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Grand-Budapest-Knast hat neue Bewohner

Maria Jähde und Jannis Martin sanieren einen alten Hof in Görlitz. Er war Filmdrehort – und einst wichtig für die Stadt.

Maria Jähde steht mitten auf ihrem Vierseithof. In das Haupthaus (rechts) will sie mit ihrem Freund einziehen. In der Remise (links) entstehen zwei weitere Wohnungen, im mittleren Gebäude ein Schafstall und eine Garage.
Maria Jähde steht mitten auf ihrem Vierseithof. In das Haupthaus (rechts) will sie mit ihrem Freund einziehen. In der Remise (links) entstehen zwei weitere Wohnungen, im mittleren Gebäude ein Schafstall und eine Garage. © André Schulze

Inge, Lutz, Gabi und Rosi sind schon eingezogen. „Die vier Schafe sind unsere Rasenmäher“, sagt Maria Jähde und schaut kurz hinüber zu dem Quartett, das noch jede Menge Arbeit vor sich hat. Immerhin rund 1,3 Hektar Land gehören zu dem Hof auf der Rothenburger Straße 24, den Maria Jähde Ende 2016 gekauft hat.

Die Schafe Inge, Lutz, Gabi und Rosi leben seit zwei Monaten auf dem Hof. Sie sollen die Wiesen kurz halten.
Die Schafe Inge, Lutz, Gabi und Rosi leben seit zwei Monaten auf dem Hof. Sie sollen die Wiesen kurz halten. © André Schulze

Zu dem Zeitpunkt waren Regisseur Wes Anderson und seine Leute längst abgereist. Sie hatten 2013 den Hof zum „Check-Point 19 Supply Depot“ für den Hollywood-Film „The Grand Budapest Hotel“ gemacht und hier die Ausbruchsszene aus dem Knast gedreht. „Alle Gebäude des Hofes sind im Film zu sehen“, sagt Maria Jähde. Sie geht in die Mitte des Vierseithofes und zeigt auf eine leichte Vertiefung am Boden: „Hier wurde extra für den Film ein Brunnen geschachtet und später wieder zugeschüttet.“ Der Gefängnisausbruch lief über den Brunnen, den es in Wahrheit so nie gegeben hat.

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Ein Haus einzurichten oder den Umzug in eine neue Wohnung zu organisieren, treibt so manchem Zeitgenossen die Schweißperlen auf die Stirn.

Und den es wohl auch nie geben wird, denn jetzt saniert die 33-Jährige den Hof mit ihrem Freund Jannis Martin (29) und vielen fleißigen Freunden und Helfern, über deren Mitarbeit sie sehr glücklich ist. Arbeit gibt es auf jeden Fall genug. „Als ich den Hof gekauft habe, war er noch bewohnt“, sagt sie. Doch: Es gab weder fließend Wasser noch eine Heizung. Einige Gebäudeteile waren längst eingestürzt, in ihnen wuchsen Birken und Ahornbäume.

Jahreszahlen an der Fassade der Remise an der Rothenburger Straße künden von früheren Umbaumaßnahmen.
Jahreszahlen an der Fassade der Remise an der Rothenburger Straße künden von früheren Umbaumaßnahmen. © André Schulze

All das schreckte Maria Jähde nicht ab. Sie stammt aus dem brandenburgischen Großräschen. „Meine Familie hatte immer Höfe, ich wollte auch einen“, sagt sie. Doch zunächst studierte sie in Trier Biogeografie auf Diplom. Danach zog es sie in die Lausitz zurück. So kam sie 2012 nach Görlitz, um am Senckenberg-Museum für Naturkunde ihre Diplomarbeit über den Wolf zu schreiben. „Ich habe mich sofort sehr wohlgefühlt in Görlitz, die Stadt hat mich seither nicht mehr losgelassen“, sagt sie. Heute hat sie mehrere Jobs. Als Bibermanagerin beim Landschaftspflegeverband Oberlausitz ist sie für den nördlichen Landkreis einschließlich der Stadt Görlitz zuständig. Für die Umweltbildungsstätte Wolf auf dem Erlichthof Rietschen ist sie im Wolfsmanagement tätig. Und nebenbei ist sie auch noch Doktorandin bei Senckenberg, wo sie ebenfalls zum Wolf forscht.

Die Hofsanierung läuft also nebenbei. „Und ohne Zeitdruck“, betont Maria Jähde. Mit einem festen Zeitplan würde man sich nur Stress machen: „Wir verbringen so viel Zeit hier, nutzen jede freie Minute. Uns macht das noch immer Spaß, weil wir keinen Druck haben.“ Sie versucht, so viel wie möglich mit alten Materialien zu arbeiten, etwa mit historischen Balken und Dachziegeln. Die findet sie auf dem eigenen Anwesen und auf Abrissbaustellen. Und sie ist bereit, auch mal ein Weilchen auf Material zu warten. „Wir haben große Ehrfurcht vor der Art, wie früher gebaut wurde“, sagt sie. Daran möchte sie anknüpfen.

Alte und neue Balken: Maria Jähde und Jannis Martin versuchen, möglichst viel Historisches zu erhalten.
Alte und neue Balken: Maria Jähde und Jannis Martin versuchen, möglichst viel Historisches zu erhalten. © André Schulze

Tatsächlich hat der Hof eine lange Geschichte – und er war bedeutend für Görlitz. Wann er erstmals erbaut wurde, weiß Maria Jähde nicht, aber sie geht davon aus, dass er bei einem Stadtbrand niederbrannte. Anschließend, im Jahr 1691, wurde er vom Teichmüller Martin Renner neu aufgebaut. „Sein Grab ist noch auf dem Nikolaifriedhof“, sagt sie. Später sei der Hof im Familienbesitz geblieben – vermutlich über Jahrhunderte die gleiche Familie.

Als eines der Vorwerke von Görlitz war er wichtig für die Versorgung der Stadtbevölkerung, hat Maria Jähde herausgefunden. Es gab Pferde-, Kuh- und Schafställe, riesige Gartenflächen und Obstbaumbestände sowie Pferdekutschen für die Auslieferung. Die 1,3 Hektar Land reichen fast bis rauf zur Neugasse. „Das war wohl ein eiszeitliches Tal, ein Abfluss in Richtung Neiße“, sagt Maria Jähde. Auf jeden Fall sei es ein sehr nährstoffreicher Boden.

Vom Haupthaus (rechts angeschnitten) zieht sich das weitläufige Grundstück durch ein eiszeitliches Flusstal bis fast hinauf zur Neugasse.
Vom Haupthaus (rechts angeschnitten) zieht sich das weitläufige Grundstück durch ein eiszeitliches Flusstal bis fast hinauf zur Neugasse. © André Schulze

Für einen richtigen Landwirtschaftsbetrieb will sie den jetzt nicht mehr nutzen – wohl aber für eine riesige Streuobstwiese: „Alle alten Bäume bleiben stehen und es kommen noch ganz viele neue hinzu.“ Dazwischen sorgen Inge, Lutz, Gabi und Rosi für Ordnung. Weiter hinten gehören auch zwölf Kleingärten dazu. Die sind allesamt verpachtet – und sollen es auch bleiben.

Jannis Martin mit seinen Schafen.
Jannis Martin mit seinen Schafen. © Maria Jähde

Und die Gebäude? Maria Jähde hat für jedes von ihnen einen Plan, der sich an der früheren Nutzung orientiert. In der Remise – also dem früheren Gesindehaus direkt an der Straße – sind zwei Wohnungen geplant: Nicht über-, sondern nebeneinander, also wie ein Doppelhaus. „Leute, die uns beim Bauen helfen, haben schon Interesse bekundet, da einzuziehen“, sagt sie.

Die alte Viehtränke im Vordergrund wurde genauso freigesägt wie die Gebäude an der Rothenburger Straße.
Die alte Viehtränke im Vordergrund wurde genauso freigesägt wie die Gebäude an der Rothenburger Straße. © André Schulze

Stadteinwärts schließt sich der frühere Pferdestall an. Er soll künftig als Schafstall und Garage dienen. Gartenseitig steht das Haupthaus. Hier wollen Maria Jähde und Jannis Martin selbst eine Wohnung beziehen und eine zweite vermieten. In dem Haus befindet sich auch der frühere Kuhstall, der zum Saal für Feiern ausgebaut wird. Den kann man später mieten, sodass der Hof auch eine öffentliche Nutzung erhält. Daran schließt sich der einstige Schafstall ein, der aber eingestürzt ist, und schließlich die alte Scheune, die die neuen Besitzer gleich als Erstes saniert haben, um sie als Baulager und Werkstatt zu nutzen. Jannis Martin macht eine Tischlerausbildung und will in dem Gebäude arbeiten.

Für die Notsicherung der Gebäude hat Maria Jähde auch Hilfe von den Denkmalämtern erhalten, für ausgewählte Details von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Ihr geht es vor allem um die drei erhaltenen Viehtränken. Die schönste von ihnen steht direkt an der Rothenburger Straße, war bisher von Efeu überwuchert und ist seit Kurzem freigelegt. „Das war früher eine öffentliche Tränke, die soll jetzt wieder aktiviert werden“, sagt die Besitzerin.

Diese historische Tränke direkt an der Rothenburger Straße soll jetzt wieder aktiviert werden. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz gibt dafür Geld.
Diese historische Tränke direkt an der Rothenburger Straße soll jetzt wieder aktiviert werden. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz gibt dafür Geld. © André Schulze

Sie hat sogar noch mehr Nutzungsgedanken für den Hof. „Aber die sind noch nicht spruchreif“, sagt Maria Jähde. Vieles ist auch im Fluss, neue Helfer bringen neue Ideen mit. Was sie sich auch vorstellen kann, sind Baumpatenschaften. „Wir selbst können so viel Obst ja überhaupt nicht nutzen“, sagt sie. Deshalb ist es eine Überlegung, dass andere Leute die Bäume mit pflegen und dafür dann ernten können.

Momentan ist vieles noch Zukunftsmusik. Bisher leben nur Inge, Lutz, Gabi und Rosi auf dem Hof. Und dazu die Katzen Lara, Henry und Egon. Die waren schon vor den Schafen da. Ursprünglich waren sie auch zu viert, aber eine wurde überfahren.

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