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Wo sich eine Reparatur noch lohnt

Waschmaschinen, Fernseher, Markenmode - Görlitzer und Nieskyer nutzen gern den Service der Geschäfte. Die sehen einen klaren Trend.

Stephan Kohoutek übernahm den 1983 in Rothenburg gegründeten Betrieb seines Vaters Hans-Georg Kohoutek. Heute ist die Elektroinstallation Hauptgeschäft der Firma, aber auch Reparaturen werden gemacht.
Stephan Kohoutek übernahm den 1983 in Rothenburg gegründeten Betrieb seines Vaters Hans-Georg Kohoutek. Heute ist die Elektroinstallation Hauptgeschäft der Firma, aber auch Reparaturen werden gemacht. © André Schulze

Kann das weg oder ist das noch zu reparieren? Christine Müller entscheidet sich für Letzteres und trägt ihr Kassettendeck zur Reparatur, denn sie bringt es nicht übers Herz, die vielen Musikkassetten wegzuwerfen. Viele Erinnerungen hängen an den Aufnahmen. Um sie abzuspielen, braucht sie das Gerät.

So denken offenbar andere Menschen auch, denn bei Gunter Ende im Görlitzer Geschäft für Unterhaltungselektronik erfährt sie, dass der Trend nach "reparieren anstatt wegwerfen" anhält. Allerdings gibt es dabei einen Wandel.

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Gunter Ende sagt, dass eine ganze Menge an Unterhaltungselektronik, aber auch viele andere elektrische Geräte repariert werden könnten. Zwei Dinge stehen dem häufig entgegen: Die Produkte werden neu immer preisgünstiger angeboten, und für viele gibt es gar keine Ersatzteile. Immer mehr Firmen bringen Geräte auf den Markt ohne eine Verpflichtung zur Vorhaltung von Ersatzteilen. "Die ist gesetzlich nicht geregelt", erklärt Ende. Kunden wägen unter finanziellem Aspekt also ab, ob sie einen Fernseher reparieren lassen oder gleich einen neuen kaufen.

Bernd-Uwe Kabst, Meister bei Gunter Ende in Görlitz, repariert einen Fernsehapparat.
Bernd-Uwe Kabst, Meister bei Gunter Ende in Görlitz, repariert einen Fernsehapparat. © Martin Schneider

Reparaturgründe: Gewohnheit und Geldbeutel

Und so nimmt der Anteil an Kunden zu, der mit speziellen Reparaturwünschen die Werkstatt in der Hospitalstraße ansteuert: Kunden mit Liebhaberstücken, eben wie Christine Müller mit einer Technik, die aus der Mode gekommen ist.

Ganz ähnliche Erfahrungen machen Inhaber von Nähstuben. Wiebke Kosian betreibt in Niesky ihr Nähkästchen. "Die Nieskyer sind sehr reparaturfreudig", sagt sie. Sie kann helfen, wenn ein neuer Reißverschluss gebraucht wird oder ein Riss zu flicken ist. Zwar halten sich ältere und jüngere Kunden in etwa die Waage, aber das Verständnis der Generationen sei unterschiedlich, sagt sie. "Ältere Menschen hängen sehr an ihren Kleidungsstücken, weil sie vielleicht bequem, sehr schön und damit ans Herz gewachsen sind", erklärt sie. "Für jüngere Leute spielt eher der schmale Geldbeutel eine Rolle, wenn es zur Reparatur geht, anstatt ein neues Teil zu kaufen."

Beatris Sachse sieht das ähnlich. Markenbekleidung lassen Kunde gerne bei ihr in Mücka reparieren. Manchmal sind die Wünsche kurios, werden aber trotzdem erfüllt. Eine Dame wollte neulich ein Bekleidungsstück um zwei Kleidergrößen verkleinert haben. Erst vor Kurzem reparierte Beatris Sachse den Frack von einem Osterreiter.

Wiebke Kosian in ihrem Nähkästchen in Niesky. Sie kann sich über Reparaturaufträge nicht beklagen.
Wiebke Kosian in ihrem Nähkästchen in Niesky. Sie kann sich über Reparaturaufträge nicht beklagen. © André Schulze
Beatris Sachse aus Mücka (rechts) ist nicht nur Schneiderin, sondern auch Ostereier-Malerin.
Beatris Sachse aus Mücka (rechts) ist nicht nur Schneiderin, sondern auch Ostereier-Malerin. © SZ-Archiv/Schmidtchen

Reparaturfreude: gleich in Stadt und Land

Der Görlitzer Schneidermeister Wolfgang Joklitschke erklärt, dass man die Reparaturfreude nicht am Alter der Kunden festmachen könne. Zwischen Stadt und Land gebe es zudem keine Unterschiede. "Natürlich haben vielleicht Firmen in Görlitz mehr Aufträge als jene in Mücka oder Niesky, aber das liegt einfach daran, dass in Görlitz viel mehr Menschen wohnen", sagt er. Allerdings nehmen Kunden auch weite Wege für Reparaturen auf sich. Joklitschke hat Kunden aus Görlitz, Reichenbach, Löbau und Zittau, Frau Sachse aus Görlitz, Niesky und Weißwasser und Frau Kosian aus Niesky und dem weiten Umland bis nach Löbau und Görlitz.

Das wiederum bestätigt Ronny Krause. Er ist kaufmännischer Angestellter bei Preuß gesunde Schuhe. Das Unternehmen für orthopädische Schuhe hat Filialen in Görlitz und Niesky. Beide werden ähnlich gut angenommen, wenngleich aus der größeren Stadt Görlitz mehr Kunden kommen. In beiden Filialen ist der Anteil von Reparaturen an Konfektionsschuhen höher als an orthopädischem Schuhwerk. "Einfach weil der Anteil von orthopädischen Schuhen geringer ist", erklärt er. Der Trend zur Reparatur sei seit Jahren stabil, "weil die Reparatur meist billiger ist als ein Paar neue Schuhe", erklärt Ronny Krause.

Hans-Georg Kohoutek repariert in der Werkstatt einen Durchlauferhitzer.
Hans-Georg Kohoutek repariert in der Werkstatt einen Durchlauferhitzer. © André Schulze

Hinderung: Neukauf ist oft billiger

Mitarbeiter im Elektrofachgeschäft von Hans-Georg Kohoutek in Rothenburg führen Reparaturen meist zu Hause beim Kunden aus. Denn es sind vorrangig Waschmaschinen, Trockner und Herde, die ihren Dienst versagten und wegen ihrer Größe nicht ins Geschäft gebracht werden. Kühlschränke und Gefriergeräte werden mittlerweile kaum noch repariert, "das lohnt sich wegen des Aufwandes mit dem Kühlmittel meist finanziell nicht", erklärt Kohoutek. Kleingeräte wie Föne oder Toaster bringt kaum noch jemand, dann schon eher mal eine Heckenschere oder einen Schrauber, wenn das Kabel zu erneuern ist. "Motormäßig ist an Kleingeräten meist nichts mehr zu machen", sagt Hans-Georg Kohoutek.

Motormäßig springt hier die Firma Herbert Krug in Görlitz in die Bresche. Hier werden Elektromotoren, Getriebe, Pumpen und Ventilatoren repariert und instandgesetzt. "Der Anteil an privaten Kunden ist jedoch sehr klein", sagt Firmenchef Bastian Krug und verweist darauf, dass Privatleute meist auf neue Geräte setzen. "Die sind oft billig zu haben, eine Reparatur lohnt finanziell nicht", erklärt er. Trotzdem freuen sich die Mitarbeiter, wenn Enthusiasten hereinschauen, wie neulich der Tischler, der vom Großvater Maschinen erbte und diese erhalten möchte.

Reparaturtrend: Gesetze könnten ihn befeuern

Reparieren bleibt also im Trend, auch wenn es sich für manches gar nicht lohnt, weil die Neubeschaffung des Gerätes leicht möglich und preiswert ist. Anderes ist nicht zu reparieren, weil es der Hersteller gar nicht wünscht, keine Ersatzteile liefert und das Gerät so konstruierte, dass es nicht geöffnet und wieder sicher verschlossen werden kann.

Ältere Menschen bringen ihre Sachen zur Reparatur, weil sie daran hängen. Bei Jüngeren macht sich der Geldbeutel, aber auch ein gestiegenes Umwelt- und Nachhaltigkeits-Bewusstsein bemerkbar. Klare Regelungen zur Vorhaltung von Ersatzteilen könnten das noch weiter ausprägen. Allerdings gibt nicht nur Gunter Ende zu bedenken, dass mit so mancher alter Technik auch die Handwerker aussterben, die das noch reparieren können. Nicht nur deshalb wird Christine Müller ihr Kassettendeck hegen und pflegen.

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