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Warum Frauen die besseren Fahrlehrer sind

Nicht einmal jeder zehnte Fahrlehrer ist weiblich. Nicole Herbst hat aber gute Gründe, eine Vorreiterin zu sein.

„Wir fahren zum Shoppen“: Nicole Herbst versteht es, ihren Fahrschülerinnen die Angst vor der Prüfung zu nehmen.
„Wir fahren zum Shoppen“: Nicole Herbst versteht es, ihren Fahrschülerinnen die Angst vor der Prüfung zu nehmen. © Sven Ellger

Die ganze Motorhaube ist vollgekritzelt. Aber Nicole Herbst ärgert sich nicht darüber. Ganz im Gegenteil. Auf ihrem Auto sind die Unterschriften ihrer Prüflinge verewigt. Einige habe ihre Namen mit Herzchen verziert. „Bis jetzt habe ich jeden durchbekommen“, sagt Nicole ein bisschen stolz. Wenngleich natürlich nicht immer beim ersten Versuch. „Hoffnungslose Fälle gibt es nicht.“

Erst seit Juni darf sich die 32-Jährige "Fahrlehrerin" nennen. Der Weg dorthin war weit und führte vom Gesundheitscheck und Psychotest über viel Theorie inklusive Fahrzeugtechnik bis zu fünf knallharten Prüfungen. Dass Nicole eine Frau ist, spielte dabei nie eine Rolle – und doch sind Fahrlehrerinnen hierzulande immer noch eine Seltenheit. Genauer gesagt liegt ihr Anteil in Sachsen derzeit bei acht Prozent. Fahrlehrer ist eine Männerdomäne – und keiner weiß, warum eigentlich.

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"Das hat sicher viele Frauen abgeschreckt"

Nicole Herbst glaubt, dass die harten Zugangsvoraussetzungen daran Schuld waren. Noch bis zum vergangenen Jahr mussten Fahrerlehrer den Motorrad- und den großen Lkw-Führerschein vorweisen können. „Das hat sicher viele Frauen abgeschreckt.“ Inzwischen reicht der Führerschein BE für schwere Anhänger aus.

Bleiben noch die schwierigen Arbeitszeiten, die für manche der Familienplanung im Weg stehen könnten. Die gesetzlich vorgeschriebenen Nachtfahrten beginnen nun Mal im Sommer kaum vor 22 Uhr. Für Nicole Herbst kein Problem, obwohl sie eine kleine Tochter hat. Vom Vater lebt sie getrennt. Trotzdem – und manchmal auch gerade deswegen – könne sie sich ihre Arbeitszeiten sehr gut selbst einteilen. Die Termine für ihre etwa 30 Fahrschüler managt sie komplett allein, obwohl sie bei einer recht großen Fahrschule angestellt ist. 

Von zehn Fahrlehrern beim Verkehrs-Campus Merkert in Johannstadt sind derzeit zwei Frauen, wobei die Kollegin gerade im Mutterschutz ist. Seit Jahren bildet das Unternehmen selbst auch neue Fahrlehrer aus. Im Schulungsraum hängen jede Menge Fotos der glücklichen Absolventen an den Wänden. Eine Männerrunde – mit wenigen Ausnahmen.

Wie lange soll das noch so bleiben? Womöglich nicht mehr lange. „Wegen der verbesserten Zugangsbedingungen gehen wir davon aus, dass der Frauenanteil in den nächsten Jahren schneller wachsen wird“, sagt Jörg-Michael Satz, Präsident der Interessenvereinigung „Moving“, die sich unter anderem für mehr Fahrlehrerinnen einsetzt. „Die Branche braucht Fahrlehrer. Wir setzen hier ganz stark auf Frauen, für die der Beruf zum Beispiel nach der Elternzeit tolle Perspektiven und flexible Arbeitszeiten bietet.“

"Berufung, aber kein Beruf"

Genau so war es auch bei Nicole Herbst, die im Jahr nach der Geburt ihres Töchterchens entschied, dass sie sich beruflich verändern möchte. Bis dahin war sie nach einer kleinen Karriere im Gastrogewerbe jahrelang Restaurantleiterin in Dresden gewesen. Ihre Ausbildung zur Restaurantfachfrau war allerdings nach der Schule eher eine pragmatische Wahl gewesen. „Ich wusste damals schon, dass ich lieber was mit Autos machen möchte“, sagt sie. Ihr Vater betreibt eine Kfz-Werkstatt. Deswegen sei sie mit dem Geruch von Motoröl aufgewachsen.

Doch wer Fahrlehrer werden möchte, muss mindestens 21 Jahre alt sein. Wenn Nicole Herbst heute in irgendein Formular ihren Beruf eintragen soll, dann notiert sie dort noch immer: „Restaurantfachfrau“. Was die wenigsten wissen: Fahrerlehrer ist in Deutschland noch immer kein anerkannter Beruf, sondern nur eine Tätigkeit. „Für das Land sind wir nicht mehr als ein Werkzeug“, klagt Nicole Herbst. Etwas mehr Wertschätzung wäre wichtig.“

Erschwerend kommt hinzu, dass Interessenten die Fahrlehrer-Ausbildung meist selbst bezahlen müssen. 20.000 Euro kann die kosten. „Das kam für mich finanziell lange nicht infrage“. Inzwischen habe die Agentur für Arbeit aber auf den Mangel reagiert und zahlt unter bestimmten Umständen – so wie bei ihr.

Nicole Herbst weiß selbst, dass das kitschig klingt, aber der Fahrlehrerschein sei „das Beste, was mir passieren konnte“. Die Dankbarkeit ihrer Schüler entschädige für den Aufwand, um bis hier hinzukommen.

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Die Fahrschulen freuen sich nun, dass sich ihr Potenzial an Fachpersonal verdoppelt. Nicole Herbst ist sich sicher, dass davon auch die angehenden Autofahrer profitieren werden. „Frauen sind feinfühliger und können besser auf die Ängste der Fahrschüler reagieren“, glaubt sie. So zum Beispiel sage sie ihren Mädels vor der Prüfung immer, dass sie jetzt zum Shoppen fahren. „Und der, der hinten sitzt, bezahlt.“ Meist helfe das schon, den größten Druck rauszunehmen. Die Herzchen auf ihrer Motorhaube sprechen jedenfalls dafür.

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