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Freiherr kauft Bauerngut in Görlitz

Der Zessack-Hof im Ortsteil Ludwigsdorf hält schon lange Dornröschenschlaf. Bald will es Nikolaus von Gayling erwecken. Er ist kein Unbekannter.

Nikolaus von Gayling am östlichsten Punkt von Deutschland. Die Wiese, auf der er steht, gehört ihm.
Nikolaus von Gayling am östlichsten Punkt von Deutschland. Die Wiese, auf der er steht, gehört ihm. © Nikolaus von Gayling

Wahrscheinlich ist Nikolaus von Gayling der einzige Mensch in Freiburg im Breisgau, der die Görlitzer Ausgabe der Sächsischen Zeitung abonniert hat. Das kommt nicht von ungefähr. Der Mann engagiert sich seit vielen Jahren in und für Görlitz. Und er besitzt etwas Einmaliges.

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Diese Einmaligkeit ist der östlichste Punkt in Deutschland. Der befindet sich in Zentendorf, etwa 25 Kilometer nördlich von Görlitz. In den Fokus der deutschen Fernsehzuschauer geriet dieser Punkt im Vorjahr, als ZDF-Reporter Theo Koll den AfD-Vorsitzenden Tino Chrupalla, der aus dem Landkreis Görlitz stammt, genau dort zum Sommerinterview traf.

Der Zessack-Hof ist ursprünglich ein Dreiseitenhof auf der Neißetalstraße in Ludwigsdorf.
Der Zessack-Hof ist ursprünglich ein Dreiseitenhof auf der Neißetalstraße in Ludwigsdorf. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Eigentümer vom östlichsten Punkt Deutschlands

Nun ist Nikolaus von Gayling an etwas Neuem dran: Der Adelige erwarb in Ludwigsdorf den Zessack-Hof. Der Dreiseitenhof befindet sich gegenüber dem ehemaligen Dorfkonsum, der jetzt das Vereinshaus der Ludwigsdorfer ist. Schon lange ist das Bauerngut unbewirtschaftet. Kauf- und Notarvertrag sind mittlerweile unterschrieben, aber noch fehlt der Eintrag ins Grundbuch. Bis der erfolgt ist, sieht sich der Freiburger noch nicht als Eigentümer und will sich bedeckt halten. Zu seinen Vorhaben gibt er noch nicht viel preis.

In Görlitz ist der Mann aus aus dem Breisgau kein Unbekannter. So gründete er mit 22 anderen Freiburgern einen Förderverein für die Bewerbung von Görlitz als Kulturhauptstadt und war dessen Vorsitzender. Er sei damals oft an der Neiße gewesen und hatte bemerkt, dass in Süddeutschland viele Menschen aus der Görlitzer Region leben und an der Freiburger Uni knapp 200 Studenten aus Polen studieren. Der Förderverein wollte den Prozess des Zusammenkommens von Görlitzern und Zgorzelecern unterstützen.

Obwohl Görlitz bei der Kulturhauptstadtbewerbung nur zweiter Sieger wurde, engagierte sich Nikolaus von Gayling weiter in der Stadt. So stiftete er mehrfach einen mit 1.000 Euro dotierten Freiburger Kulturpreis für meist grenzüberschreitende Projekte.

Nikolaus von Gayling wartet nun darauf, selbst eine gründliche Ortsbegehung vorzunehmen. „Wegen der Corona-Pandemie ging das bislang nicht“, bedauert er und hofft auf Lockerungen, die es ihm ermöglichen, in der ersten Aprilwoche nach Görlitz zu reisen. Dann will er sich vor Ort mit dem Architekten besprechen.

Der Freiherr Nikolaus von Gayling-Westphal, so der vollständige Name, besitzt im Landkreis Görlitz mehrere Hundert Hektar Wald- und Forstflächen. Anfangs wollte er den enteigneten Familienbesitz in Mecklenburg-Vorpommern zurückkaufen. Als das fehlschlug, bot ihm der Bund andere Forstflächen an. Er erwarb einen Wald bei Deschka. Im Laufe der Zeit rundete er seinen Besitz ab, kaufte kleinere Waldflächen hinzu, darunter auch in Biehain, wo ihm der Inselsee gehört. Irgendwann bot ihm eine Frau eine Wiese an - das Grundstück am östlichsten Punkt Deutschlands. Er kaufte es.

Der ehemalige Stall im Zessack-Hof.
Der ehemalige Stall im Zessack-Hof. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Geschichte des Hofes ist verworren

Auch ein Treffen mit Jan Bergmann-Ahlswede steht an. Der Markersdorfer Historiker, der unter anderem bei den Görlitzer Sammlungen an der "Neiße-Ausstellung" beteiligt war, ist vom Freiherrn beauftragt, möglichst viel über die Geschichte des Zessack-Hofes herauszufinden. Das ist schon eine ganze Menge, obwohl es keine guten Überlieferungen gibt sowie die Aktenlage schwierig und die Geschichte verworren ist.

An dieser Stelle in Ludwigsdorf wurde offenbar schon sehr lange gesiedelt, fand Jan Bergmann-Ahlswede heraus. Aber es wurde immer wieder umgebaut. Ein Gebäudeteil weist noch Fachwerk auf, bei einem anderen fand der Historiker einen etwa 300 Jahre alten Dachstuhl. Inschriften auf zwei Tafeln lassen vermuten, dass sie zu besonderen Anlässen angebracht wurden. Welche das sind, vermag der Historiker nicht zu sagen. Eine Tafel gibt die Jahreszahl 1773 und EB wieder. Möglicherweise wurde da ein Hausbau vollendet. Bergmann-Ahlswede glaubt nicht, dass aus dieser Zeit heute noch Mauerwerk in den Gebäuden steckt.

Eine zweite Tafel weist auf einen Vorbesitzer August Sonntag und das Jahr 1877 hin. "Das ist plausibel für einen Umbau", sagt der Historiker. Mehrfach wechselte der Hof den Besitzer, einmal sogar den Ort: durch neue Flurzuordnung gehörte der Hof erst zu Niederludwigsdorf, dann zu Oberludwigsdorf. 1906 kaufte ihn Oswald Schneider. Er benannte den Hof in den 1920/30er Jahren nach seiner Frau Helenenhof. Der Hof gehörte seinerzeit mit etwa 70 bis 80 Hektar Land zu den größten im Ort. Mit der Bodenreform 1945 wurde der Hof enteignet, Grund und Boden erhielten Neusiedler, die auch in die Gebäude einzogen. Von denen stammt der heutige Hofname: Zessack-Hof, wobei die Schreibweise mitunter in Zeschack-Hof abweicht, wie der Historiker herausfand.

Anfang der 1990er Jahre kaufte der Landwirt Jörg Riesling-Erdbrügge, der Urenkel von Oswald Schneider, den Hof aus einer Erbengemeinschaft zurück. Jetzt verkaufte er ihn an Gayling-Westphal, allerdings nicht mit der vollständigen Fläche, die zum Bauerngut gehörte. Der Hof, der ursprünglich von vielen Menschen bewirtschaftet wurde, sei für die heutige Landwirtschaft mit wenigen Mitarbeitern, dafür viel Technik, nicht funktional genug. Riesling-Erdbrügge, der weitere Flächen in Ludwigsdorf besitzt und bewirtschaften lässt, will auf einer von denen eine Halle errichten, um große Maschinen einzustellen und die Lärmbelästigung im Dorf zu reduzieren.

Zukunftsmusik für eine Landschaft

Warum Gayling-Westphal ausgerechnet den Hof in Ludwigsdorf erwarb und wie er auf ihn stieß, verrät er nicht. Er habe etwas gesucht, wo man auch wohnen könne, sagt er. Der Hof sei nur eine Stunde zu Fuß von Görlitz entfernt. Ob er ihn wieder für landwirtschaftliche Zwecke herrichtet und ihn verpachtet oder selbst nutzt, wisse er noch nicht.

Mit dem Kauf des Hofes sind seine Aktivitäten in Görlitz nicht abgeschlossen. Er will weitere Grundstücke in Ludwigsdorf erwerben, die direkt bis an die Neiße heranreichen. „Vielleicht entsteht hier ein Mikro-Fürst-Pückler-Park“, sagt er und deutet an, dass er hier die Landschaft gestalten möchte.

Aber das ist Zukunftsmusik. Viel zu sehen ist derzeit noch nicht davon, dass es für den Dreiseitenhof in Ludwigsdorf einen neuen Besitzer gibt. Bislang habe man nur Unrat beseitigt, erklärt von Gayling und verspricht, bei seinem im April geplanten Besuch in Görlitz bei einem Treffen mit der SZ sein Vorhaben genauer zu erläutern.

Ludwigsdorf ist bekannt für Riesenkürbisse. Jedes Jahr gibt es einen Wettbewerb, bei dem die größten Exemplare ermittelt und deren Züchter mit Siegestrophäen ausgezeichnet werden.
Ludwigsdorf ist bekannt für Riesenkürbisse. Jedes Jahr gibt es einen Wettbewerb, bei dem die größten Exemplare ermittelt und deren Züchter mit Siegestrophäen ausgezeichnet werden. © nikolaischmidt.de

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