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Sensationen im Erdreich

Bei den archäologischen Ausgrabungen des künftigen Polizeireviers in Großenhain kam die Zwingermauer der Stadtbefestigung zutage. Erstmalig.

Nicht nur Reste der Stadtmauer (rechts), sondern auch der Zwingermauer (vorn) wurden durch die archäologischen Ausgrabungen an der Meißner Straße/Ecke Mozartallee freigelegt.
Nicht nur Reste der Stadtmauer (rechts), sondern auch der Zwingermauer (vorn) wurden durch die archäologischen Ausgrabungen an der Meißner Straße/Ecke Mozartallee freigelegt. © Norbert Millauer

Großenhain. Bogenartig tritt das Gemäuer aus dem Mittelalter in der Grube hervor. Aus Bruchstein errichtet, wächst die einstige Zwingermauer der Großenhainer Stadtbefestigung aus einer Tiefe von 4,60 Metern empor. "Eine kleine Sensation", sagt Dr. Westphalen vom Landesamt für Archäologie über die Ausgrabungen, die derzeit auf der Meißner Straße/Ecke Mozartallee gemacht werden. Hier an der Stelle des einstigen Sachsenhofes soll künftig das neue Polizeirevier gebaut werden.

Zum ersten Mal wurde die Großenhainer Zwingermauer laut den Archäologen vom Landesamt freigelegt. Dabei ist hier schon 2005 und 2017 gegraben worden. Doch die rund 800 Jahre alte Zwingermauer, die der Stadtmauer vorgelagert war, war da noch nicht gefunden. Baggerfahrer Ulrich Franke von Weberbau hat sie nun gefühlvoll freigelegt.

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Informationen zu Stadtmauer, Zwingermauer und Wallanlage gibt es auf einer Infotafel vor der Berufsschule an der Beethovenallee.
Informationen zu Stadtmauer, Zwingermauer und Wallanlage gibt es auf einer Infotafel vor der Berufsschule an der Beethovenallee. © Kathrin Krüger

1349 sind Stadt- und Zwingermauer erstmalig genannt worden. Sie führten rund um die Innenstadt und waren circa 1.500 Meter lang. Die Stadtmauer selbst war acht Meter hoch und bis zu 2,5 Meter breit. Aus dem Wallgraben müssen 180.000 Kubikmeter Aushubmasse herausgeschafft worden sein. Einen Querschnitt der Stadtbefestigung findet man auf einer Tafel, die an der Wallanlage vor der Berufsschule an der Beethovenallee steht. Die Torbrücke an der Meißner Straße, an der jetzt gegraben wird, befand sich vor dem Meißner Stadttor und war neun Meter lang bzw. fünf Meter breit.

Was nun davon jetzt freigelegt wird, interessiert zahlreiche Großenhainer. "Immer wieder bleiben Leute hier stehen und gucken neugierig durch die Absperrung", so Oberbürgermeister Sven Mißbach. Sie scheinen zu ahnen, dass dieser Blick in die Vergangenheit so schnell nicht wiederkommt. Immerhin bewahrte diese starke vorgeschobene Befestigungslinie unsere Vorväter sogar gegen Feuerwaffen. Die Schweden haben sich im 17. Jahrhundert bei ihren Angriffen die Zähne daran ausgebissen.

Man kann mit etwas geübtem Blick erkennen, wie die Mauern auf anstehendem Felsen errichtet wurden. Wenn man sich auskennt, kann man parallel zur Meißner Straße die Fundamente des einstigen Vorplatzes des Meißner Tores mit seinem Torbogen erkennen. Sollte das Museum demnächst wieder öffnen, so wirbt dessen Leiter Dr. Jens Schulze-Forster, dort ein Modell des Meißner Stadttores von der Tausendjahrfeier 1954 zu bestaunen.

Gut zu erkennen ist, dass die vorgelagerte Zwingermauer Halbschalentürme hatte, damit die Stadtverteidiger, die Communalgarde, darauf auch zur Seite schießen konnten. Bezahlt haben die Großenhainer diese damals logistische Meisterleistung für die Errichtung der Verteidigungsanlagen. "Sie bestehen aus Kalkstein aus der Meißner Gegend und aus Großdobritz", so Dr. Thomas Westphalen. 1800 bis 1850, so erläutert Gebietsreferentin Patricia van der Burgt, wurden die nicht mehr benötigten Anlagen abgerissen, der Stadtgraben verfüllt. 1849 wurde schon das Hotel de Saxe eingeweiht, das die nun freigelegten Mauern als Keller nutzte. So ist nun die Heizungsanlage freigelegt worden und auch ein Fischbecken, das vermutlich zum Restaurant gehörte.

Grabungsleiter Jörg Konetzke zeigt auf Bögen der Maueröffnung und präsentiert Ausgrabungsfunde, die teilweise 800 Jahre alt sind: Teile mittelalterlicher Keramik und von Alltagsgegenständen. Auch metallurgische bzw. Buntmetallschlacken. Zudem Fleischereiabfälle wie Kieferknochen und Zähne. Das alles sollen auch interessierte Großenhainer noch genauer zu Gesicht bekommen. Denn in circa drei Wochen soll es eine öffentliche Begehung geben. "Die Grabungen werden an der Mozartallee um 20 Meter verlängert. Wir haben noch bis Ende März hier zu tun", sagen die Archäologen.

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Denn was hier gefunden wurde, sei für Großenhain und darüber hinaus schon eine kleine Sensation. Westphalen zieht Parallelen zum Dresdner Zwinger mit ähnlicher Verteidigungsfunktion. Oberbürgermeister Mißbach schlägt vor, künftig Hinweistafeln zur Geschichte im Boden aufzustellen. Vielleicht kann man auch ein Stück Mauer weiter sichtbar erhalten. Das künftige Polizeirevier soll die Kubatur des ehemaligen Sachsenhofes in Form eines L aufnehmen. 60 mal 60 Meter ist das jetzige Grabungsfeld groß. Dr. Ulf Nickol vom Sächsischen Immobilien- und Baumanagement (SIB) als künftiger Bauherr will natürlich eine Unterkellerung als Aktenlager. "Wir schauen mal, was wir finanziell stemmen können", sagt er beim Vor-Ort-Termin in Großenhain.

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Wo sich einst der Sachsenhof befand, der 1999 abbrannte, soll künftig das neue Polizeirevier gebaut werden. Die Archäologie darf vorher ausgraben.
Wo sich einst der Sachsenhof befand, der 1999 abbrannte, soll künftig das neue Polizeirevier gebaut werden. Die Archäologie darf vorher ausgraben. © Norbert Millauer
Auch dieser Teil der Heizungsanlage des Sachsenhofes wurde gefunden.
Auch dieser Teil der Heizungsanlage des Sachsenhofes wurde gefunden. © Norbert Millauer
Dr. Heiermann vom Landesamt für Archäologie mit historischen Unterkiefern von Rind und Katze, die bei den Grabungen gefunden wurden.
Dr. Heiermann vom Landesamt für Archäologie mit historischen Unterkiefern von Rind und Katze, die bei den Grabungen gefunden wurden. © Norbert Millauer
Grabungsleiter Jörg Konetzke vom Landesamt bei der Fundbergung eines Waldenburger Keramikgefäßes.
Grabungsleiter Jörg Konetzke vom Landesamt bei der Fundbergung eines Waldenburger Keramikgefäßes. © Norbert Millauer
Dieses Fischbecken diente im Hotel de Sax/Sachsenhof wahrscheinlich der Aufbewahrung von Speisefisch.
Dieses Fischbecken diente im Hotel de Sax/Sachsenhof wahrscheinlich der Aufbewahrung von Speisefisch. © Norbert Millauer
Rund 800 Jahre alte Fundstücke haben die Ausgrabungen ans Tageslicht befördert.
Rund 800 Jahre alte Fundstücke haben die Ausgrabungen ans Tageslicht befördert. © Norbert Millauer

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