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Streit um Straßennamen in Dresden: Lea Grundig war "geheimer Informator" der Stasi

Seit Monaten wird diskutiert, ob eine Straße in Dresden nach der Künstlerin Lea Grundig benannt werden soll. Jetzt hat die Stadt ein Gutachten zur Person eingeholt. Was die Nachforschungen ergeben haben.

Von Andreas Weller
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Lea Grundig bei der Deutschen Kunstausstellung 1967 in Dresden.
Lea Grundig bei der Deutschen Kunstausstellung 1967 in Dresden. © ZB/Hans-Joachim Spremberg

Dresden. Die Dresdner Künstlerin Lea Grundig ist umstritten. Sie wurde 1906 in Dresden geboren und starb 1977. Unter dem Hitler-Regime wurde sie als Jüdin und Kommunistin verfolgt und inhaftiert.

Nach der Gründung der DDR kehrte sie nach Dresden zurück, stieg in der DDR schnell auf, bis zur Präsidentin des Verbands Bildender Künstler der DDR. Sie wurde Mitglied im Zentralkomitee der SED und hat die Kultur-Politik und damit den Umgang der DDR mit Künstlern maßgeblich geprägt. Darf man nach ihr eine Straße benennen? Ein Punkt, der Bedenken auslöst, ist die Frage, ob Künstler durch Lea Grundig an ihrer Arbeit gehindert wurden. Ein neues Gutachten soll dazu nun Aufschluss geben.

Kurator des Dresdner Stadtmuseums hatte Bedenken

Bedenken hatte zunächst Holger Starke geäußert. Er ist Kurator im Dresdner Stadtmuseum und Mitglied der Arbeitsgruppe Straßennamen der Stadt. In dieser Funktion hat er eine Stellungnahme verfasst, die seit Monaten in Dresden heiß diskutiert wird.

Weil es eben nicht klar sei, ob Künstler unter der SED-Funktionärin leiden mussten, wurde die Umbenennung einer Straße nach der Künstlerin zunächst verschoben und besagtes Gutachten zu Grundig eingefordert. Die neuen Häuser an der betreffenden Straße zwischen Käthe-Kollwitz-Ufer und Florian-Geyer-Straße sind mittlerweile bezogen, die Anwohner haben eine andere Adresse - ob vorerst oder dauerhaft, hängt auch von dem Gutachten ab. Jetzt liegt dieses vor.

Grundig wird als "SED-Hardlinerin" bezeichnet

Das Ergebnis erscheint aber alles andere als abschließend. Die Historikerinnen Lisa Weck und Professorin Dr. Jeannette van Laak der Universität Halle-Wittenberg haben in zugänglichen Archiven geforscht und Literatur geprüft.

"Die Wissenschaftlerinnen weisen in ihrem Gutachten darauf hin, dass dieses keine vollständige biografische Darstellung leisten kann, die wechselnden politischen Systeme (Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Diktatur, Britisches Mandatsgebiet, Sowjetische Besatzungszone, DDR) und die Funktionen und Tätigkeiten von Lea Grundig eine breitere Kontextualisierung verlangen", so Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke).

Aufschluss gibt das Gutachten aber schon, was die Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit angeht. Dort steht: "In den Beständen des Stasi-Unterlagen-Archivs findet sich eine auf das Frühjahr 1954 datierte Verpflichtungserklärung als 'geheimer Informator'(GI)." Die Erklärung hat Lea Grundigs Ehemann Hans Grundig 1954 angefertigt und ist von beiden unterschrieben. Sie sollen ihr Wohnhaus als "konspiratives Zimmer" für Mitarbeiter des Staatssekretariats für Staatssicherheit zur Verfügung gestellt haben, damit Führungsoffiziere ihre inoffiziellen Mitarbeiter treffen konnten.

Zudem wird darin beschrieben, wie Grundig gegen Künstler vorgegangen ist, von denen sie sich persönlich angegriffen fühlte. So gibt es einen Brief von Lea Grundig an den Kulturminister der DDR Hans Bentzien, in dem sie fordert: "Diesen schändlichen Diskriminierungen unserer Dresdner Hochschule und in diesem Falle auch meiner Person, diesem unter dem Feigenblatt unserer revolutionären Thematik geführten Angriff gegen den Realismus muß mit aller Kraft entgegengetreten werden. Und meiner Ansicht nach mit aller Autorität unseres Arbeiter- und Bauernstaates."

Im Dezember sollen die Stadträte entscheiden

Die Gutachterinnen kommen zu dem Schluss, dass Grundig mit "Zuschreibungen wie 'SED-Hardlinerin' und 'staatstreue Funktionärin' bedacht wird. Zuschreibungen, die einerseits berechtigt sind, andererseits zahlreiche anderen Facetten ihrer Persönlichkeit wie ihre jüdische Herkunft und ihre Erfahrungen als Mehrfachmigrantin ausblenden." Grundig sei eine "Außenseiterin" gewesen, die sich in dieser Rolle "vielleicht nicht ganz unwohl fühlte."

Die Stadt legt den Stadträten nun das Gutachten zur weiteren Diskussion vor und hält sich mit einer Empfehlung zurück.

Die Räte sollen über die Straßenbenennung wahrscheinlich im Dezember entscheiden. Sollte der Stadtrat dem Vorschlag zur Straßenbenennung folgen, würden die Anwohner des bisher vorläufig benannten Straßenabschnittes entsprechend informiert werden, heißt es von der Stadt.