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"Kultur ist nicht die Feuerwehr"

Corona hat Kultur und Tourismus in Dresden hart getroffen. Bürgermeisterin Annekatrin Klepsch spricht über die Folgen - auch für die Robotron-Kantine.

Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke), erklärt im SZ-Interview, wie stark Corona Kultur und Tourismus betroffen hat.
Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke), erklärt im SZ-Interview, wie stark Corona Kultur und Tourismus betroffen hat. © René Meinig

Dresden. Der Tourismus und die Kultur beginnen langsam wieder zu laufen. Doch die Schäden durch Corona sind immens. Die Krise hat aber auch die Spaltung der Dresdner Stadtgesellschaft verschärft. Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) sieht in der Kultur die Chance, die Spaltung abzubauen. Doch dafür brauche sie auch ausreichend Geld. 

Frau Klepsch, Dresden wird wieder voller, werden Dresden-Besuche nachgeholt? 

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Ja, es ist wieder mehr los. Konkrete Zahlen liegen dazu aber noch nicht vor. Aber es gibt keinen Nachholeffekt. Die besucherstarken Wochenenden im Mai und im Juni, Himmelfahrt und Pfingsten mit den Dresdner Musikfestspielen, sind für den Tourismus durch Corona ausgefallen. Die Einnahmen daraus lassen sich nicht nachholen. 

Ist es dann sinnvoll, mit Maßnahmen wie den Kulturinseln zu werben? 

Es gibt in diesem Jahr die Chance, da viele nicht ins Ausland in den Urlaub fahren, Urlauber in der Ferienzeit in die Stadt zu holen. Deshalb ist es wichtig, mit zusätzlichen Angeboten die Innenstadt kulturell zu beleben. Auch weil die großen Kultureinrichtungen im Sommer Spielzeitpause haben. 

Könnte nicht auf die Pause verzichtet werden? 

Das ist schwierig. Da sind die Tarifverträge der Mitarbeiter zu beachten und in den Sommermonaten möchten viele Besucher sich auch nicht in geschlossenen Räumen aufhalten. Außerdem ist es auch nicht so, dass die Tarifbediensteten in den Ferien komplett frei haben. Es werden Wartungsarbeiten im Innenbereich durchgeführt, die sonst nicht gemacht werden können. Zudem wird auch in den Ferien geprobt. Eine Neuinszenierung einzustudieren, dauert sechs bis acht Wochen und wir haben Wiederaufnahmeproben, wenn Ensemblemitglieder wechseln. 

Aber wir haben auf die Schließungen reagiert und zusätzliche Veranstaltungen im Freien organisiert. Das Theater Junge Generation zeigte im Juli und wieder ab 28. August Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“ auf dem Gelände des Kraftwerkes Mitte, ebenso wird die Revue der Staatsoperette wieder ab 25. August im Außenbereich aufgeführt und die Dresdner Philharmonie spielte im Juli am Elbufer bei den Filmnächten für Familien und Erwachsene: Letzteres war insbesondere für Touristen attraktiv, da sie vor der Altstadtkulisse spielt. Das gibt es so sonst nicht. 

Der Tourismus läuft wieder an. Wie ist es mit Kongressen? 

Das Geschäft liegt bundesweit noch am Boden. Wir hatten vor der Corona-Krise bereits ein Konzept erstellt, wollten ab diesem Jahr in diesen Bereich investieren, um große Kongresse anzuwerben. Die Vorlaufzeit liegt dort bei drei bis fünf Jahren. Da wird etwas erwartet wie ein Empfang mit dem Oberbürgermeister und Bewirtung, hervorragende Tagungsräume und einiges mehr. Aber nach unserer Einschätzung ist das der Bereich, der als letztes wieder hochfahren wird. Aktuell lebt der Tourismus überwiegend von Urlaubern, also Privatreisenden. Nach der Sommerpause werden wir entscheiden, wann wir das Kongressmarketing wieder hochfahren. Dafür müssen alle Reisewarnungen aufgehoben sein und die Veranstalter überhaupt wieder mit Kongressen beginnen. 

Wie hart hat Corona Dresdens Kultur und Tourismus getroffen? 

Wir haben massive Einnahmeausfälle in der Kultur. Ich rechne mit etwa zehn Millionen Euro in den städtischen Einrichtungen und bei Freien Trägern, hinzu kommt der privatwirtschaftliche Sektor. Das hängt auch davon ab, wie viele Besucher wieder zugelassen werden. Im Tourismus ist der Schaden noch deutlich höher. Durch den Lockdown gab es deutschlandweit alleine in März und April 24 Milliarden Euro Ausfall. Für Dresden sind es rund 200 Millionen Euro. Davon alleine 91,5 Millionen Euro Verlust in der Wertschöpfung. Denn es sind ja nicht nur die Hotels betroffen. Es geht beim lokalen Bäcker los, der die Brötchen liefert, den Firmen, die die Bettwäsche waschen, über Gästeführer bis zu den Stadtrundfahrten und Busreiseunternehmen. Corona hat die prekäre Situation der Leute aufgezeigt, die in dem Bereich arbeiten. Wenn ein Freiberufler keine Aufträge hat, hängt er in der Luft. 

Ist in der Situation eine Haushaltssperre die richtige Antwort? 

Andere Städte arbeiten da mit anderen Instrumenten. Dort wird nicht pauschal Geld gesperrt oder gekürzt. Es werden Einsparvorschläge aus den Geschäftsbereichen eingefordert und diskutiert. Aber Fakt ist, dass wir angesichts der angespannten Finanzlage alle Ausgaben kritisch hinterfragen müssen. Wir müssen aber in die Wiederbelebung von Wirtschaft, Kultur und Tourismus investieren, wir müssen Armutssituationen für die Betroffenen vermeiden und Einnahmen für die Stadt generieren. 

Soll die Robotron-Kantine ebenfalls Corona zum Opfer fallen? 

Bis zu Beginn von Corona haben externe Architekten im Auftrag des Hochbauamtes ein Konzept entwickelt, mit dem Open Future Lab, dem Kunsthaus und der Ostrale. Außerdem hat eine öffentliche Bürgerwerkstatt stattgefunden. Die Fertigstellung der Stadtratsvorlage wurde durch Corona ausgebremst. In der aktuellen Situation akzeptiere ich, dass der Oberbürgermeister den Ankauf zur Disposition stellt. Es ist richtig und nachvollziehbar, dass der Stadtrat nun beschlossen hat, sich vor einer endgültigen Entscheidung mit dem Konzept zu befassen. Ich bin überzeugt, dass die Kantine als Solitär der Nachkriegsmoderne der Ankerpunkt für die neue Lingnerstadt ist. 

Die Kantine war doch ein zentraler Aspekt der Kulturhauptstadtbewerbung? 

Unsere Bewerbung hat nicht nur von der Vision der Kantine gelebt. Es gab viele Impulse, so unter anderem die Zusammenarbeit zwischen der Freien Szene und den großen Kultureinrichtungen, auch die zwischen Land und Stadt. Kulturelle Teilhabe für jeden, die Internationalisierung, die Stärkung der Stadtteilkultur. Unser kulturelles Erbe liegt im Wesentlichen in der Innenstadt. Es ist eine wichtige Erkenntnis, dass wir jetzt, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, feststellen, dass kleine Einrichtungen in den Stadtteilen fehlen. 

Wie weit ist denn Ihr Plan, Kulturzentren in jedem Stadtteil zu schaffen? 

Nach einer ersten statistischen Analyse fanden im Juli dazu Workshops mit den Fachämtern für Soziales, Stadtentwicklung, Jugend und Kultur sowie den Stadtbezirksämtern und Ortschaften statt. In der zweiten Jahreshälfte soll dem Stadtrat die Bedarfsanalyse vorgelegt werden. Dann muss die Finanzierung diskutiert werden. Vieles, was darüber hinaus im Bewerbungsbuch als Kulturhauptstadt steht, ist bereits heute Arbeitsaufgabe der städtisch finanzierten Kultureinrichtungen, beispielsweise kulturelle Bildung, interkultureller Austausch, Erinnerungskultur. 

War nicht ein zentrales Ziel der Bewerbung der gesellschaftliche Zusammenhalt? 

Ja, und dieses Ziel steht weiterhin, nicht nur in Dresden. Nicht alles können wir weiterführen, wie wir es begonnen haben, weil die finanziellen Mittel fehlen. Beispielsweise für das Ausloben von Mikroprojekten und Veranstaltungen auf dem Neumarkt wie das beliebte Kino-Karaoke. Aber die Ideen sind als Impuls bei den Einrichtungen angekommen und werden aufgenommen. So gibt es eine Kooperation der Dresdner Philharmonie mit einer Grundschule in Gorbitz. Diese bauen wir aus. Für 2021 ist ein größeres Projekt geplant, anstelle einer Auslandsreise der Philharmonie. Das Societätstheater hatte das Projekt „Zuhause in Prohlis“ entwickelt, unterstützt durch das Kulturhauptstadtbüro. Aus dieser wunderbaren Initiative hat sich nun ein Verein entwickelt. Das Theater Junge Generation hat neben der "Zukunftskonferenz der Kinder" eine interkulturelle Kooperation mit der 102. Grundschule in Johannstadt entwickelt. Da trifft Kunst auf die Themen wie Integration und Deutsch als Zweitsprache, zu erleben derzeit im Damaskuszimmer der SKD. Das ist hochspannend. 

Hilft das gegen die Polarisierung oder den Rechtsruck in der Gesellschaft? 

Wir können beobachten, wie Polarisierung im Zusammenhang mit der Digitalisierung steht, also einer multiplen Informationsflut, vor allem im Internet. Diese führt an vielen Stellen zu Verunsicherung. Menschen suchen jedoch nach Orientierung. Wenn Kultur etwas leisten kann, dann ist es die unmittelbare Begegnung im Stadtteil und der Austausch. Kultur und Kunst können unbequeme Themen auf die Bühne bringen und darüber eine Debatte anstoßen, wie wir zusammenleben wollen. Das kann nicht durch digitale Angebote ersetzt werden. Kultur ist nicht die gesellschaftspolitische Feuerwehr. Sie kann das nicht alleine leisten, aber einen Beitrag dazu, Menschen zusammenzubringen. 

Erreichen Sie damit alle? 

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