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Was der Neuanfang für die Libera-Stiftung bedeutet

Die Diakonie-Stiftung trennte sich von ihren zwei Geschäftsführerinnen und holte mit André Maywald einen Experten. Der meidet die lauten Ankündigungen zum Start.

André Maywald ist Vorstand der Stiftung Diakonie Libera, die ihren Sitz in Görlitz hat.
André Maywald ist Vorstand der Stiftung Diakonie Libera, die ihren Sitz in Görlitz hat. © Martin Schneider

Es war ein Paukenschlag, als der Stiftungsrat der Diakonie Libera Mitte Februar dieses Jahres über einen Wechsel in der Vorstandsspitze der Diakonie informierte. Ab sofort, so hieß es, ist André Maywald Vorstand der Diakonie, die Zusammenarbeit mit den bisherigen Vorständinnen Christina Lumper und Silke Schlegel wurde beendet.

Damit hat die Diakonie Libera, eine kirchliche Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Görlitz, nun einen neuen Vorstand, der in der Region wegen seines vielfältigen Engagements bekannt ist.

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Nicht beworben, sondern gefragt worden

Andrè Maywald, der 57-jährige Diplomingenieur, geboren in Löbau und wohnhaft in Zoblitz bei Reichenbach, bewarb sich nicht um den Vorsitz der Stiftung. "Ich wurde gefragt", sagt er. Und konnte nicht ablehnen, denn "hier geht es um ein interessantes Gebiet, dem ich hohes Zukunftspotenzial einräume", sagt Maywald. Er sei ein Kenner vieler regionaler Zusammenhänge, und damit könne er wirksamer werden als vielleicht jemand, der von außerhalb kommt. Auch deshalb nahm er das Angebot an.

Der 57-Jährige kam nach verschiedenen Tätigkeiten in der Industrie 1997 zum DRK-Kreisverband Görlitz und leitete ihn 20 Jahre lang. 2017 wurde Maywald Vorstand der medizinischen Kooperation Görlitz eG, einer ärztlichen Genossenschaft im Fachärztehaus octamed in Rauschwalde. Darüber hinaus ist Maywald in der Firma RPM Datenschutz aktiv. Hier allerdings fährt er seine Präsenz zurück, um sich intensiv der Diakonie zu widmen. Für die Genossenschaft ist er weiter aktiv.

Entscheidungen der Vergangenheit prüfen

Seit reichlich zwei Wochen arbeitet sich Maywald in die Diakonie ein. Strukturen, die er vorfindet, seien ähnlich denen, die er von anderen Bereichen kennt. Allerdings sei es eine knapp besetzte Struktur, sagt er. Für etwa 500 Mitarbeiter ist Maywald verantwortlich. Die meisten davon arbeiten nicht in Görlitz, wo die Diakonie Libera nur das Janusz-Korczak-Heim, ein Kinderheim, betreibt. In Nordsachsen und Südbrandenburg hat die Diakonie mehrere Einrichtungen der Kinder-, Alten- und Behindertenhilfe, darunter in Hoyerswerda und Ortrand.

Die räumliche Entfernung der Standorte sei eine Herausforderung, sagt Maywald. Aber technische Möglichkeiten wie Videokonferenzen helfen nicht nur in der Corona-Zeit. Schritt für Schritt will er dennoch alle Standorte persönlich kennenlernen.

Zunächst will Maywald herausfinden, warum Strukturen bei der Diakonie so und nicht anders sind. Auf schnelle Veränderung dringt er nicht. "Schnell heißt auch teuer, und so will ich sehen, ob und wie die in der Vergangenheit getroffenen Entscheidungen zu Strukturen, Zuordnungen und Qualitäten richtig und zweckmäßig sind für eine stabile und erfolgreiche Zukunft der Diakonie", erklärt Maywald. Dass er dabei die Leistungsentwicklung der Einrichtungen und die Ideen der Einrichtungsleiter einbezieht, sei für ihn selbstverständlich. Vorstandsarbeit sei für Maywald die gemeinsame Kraftanstrengung aller Mitarbeiter. "Wir wollen die Arbeit mit Blick auf unsere Klienten so organisieren, dass die Hilfen tatsächlich ankommen. Das geht nur im Miteinander."

Diakonisches Profil schärfen

Als vor einigen Jahren durch die Verschmelzung von zwei diakonischen Trägern die Diakonie St. Martin im Landkreis Görlitz entstand, entschied sich die Stiftung Libera, die damals noch Stiftung Diakoniewerk Lausitz hieß, nicht mit St. Martin zu verschmelzen. Obwohl die Evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz es gern gesehen hätte, wenn alle diakonischen Einrichtungen im Gebiet der ehemaligen Görlitzer Landeskirche unter einem Dach vereint wären.

Ob diese Entscheidung damals richtig oder falsch war, vermag Maywald derzeit nicht zu sagen, und das sei auch nicht relevant. Die Einrichtungen der Stiftung haben nicht die diakonische und damit kirchliche Tradition, wie sie St. Martin hat. Mehrere Häuser der Libera-Stiftung wechselten erst nach der politischen Wende aus staatlicher Trägerschaft zur diakonischen, darunter das Görlitzer Kinderheim. Es komme darauf an, sagt Maywald, das diakonische Profil in die Alltagsarbeit der Einrichtungen einzubringen und zu stärken.

Wichtig ist es ihm, dass die Leistungen, Koordinierungen und Kooperationen der Einrichtungen bei den Menschen als Diakonie wahrgenommen werden. Zu dieser Wahrnehmung gehöre auch der Name der Stiftung Libera. Aus dem Lateinischen übersetzt heißt das in etwa frei, ungebunden. Die Beweggründe für diese Namensgebung kennt Maywald nicht. Das Stiftungslogo ergänzt die Aussage "An deiner Seite". Das sei die Botschaft, die Maywald als Marke etablieren und als Tradition weiterentwickeln will.

Heute zeichne sich ab, dass die Diakonie dort, wo sie bereits zuverlässiger Partner ist, das auch bleiben möchte. "Wo die Partnerschaft hinterfragt wird, will ich dafür sorgen, dass diese Fragen ausgeräumt werden", sagt Maywald und betont, dass er das Leistungsprofil der Diakonie in der Region stärken möchte.

Das Octamed-Fachärztehaus in Görlitz-Rauschwalde.
Das Octamed-Fachärztehaus in Görlitz-Rauschwalde. © nikolaischmidt.de

Credo von Thomas Mann zu eigen gemacht

Für die zehn Mitglieder in der ärztlichen Genossenschaft bei octamed bleibt André Maywald Vorstand. "Das ist keine Vollzeitstelle", sagt er, "aber eine Tätigkeit, die viel Spaß macht." Im November dieses Jahres feiert die Genossenschaft ihr zehnjähriges Bestehen.

Zeit - das ist ein Gut, über das André Maywald jetzt nur knapp verfügt. Er teilt sie sich ein, um trotz großer Verantwortung und viel Arbeit genügend Freiraum zu finden für seine eigene Regeneration. Seine Familie mit Ehefrau, zwei erwachsenen Kindern und drei Enkeln gehört ebenso dazu wie am Wochenende eine Radtour oder am Abend ein gutes Buch, vorzugsweise klassische Literatur, darunter von Thomas Mann. Dessen Credo hat sich Maywald zu eigen gemacht: " Es ist schwer, es zugleich den Menschen und der Wahrheit recht zu machen." Und so darf man gespannt sein, welche Wahrheit Maywald verkünden wird, wenn er sich in die Diakonie eingearbeitet hat.

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