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Wie geht's für den Kinderbauernhof weiter?

Das Tor zum Hof in Nickern ist wegen der Corona-Krise geschlossen, alle Projekte sind auf Eis gelegt. Dabei sollte hier bald der Höhepunkt des Jahres gefeiert werden.

Die Tiere kennen keinen Shutdown: Robert Heinrich macht Schwein Borsti mit einer Möhre glücklich.
Die Tiere kennen keinen Shutdown: Robert Heinrich macht Schwein Borsti mit einer Möhre glücklich. © Schwein Borsti ist es Marion Doering

Dresden. Keine Fußspuren im Sand. Die rote Wasserpumpe auf dem neuen Matschspielplatz ist arbeitslos. Alles ist still. Nur die Vögel zwitschern. 

Dabei müsste hier, auf dem Kinder- und Jugendbauernhof in Nickern, eigentlich gerade richtig was los sein. Überall müsste gebastelt, geschraubt und geprobt werden. Für diesen Donnerstag stand die Walpurgisnacht mit mehr als 1.000 Besuchern auf dem Programm, der unbestrittene Höhepunkt des Jahres.

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Doch dieses Jahr ist alles anders. Wegen der Corona-Krise ist das Tor zum Hof schon seit Wochen geschlossen. Allerdings lässt sich so ein Bauernhof nicht so einfach zumachen wie eine Bibliothek oder ein Tobeland. Die Schweine wollen versorgt werden, die Schafe, die Hühner und die Kaninchen. Und das nicht nur einmal am Tag. 

Nach einem festgelegten Plan erledigen Chef Robert Heinrich, ein Landwirt und die vier Jugendlichen im Freiwilligen Ökologischen Jahr die wichtigsten Aufgaben, ohne dabei groß Kontakt zueinander zu haben. Viele andere Menschen bieten immer wieder ihre Hilfe an, die Heinrich jedoch leider aus Sicherheitsgründen ablehnen muss.

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"Der Betrieb läuft erst einmal weiter, aber wir vermissen hier alle die Kinderstimmen", sagt Heinrich. Mit Kappe und in kurzen Hosen sitzt der 38-Jährige auf einer Treppenstufe vor dem Kinderbauernhaus, dessen leuchtend gelber Putz in den Augen blendet. Wegen des Wiederaufbaus des früheres Herrenhauses ist Heinrich vor zwei Jahren nach Nickern gekommen. 

Unter seiner Führung ist aus der Ruine ein echtes Schmuckstück geworden. 900.000 Euro hat die Sanierung gekostet. Die geplanten Projektkosten über fünf Jahre sind noch einmal genauso hoch. Das Geld kommt von der Stadt, dem Land und einer Stiftung aus der Schweiz. Doch auch Eigenmittel musste Heinrich mit in den Topf werfen. Sein Arbeitsplatz in einem kleinen grauen Container tauschte er im Februar mit einem Büro im Bauernhaus, in dem es noch nach frischer Farbe riecht.

Für den 27. März war die große Eröffnungsfeier mit 300 Gästen geplant, darunter Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP). Stattdessen ist das Haus ganz im Stillen fertig geworden. Sogar die Küche ist im Erdgeschoss schon eingebaut. "Wir haben 13 Monate lang Gas gegeben", sagt Heinrich stolz, und dass, obwohl das Corona-Virus auch die Arbeit der Gewerke auf der Baustelle immer wieder ausgebremst habe, ganz zu schweigen von den Bauabnahmen durch die Behörden.

Das frisch sanierte Kinderbauernhaus sollte eigentlich Ende März eingeweiht werden.
Das frisch sanierte Kinderbauernhaus sollte eigentlich Ende März eingeweiht werden. © Marion Doering

Egal, jetzt ist ja alles da. Alles, bis auf das Leben, das hier einziehen sollte. In die Gruppenarbeitszimmer, die Proberäume und Werkstätten. Es gibt Platz für Aufführungen, Tagungen, Seminare, ein Atelier und eine Leseecke. Allein, die Kinder sind weg und mit ihnen alle Projekte. "Bis Ende des Schuljahres habe ich schon gedanklich einen Haken dahinter gemacht", sagt Heinrich.

Virtuelle Treffen? Das sei mit dem Sinn des Jugendbauernhofs nicht vereinbar. "Das ist hier ist doch ein Ort der Begegnung, des Miteinanders." Genau dafür haben Eltern das Projekt Mitte der 90er-Jahre ins Leben gerufen. 

Also heißt es für Heinrich, seine Mitarbeiter und all die Kinder vorerst weiter: warten. Denn wann der Kinder- und Jugendbauernhof wieder öffnen darf, das ist derzeit völlig unklar. "Dafür müsste erst einmal definiert sein, was wir überhaupt sind", sagt Heinrich. "Sind wir Jugendbetreuung? Sind wir ein Zoo?"  

So ruhige Zeiten haben die Kaninchen im Stall noch nie erlebt.
So ruhige Zeiten haben die Kaninchen im Stall noch nie erlebt. © Marion Doering

Die Zoos in Sachsen sollen ja ab 4. Mai wieder öffnen. Doch Abstand halten - das sei auf dem Hof einfach nicht machbar. "Da öffnen wir im im Zweifel lieber etwas später." Was aus den Zeltlagern in den Sommerferien wird? Niemand weiß es. 

Robert Heinrich ist selbst in Kurzarbeit, doch er versucht bislang erfolgreich, sich von der Lage nicht verrückt machen zu lassen. "Natürlich gehen uns gerade viele Spenden verloren, allein schon durch den Ausfall der Walpurgisnacht." Den Verlust schätzt er bislang auf 30.000 bis 35.000 Euro. "Doch wir können die Dinge gerade nicht beeinflussen und werden das zusammen durchstehen."

Und immerhin ein paar positive Seiten der aktuellen Lage gibt es ja auch. "Die Natur hier kann sich gut erholen", sagt Heinrich. "An einigen Stellen wächst gerade Gras, wo ich das nie mehr für möglich gehalten hätte."

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