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Forschen für das Auto von morgen

Sächsische Wissenschaftler wollen das neue Forschungszentrum für die Lausitz auf Energie und Mobilität ausrichten. Runde eins haben sie überstanden.

Auch die Produktion von Autos wie hier in der Gläsernen Manufaktur in Dresden wird sich in den nächsten Jahren stark ändern.
Auch die Produktion von Autos wie hier in der Gläsernen Manufaktur in Dresden wird sich in den nächsten Jahren stark ändern. © ronaldbonss.com

Auf dem Papier dreht der Kleinbus schon seit zwei Jahren seine Runde vor dem Zittauer Bahnhof. In Wahrheit aber gibt es das autonome Wasserstoff-Shuttle Lausitz noch nicht. Die Ansicht ist in einem Vortrag des Zittauer Kunststoffzentrums Oberlausitz am Fraunhofer-Institut enthalten und geht auf gemeinsame Ideen der Zittauer und des Instituts für Automobiltechnik an der TU Dresden zurück.

Sebastian Scholz ist seit Anfang an dabei. Der 42-Jährige ist seit 2015 Professor für Maschinenbau an der Hochschule Zittau/Görlitz, zuvor studierte er in Dresden, promovierte in Chemnitz, ehe er eine Zeitlang in der Industrie tätig war. Seit er 2015 nach Zittau zog und die Fraunhofer-Niederlassung übernahm, stieg die Zahl der Mitarbeiter auf 30.

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Sebastian Scholz ist Professor an der Hochschule Zittau/Görlitz.
Sebastian Scholz ist Professor an der Hochschule Zittau/Görlitz. ©  Archivfoto: Matthias Weber

Was hilft der Region Oberlausitz?

Schon seit den ersten Überlegungen trieb Scholz die Motivation an, etwas für die Mobilität im ländlichen Raum und am besten in der Oberlausitz zu tun. "Viele kleine Orte sind nicht mehr am öffentlichen Nahverkehr angeschlossen", erklärt er, "weil die Nachfrage nicht konstant hoch ist." Das Angebot wurde erst schlechter, um Kosten zu sparen, die Nachfrage sank, die Erlöse deckten wieder nicht die Kosten, bis Strecken reihenweise stillgelegt wurden. Zugleich aber gibt es einen Bedarf nach einem öffentlichen Personennahverkehr.

Wie, so fragten sich die Wissenschaftler, müsste also der bedarfsgerechte ÖPNV der Zukunft aussehen? Für die letzte Meile, um die Menschen von den Zentren in die Dörfer zu bringen. Für die Experten ist schon seit Längerem klar: Das geht nur mit ganz neuer Technik - kleine, leichte Fahrzeuge, möglichst ohne Fahrer und angetrieben von Wasserstoff. Walemo nannte sich diese Initiative.

Mittlerweile ist das keine Fantasie mehr. Französische Marktführer bieten solche Shuttle-Fahrzeuge an, die aber noch aufwendig auf die Bedingungen in der Oberlausitz abgestimmt, mit den Daten gefüttert werden müssen, damit sie hier überhaupt fahren können. Optimal ist das noch nicht. Rechtliche Vorschriften hemmen den Einsatz solcher Fahrzeuge zudem. Und so hofft Scholz auch noch immer, Firmen in der Oberlausitz für den Bau solcher Fahrzeuge zu gewinnen, in der Oberlausitz eine Teststrecke einrichten zu können, sodass Lausitzer Firmen schließlich marktfähige autonome Wasserstoff-Shuttle für den öffentlichen Personennahverkehr anbieten können.

Zentrum soll Lösungen für Energie und Mobilität entwickeln

Als im November das Bundesforschungsministerium zusammen mit dem Freistaat Wissenschaftler aufrief, ihre Konzepte für ein Großforschungszentrum in der Lausitz einzureichen, da knüpfte Scholz an die Walemo-Idee an und suchte Mitstreiter wie den Görlitzer Innovationsmanager Christoph Scholze oder den Leichtbau-Professor Lothar Kroll an der Chemnitzer TU. Der aus Oberschlesien stammende deutsch-polnische Maschinenbauingenieur gilt als wissenschaftliche Koryphäe auf seinem Fachgebiet, hat nicht nur die Professur in Chemnitz inne, sondern ist ebenso wissenschaftlicher Direktor am Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik mit den Standorten in Chemnitz, Dresden und Zittau. Außerdem gründete er das erste bilateral finanzierte Fraunhofer-Forschungszentrum in Polen mit.

Zusammen mit Wissenschaftlern aus Polen, Tschechien und Schweden entstand schließlich die Idee für ein Großforschungszentrum für nachhaltige Mobilitäts- und Energiesysteme. Hier soll zugleich die Grundlagenforschung betrieben werden, wie auch deren Überführung in neue Produkte und Arbeitsplätze begleitet werden. In etwas mehr als 3 Minuten stellen es die Partner in einem kleinen Video auf Youtube vor.

Energie und Mobilität gelten als zwei der wichtigsten Motoren für den ökologischen Umbau der Wirtschaft bis 2050. "Wir verknüpfen mit unserem Vorschlag die beiden Megatrends der kommenden Jahre", ist sich Lothar Kroll sicher. So haben sich viele Länder dieser Welt verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu wirtschaften. Die damit verbundene Reduktion des CO2-Ausstoßes verändert die Welt, ist sich der 62-jährige Kroll sicher. Das könnte in einem solchen Großforschungszentrum grundlegend erforscht werden, um Insellösungen zu verhindern. Denn um mobil zu sein, bedarf es Energie. Doch die bisherigen Energiequellen werden schrittweise abgeschaltet. Einen Vorgeschmack liefert gegenwärtig der Umstieg auf das E-Auto. Doch allein mit einer E-Batterie ist es nicht getan, wie man angesichts der aufgeladenen politischen Diskussionen jeden Tag spüren kann. Alle Bereiche des Lebens sind betroffen.

Für Sebastian Scholz, den Zittauer Professor, ergeben sich mindestens vier Teilgebiete für das neue Großforschungszentrum:

  • Wie sehen die Verkehrsmittel der Zukunft aus, wie können sie mit möglichst wenig Energieeinsatz hergestellt werden?
  • Wie kann Energie so nachhaltig erzeugt werden, ohne viel Energie für die Herstellung der Anlagen zu verwenden?
  • Wie wird die Energie für die Mobilität zur Verfügung gestellt?
  • Und wie können mobile Verkehrslösungen aussehen, die möglichst wenig Energie verbrauchen?

Verbindung zu vielen Initiativen im Landkreis Görlitz

Doch nicht nur die beiden Megatrends halten die Initiatoren für Pluspunkte ihres Vorschlages, wenn sich die Jury am Ende für zunächst drei Projekte entscheiden wird, die anschließend nochmals mit jeweils 500.000 Euro detaillierter ausgearbeitet werden sollen.

Das Großforschungszentrum für Energie & Mobilität spielt zugleich die regionale Karte. Zwar wissen auch Scholz und Kroll, dass Bund und Land für die rund 170 Millionen Euro, mit denen sie jeweils ein solches Zentrum fördern, Forschung auf europaweitem Niveau verlangen. Das hatte zuletzt erst wieder Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer bei einem Besuch des Forschungszentrums Rossendorf erklärt. Und natürlich gibt es auch weitere Ideen, die sich die Unterstützung von Städten wie Hoyerswerda, Görlitz oder dem Zittauer Stadtteil Hirschfelde versichert haben.

Doch das Großforschungszentrum für nachhaltige Mobilitäts- und Energiesysteme wird eben vor allem aus der Region heraus vorangetrieben. Sebastian Scholz sieht darin auch einen Faktor für den Erfolg des Zentrums. "Eine solche Einrichtung aus der Ferne aufbauen zu wollen, halte ich für schwierig", sagt er. "Ich habe das selbst erlebt beim Aufbau des Fraunhofer-Instituts in Zittau. Richtig Schwung kam in das Institut, als wir vor Ort angepackt haben und Herzblut geflossen ist".

Christoph Scholze engagiert sich seit mehreren Jahren in Görlitz für den Strukturwandel.
Christoph Scholze engagiert sich seit mehreren Jahren in Görlitz für den Strukturwandel. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Ganz ähnlich denkt auch Christoph Scholze. Der Görlitzer Innovationsmanager, der aus Berthelsdorf im Süden des Landkreises stammt, ist derzeit beim Siemens-Forschungscampus tätig, will sich aber künftig mithilfe der Grantiro-Initiative stark um den Strukturwandel in der Region kümmern. Deswegen engagierte er sich jetzt auch bei dem Vorschlag für das Großforschungszentrum. Dabei ist ihm wichtig, die Traditionen der Lausitz als Energieregion aufzunehmen und zugleich offen für Neues zu sein.

Zumal allein im Landkreis Görlitz derzeit zahlreiche Initiativen vorangetrieben werden, die mit dem Großforschungszentrum zusammenspielen könnten. Beispielsweise die Bahnteststrecke, die nördlich von Niesky entstehen könnte. Oder die Forschung von Fraunhofer am Kraftwerke Boxberg, wo es um die Produktion und den Einsatz von grünen Carbonfasern geht - beispielsweise auch für Autos oder Flugzeuge. Die Flugzeug-Recycling-Bemühungen am Flugplatz Rothenburg oder die Automobilzulieferer im Süden des Kreises und in Kodersdorf.

Noch offen ist der Standort des Zentrums

Die erste Runde im Ideenwettbewerb hat das Vorhaben bestanden. Wie rund 50 andere Bewerber bat die hochkarätige Jury um den früheren Präsidenten der TU München, Wolfgang A. Herrmann, um weitere Details. Im August sollen schließlich die drei Favoriten für das Großforschungszentrum feststehen.

Die Wissenschaftler aus Zittau, Dresden und Chemnitz sowie Görlitz hoffen natürlich, auch diese Hürde zu meistern. Dann könnten sie ihr Konzept nochmals ausbauen und eine schwierige Entscheidung treffen: Wo nämlich dieses Großforschungszentrum stehen soll. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer macht seit einem Jahr keinen Hehl aus seiner Meinung, dass es am besten in Görlitz entstehen solle, auch wenn die Politik nicht allein das entscheiden wird. Doch soll es weit genug von Dresden entfernt sein, damit die Mitarbeiter am Zentrum auch wirklich in die Nähe ihres Arbeitsplatzes ziehen.

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