und Holger Lippert sind am Donnerstagmorgen nach Rähnitz gefahren. Sie kontrollieren, wie schnell die Autos stadteinwärts in einer 30er-Zone unterwegs sind. Gleich gegenüber ihrem Stellplatz ist eine Grundschule und in Sichtweite eine Fußgängerampel über die „Radeburger“. 

Teistler und Lippert kennen den Ort gut, sie stehen hier nicht das erste Mal. Erst am Dienstag waren sie hier. Da lief ein Handwerker über die Straße, auf der gerade ein Auto zu schnell angefahren kam. Der Mann hob die rechte Hand und zeigte dem Autofahrer drei Finger. „Hier gilt Tempo 30“, gab er ihm zu verstehen.

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Die zwei Beamten und ihre Abteilung sind immer auch dann gefragt, wenn ein Unfall passiert ist. Wie bei dem tragischen Unglück vor knapp zwei Wochen, als ein Mercedesfahrer auf der Budapester Straße einen Jungen überfahren hat. Der gebürtige Syrer lieferte sich den bisherigen Ermittlungen zufolge ein illegales Rennen mit einem Landsmann in einem BMW. Der Junge, ein Sechsjähriger, starb später im Krankenhaus. Die zwei Autos seien mit stark überhöhter Geschwindigkeit über die Budapester Straße gerast, berichteten Zeugen.

Der VW Caddy war zu schnell. Er bremste, als der Handwerker ihm mit drei Fingern zeigte: Hier gilt Tempo 30.
Der VW Caddy war zu schnell. Er bremste, als der Handwerker ihm mit drei Fingern zeigte: Hier gilt Tempo 30. ©  Polizeidirektion Dresden

"Den Autofahrern Luft zum Atmen lassen"

Raser - das sind laut Gerald Baier, dem Chef der Dresdner Verkehrspolizei, Autofahrer, die innerorts auf einer 50er-Strecke mindestens 24 km/h zu schnell sind. Drei Stundenkilometer werden als Messtoleranz abgezogen, der Fahrer ist dann also wenigstens 71 Stundenkilometer gefahren. Teistler und Lippert reicht diese Beispieldefinition nicht. Fährt ein Auto mit einer „Geschwindigkeit, die an der jeweiligen Stelle unangemessen ist“, dann ist der Fahrer für sie ein Raser.

Und was gilt nun in der 30er-Zone vor der Schule? Das Messgerät der Beamten ist auf 46 Stundenkilometer eingestellt. Nach Abzug der Messtoleranz bleiben so 43 km/h. Das ist deutlich mehr als die Straßenschilder an der „Radeburger“ vorschreiben. Abzocker zu sein, kann man den zwei Beamten also nicht vorwerfen. Gemessen wird zwar jedes Auto, fotografiert aber nur, wer mindestens 13 Stundenkilometer zu schnell fährt. „Wir wollen den Autofahrern Luft zum Atmen lassen“, begründen die Beamten die Differenz zwischen der Messgerät-Einstellung und dem, was eigentlich vorgeschrieben ist.

Gerast wird auch dort, vor der Schule. Knapp drei Stunden messen die Beamten an diesem Donnerstagvormittag. 56 Autos sind zu schnell. Wie viele in dieser Zeit insgesamt durchgefahren sind, können sie erst sagen, wenn die Daten des Messgeräts ausgelesen worden sind. Fest steht aber: Besonders teuer wird es für einen Polofahrer. Das Auto mit Dresdner Kennzeichen rauscht mit 66 km/h durch die 30er-Zone. Wohlgemerkt, nach Abzug der Messtoleranz. Selbst auf einer 50er Strecke müsste der Fahrer dafür Strafe zahlen. Das Rasen durch die Geschwindigkeitsbeschränkung vor der Schule kostet ihn mindestens 160 Euro plus Bearbeitungsgebühr, zwei Punkte in Flensburg und einen Monat Fahrerlaubnisentzug. „Der Fahrer ist nicht in der Lage, angemessen zu reagieren, wenn ein Kind über die Straße rennt“, erklärt Lutz Teistler die Gefahr. Das Auto wäre wenigstens noch 38 Meter weitergefahren, bis der Fahrer reagiert und auf die Bremse getreten hat. „Da ist das Kind tot.“

Auf manchen Straßen ist "Krieg"

Ja, es gibt besonders schlimme Straßen in Dresden, auf denen oft zu schnell gefahren wird, bestätigten die zwei Beamten. Teile der Bergstraße gehören dazu, die Radeburger Straße, ganz besonders stadteinwärts an der Autobahnausfahrt, die Hansastraße auch. „Da ist Krieg“, beschreiben sie das Verhalten der Autofahrer. Dass auf der Hansastraße nur 50 gefahren werden darf, hätten viele noch nicht bemerkt. Früher waren dort mal 60 Stundenkilometer erlaubt.

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Die Beamten der Verkehrspolizei sind täglich zu Messeinsätzen unterwegs, allerdings nicht nur in Dresden. Sie müssen im gesamten Dienstbereich der Polizeidirektion präsent sein. Im August machten sie 52 Kontrollen, auch auf den Autobahnen, und haben dabei mehr als 90.000 Fahrzeuge gemessen. Mehr als 4.200 davon waren zu schnell. In der Stadt sind Geschwindigkeitsmessungen vor allem Aufgabe der Polizeireviere und des Ordnungsamtes. Allein die Beamten der Reviere haben im bis Ende Juli 527 Mal Geschwindigkeiten gemessen. Dabei erwischten sie knapp 4.000 Fahrer, die zu schnell unterwegs waren

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