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Hollywood schreibt Brief an Görlitz

Schauspieler, die in Görliwood drehten, bitten vor der OB-Wahl, weise zu wählen. Es soll nicht die einzige Aktion bleiben.

Zurück in Görlitz, zurück am Untermarkt, wo einst „Der Vorleser“ gedreht wurde: Mitproduzent des Filmes, Michael Simon de Normier, kam am Freitag nach Görlitz – in besonderer Mission. Er wird auch kommende Woche wieder hier sein.
Zurück in Görlitz, zurück am Untermarkt, wo einst „Der Vorleser“ gedreht wurde: Mitproduzent des Filmes, Michael Simon de Normier, kam am Freitag nach Görlitz – in besonderer Mission. Er wird auch kommende Woche wieder hier sein. ©  Nikolai Schmidt

Am Freitag war Michael Simon de Normier wieder einmal in Görlitz. Er kennt die Stadt über Jahre, war Mitproduzent von „Der Vorleser“, der 2008 in der Stadt gedreht wurde. Er mag Görlitz, hat auch nach wie vor Kontakte hierher. Doch jetzt ist ihm bange. Er sagt, es wühle ihn auf, dass hier am 16. Juni der erste AfD-Oberbürgermeister in Deutschland gewählt werden könnte. Den ersten Wahlgang hat er genau verfolgt, danach abgewartet, was passiert. Als klar war, dass es ein Duell zwischen Octavian Ursu von der CDU und Sebastian Wippel von der AfD geben wird, war de Normier klar, dass er etwas tun müsse. 

Für ihn wäre es „ein Riesenmissverständnis“, wenn Görlitz nach außen hin dann mehr mit dem ersten AfD-Oberbürgermeister in Verbindung gebracht werden würde als mit seiner schönen Architektur oder den Menschen. Es könnte die Kunst vergraulen, sagt er, und meint damit seine Kunst und seine Kollegen. Die Filmbranche.

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Deshalb hat er einen offenen Brief verfasst und Freunde und Kollegen darüber informiert. Eine Reihe Unterzeichner hat das Schreiben bereits, das am Montag veröffentlicht wird, der SZ aber bereits vorliegt. Es sind überwiegend Filmleute, die schon in Görlitz gearbeitet haben: Daniel Kehlmann etwa, Autor des Romans „Die Vermessung der Welt“, der 2011 in Görlitz verfilmt wurde oder Christian Schwochow von „Der Turm“, in Görlitz ebenfalls 2011 gedreht. 

Auch Miriam Stein und Volker Bruch, die beide 2009 „Goethe“ in Görlitz drehten, haben unterzeichnet, wie auch Burghart Klaußner, der ebenfalls für „Goethe“, aber auch „Der Vorleser“ da war. Überhaupt sind es viele Akteure aus „Der Vorleser“: Stephen Daldry, Oscar-Preisträger und Regisseur des Films, die Szenenbildnerin Brigitte Broch, ebenfalls Oscarpreisträgerin, oder Bernhard Schlink, der das Buch geschrieben hat und laut Michael Simon de Normier oft und gern in Görlitz ist. Hauptdarstellerin Kate Winslet, die für ihre Rolle den Oscar gewann, ist ebenfalls angefragt. Genau wie noch eine ganze Reihe weiterer Stars. Da das aber über Agenturen laufe, gehe das nicht von heute auf morgen. Bis Montag, wenn der Brief veröffentlicht wird, rechnet Initiator de Normier mit weiteren prominenten Unterstützern. Sein Ziel ist, dass am Ende von jeder großen Produktion in Görlitz ein paar Namen auf der Liste stehen.

Sie haben den Brief bereits unterschrieben

„Der Vorleser“-Autor Bernhard Schlink ist gern in Görlitz.
„Der Vorleser“-Autor Bernhard Schlink ist gern in Görlitz. © undefined
Bestseller-Autor Daniel Kehlmann war 2011 in Görlitz.
Bestseller-Autor Daniel Kehlmann war 2011 in Görlitz. © undefined
„Game of Thrones“-Star Tom Wlaschiha hat unterzeichnet.
„Game of Thrones“-Star Tom Wlaschiha hat unterzeichnet. © undefined
Auch Volker Bruch (l.) stand für „Goethe“ hier vor der Kamera.
Auch Volker Bruch (l.) stand für „Goethe“ hier vor der Kamera. © undefined
Für „Goethe“ drehte Miriam Stein (r.) 2009 in Görlitz.
Für „Goethe“ drehte Miriam Stein (r.) 2009 in Görlitz. © undefined
Stephen Daldry (rechts), Oscar-Preisträger und Regisseur des Films "Der Vorleser", steht hier neben Hauptdarstellerin Kate Winslet, die ebenfalls schon angefragt ist.
Stephen Daldry (rechts), Oscar-Preisträger und Regisseur des Films "Der Vorleser", steht hier neben Hauptdarstellerin Kate Winslet, die ebenfalls schon angefragt ist. © Nikolai Schmidt

In dem Brief ist von Frieden, Freiheit und Toleranz die Rede, die Görlitzer werden aufgerufen: „Bitte wählt weise, wenn die Wahl an Euch ist. Gebt Euch nicht Hass und Feindseligkeit, Zwietracht und Ausgrenzung hin. Verratet nicht Eure Überzeugungen, sobald jemand behauptet, er könne die Probleme für Euch lösen.“ Veröffentlicht wird das Schreiben am Montag auf der Internetseite „Zukunft Sachsen“, hinter der ein Dutzend junger Leute steht, die überwiegend in und um Leipzig arbeiten und studieren. 

So wie Sascha Kodytek, der in Halle Jura studiert. Der 23-Jährige ist politisch schon länger aktiv und will mit seinen Freunden verhindern, dass die AfD in Sachsen regieren kann. „Das geht durch taktisches Wählen“, sagt Kodytek. Wie genau, erklären die jungen Leute Interessierten auf ihrer Website. Auf diese ist de Normier aufmerksam geworden und hat Sascha Kodytek vor vier Tagen angerufen. Die klare Haltung habe ihm gefallen, so kamen beide Kampagnen zusammen.

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Für de Normier ist es damit aber nicht getan. Nachdem er Freitag in Görlitz war, will er gleich am Montag wiederkommen und auch kommenden Sonnabend. Hier will er beim Brauereifest mit den Görlitzern ins Gespräch kommen. Und eigentlich möchte er im Herbst 2020 auch wieder hier arbeiten. Ein Film über Beethoven soll gedreht werden, eine romantische Komödie, die Beethovens leicht dunkle Haut thematisiert. Ein farbiger Hauptdarsteller wird es deshalb werden. „Kann ich diesen dann guten Gewissens mitbringen, wenn die AfD hier vielleicht den OB stellt? Sind wir dann noch hundertprozentig willkommen?“ Das sind Fragen, die ihn umtreiben. Deshalb ist ihm Reden so wichtig. „Es gibt sicher auf beiden Seiten Vorbehalte.“

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