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Triell um das Erbe von Frauke Petry

Nirgends holte die AfD 2017 so viele Erststimmen wie in der Region rund um Pirna. Jetzt kämpfen hier gleich drei Konservative um das Direktmandat.

Im Kreis Sächsische Schweiz- Osterzgebirge kämpft Corinna Franke-Wöller (Mitte) für die CDU. Gegen Ex-Polizist Steffen Janich (re.) und die AfD, aber auch gegen Ex-CDU-Mann Klaus Brähmig (li.) und seine gekränkte Ehre.
Im Kreis Sächsische Schweiz- Osterzgebirge kämpft Corinna Franke-Wöller (Mitte) für die CDU. Gegen Ex-Polizist Steffen Janich (re.) und die AfD, aber auch gegen Ex-CDU-Mann Klaus Brähmig (li.) und seine gekränkte Ehre. ©  [M] Daniel Förster, Daniel Schäfer / Sächsische.d

Pirna. Grau hängt der Himmel über Pirna. Wie ein Vorbote von Unwetter. Bäume, Leinwand und ein Burger-Stand säumen den Park der Musikschule. Gut eine Woche bis zur Bundestagswahl, an diesem Abend sollen die Unter-18-Jährigen abstimmen. „Sagt allen Kumpels und Freunden Bescheid, dass hier was Cooles stattfindet“, sagt die Moderatorin der Wahlparty. „Es ist euer Abend.“ Aus Lautsprechern hallt „Be the Love Generation“.

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Im Wahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge geht es um das Erbe von Frauke Petry. Niemand aus der AfD holte 2017 ein besseres Erststimmenergebnis als die einstige Bundeschefin: 37,4 Prozent. Vier Jahre später ist Petry im politischen Niemandsland versunken. Alle wollen an ihren Erfolg anknüpfen. Niemand an ihr Schicksal.

Mit Bier und Zigaretten kauern Jugendliche am Rand des Parks auf einer Mauer. Ihre Wahl? „AfD“, antwortet ein 13-Jähriger mit blonden Haaren, blauen Augen, marmorglatter Haut. „Damit Deutschland wieder Deutschland wird.“ Heißt? „Dass das schwarze Viehzeug verschwindet.“ Kein Kumpel widerspricht. Manche grinsen. Auch die nächsten Angesprochenen wählen AfD. „Für den EU-Austritt“, erklärt eine Brillenträgerin mit bauchfreiem Top. „Weil wir keine Ausländer wollen“, sagt ein Mädchen, das kaum 1,50 Meter misst. Ein anderer Junge bevorzugt die FDP: „Legalisierung von Gras“, begründet er.

In der Parkmitte wählt ein 15-Jähriger mit petrolfarbenem Shirt und weinroten Sneakers Grün. „Sie haben viele gute Lösungen gegen den Klimawandel parat. Und sie wollen, dass man mit 16 wählen darf.“ Ein Mädchen fragt: „Aber was, wenn ich dann noch gar nicht weiß, was ich wählen soll?“ Der Junge winkt ab: „Hauptsache, nicht AfD.“ Sieben der elf Direktkandidaten sind gekommen. AfD und CDU fehlen. Der Bannewitzer Bürgermeister Christoph Fröse von den Freien Wählern plaudert am einen, André Hahn von der Linken am anderen Ende. Linken-Größe Gregor Gysi ist zum Wahlkampf nach Pirna gekommen, rief: „Wählen Sie André Hahn“ weil „der nervt, und zwar die Richtigen!“ Ein Direktmandat wird Hahn aber kaum holen.

"Es ist nicht so, dass man hier mit einer siegessicheren Haltung antritt", sagt CDU-Kandidatin Corinna Franke-Wöller.
"Es ist nicht so, dass man hier mit einer siegessicheren Haltung antritt", sagt CDU-Kandidatin Corinna Franke-Wöller. © Daniel Förster

Für die CDU versucht Corinna Franke-Wöller, das Mandat zurückzuerobern. „Ich bin bewusst hier angetreten, aber es wird ganz knapp“, sagt die Chefin der Agentur für Wirtschaft und Entwicklung der Bundesregierung. „Es ist nicht so, dass man hier mit einer siegesgewissen Haltung antritt.“ Sie lebt in Freital und arbeitet in Berlin. Viele kennen sie nur als Frau von Innenminister Roland Wöller, ebenfalls Christdemokrat. „Aber das ist mir schnuppe. Ich bin hier Frau von, in Berlin ist er dafür Mann von“, sagt sie. Im Wahlkampf seien die Menschen die ersten fünf Minuten neugierig auf ihren Mann. „Danach spielt es keine Rolle mehr, weil sie merken, dass ich sehr autark bin und sehr anders.“ Sie selbst beschreibt sich als neugierig, sehr lebendig, als Familienmenschen.

In ihrer Kampagne kommt ihr achtjähriger Sohn oft vor, gut erkennbar. Aus CDU-Kreisen heißt es, dass sie sympathisch und unkonventionell sei, aber „Haare auf den Zähnen“ habe. Man hofft, dass sie das Image der Region aufbessern könne, das durch das Etikett als „blaues Wohnzimmer“ gelitten habe.

Motorrad-Jacke mit AfD-Aufnähern statt Polizeiuniform

Den Verteidiger des blauen Etiketts kannten viele jahrzehntelang in seiner Polizei-Uniform. Vergangenes Jahr wurde Steffen Janich der Öffentlichkeit in einer anderen Kluft bekannt. In Motorrad-Jacke mit AfD-Aufnähern marschierte er mit etwa 180 Kritikern der Corona-Maßnahmen über den Pirnaer Marktplatz. Es kam zur Auseinandersetzung mit der Polizei. Eine Versammlung hatte Janich nicht angemeldet. Etwas später wurde er suspendiert.

Die Stimmung bei den Pirnaer „Spaziergängen“ wurde aggressiver. Rechtsextremisten tummelten sich ebenso am Pirnaer Markt wie Hooligans und wütende Rentner. Im Mai eskalierte die Lage, mindestens 30 Gewalttäter attackierten die Polizei. Laut Janich hat er eine deutschlandweite Spaziergangs-Bewegung in Gang gesetzt. Auch an diesem Abend ist er auf dem Pirnaer Markt. Sein Look, erst Staatsdiener, dann Protestbiker, ähnelt mittlerweile dem eines Managers. In schwarzem Anzug mit Krawatte steigt er aus seinem Sprinter, auf dessen Anhänger meterhoch sein Gesicht thront. Janich tänzelt grinsend durch die Menge vor der Bühne. Glatzköpfe in Deutschlandflaggen- und Tarnfleckmuster sind gekommen, Seniorenpaare in Blümchentuniken, Outdoorjacken, geblichenen Jeans. AfD-Landeschef Jörg Urban, Generalsekretär Jan Zwerg und andere Funktionäre reihen sich aneinander. Sie schwören die Menschen darauf ein, dass der Kreis „Wohnzimmer“ bleiben soll.

"Die AfD steht nicht dafür, dass wir keine Ausländer wollen", sagt Steffen Janich.
"Die AfD steht nicht dafür, dass wir keine Ausländer wollen", sagt Steffen Janich. © Marion Doering

Ein Spagat zwischen der Partei des Protests und der, die allmählich etabliert ist, nicht ewig Angriff versprechen kann, ohne zu liefern. Ein Spagat zwischen dem Erfolg von 2017, an den man erinnern möchte, und dem Zerwürfnis mit Petry, auf deren Ticket der Erfolg gegangen ist. „In die Fußstapfen meiner Vorgängerin möchte ich nicht treten“, sagt Janich. Die beiden verbindet eine alte Feindschaft. Janich, in den 1990er-Jahren CDU-Mitglied, war erstmals 2013 in die AfD eingetreten, gründete damals den Kreisverband in Pirna. Ende 2013 trat er wegen Petry aus, sagt er. Es gab wohl Streit mit mehreren in der Partei. Am Tag nach der Wahl 2017 verließ Petry die AfD, er trat wieder ein. Selbst wenn er das Mandat nicht gewinnen sollte, ist ihm der Einzug in den Bundestag fast sicher, er belegt Platz 6 der AfD-Landesliste. Während Touristen am Rand des Markts dinieren, wüten auf der Bühne AfDler über Regierung, Kohleausstieg, Impfungen.

Während Helferinnen abbauen, hat Janich Zeit für Fragen. Politisch verorte er sich da, wo die CDU vor 25 Jahren stand. Ob die U18-Wählerin, die keine „Ausländer“ will, bei ihm richtig liegt? „Die AfD steht nicht dafür, dass wir keine Ausländer wollen“, sagt er. „Wir stehen dafür, dass Migration mit klaren Regeln stattfindet. Jemand, der in seinem Land politisch verfolgt wird, muss eine Möglichkeit auf Asyl haben.“

Hartnäckig und aufbrausend

Das sieht Sachsens Listen-Erster anders. Im Kreis Görlitz wirbt AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla auf Plakaten: „Null Asyl in Deutschland!“ Mit rechtsradikalen Äußerungen ist Janich im Gegensatz zu anderen AfD-Kandidaten öffentlich noch nicht aufgefallen. Distanzieren möchte er sich aber auch nicht. Mit breitem Lächeln erzählt er vom „breiten Spektrum“ der Partei. „Im Osten haben wir einen konservativeren Teil verwurzelt, und dort sehe ich auch mich.“ Als „hartnäckig“ bezeichnet ihn sein Anwalt, ebenfalls AfD-Kandidat und einer Dresdner Erklärung zufolge Ex-Anhänger des „Flügels“. „Aufbrausend“ nennt ihn jemand, der anonym bleiben will.

Janich lebt in Dohma, seine Freizeit füllt er mit Motorradfahren, Kampfsport. Er ist ledig, lebt mit einer deutschen Schäferhündin, einer Katze, Echsen in einem Haus im Wald. Was er fürchtet? Janich denkt nach. „Angst habe ich vielleicht vor der Impfung. Ich bin nicht geimpft.“ Freiheit sei ihm wichtig. Eine Wahlkämpferin um die 50 mit dunkelroten Haaren sagt: „2017 habe ich Petry gewählt, das war ein richtiger Personenkult, wir waren alle so enttäuscht. Diesmal geht es mehr um die Partei als um die Person.“

Den Wahlkampf-Feierabend will Janich mit Kumpels in einer Kneipe verbringen. Über dem Emblem „Zum Anker“ durchkreuzt ein roter Balken ein „3G“. Sprüche plakatieren die Fenster. Von Sophie Scholl, Helmut Schmidt. Und: „Ich werde mein perfekt funktionierendes Immunsystem nicht aufs Spiel setzen.“

Von Laschet ist im Wahlkampf keine Rede

Der nächste graue Morgen auf dem Pirnaer Markt. Polyesterkleider reihen sich aneinander, im CDU-Stand nebenan Lollies und Flyer. Ein Herr mit strähnigen grauen Haaren schleicht vorbei, klagt: „Nüschd los hier. Werde ein Bier trinken.“ Corinna Franke-Wöller, in Babour-Jacke über dem sonnengelben Kleid, lächelt eingefroren, wendet sich anderen Passanten zu: „Darf ich Ihnen einen Apfel geben?“ Hinter ihr umklammern Jung-Unionler Papiertüten für Interessierte. Heute kein leichtes Spiel.

Für Breitbandausbau, neue Bahnanbindungen und nachhaltigen Tourismus wolle Franke-Wöller sich einsetzen. „Die AfD wird auf jeden Fall in der Opposition sein und weiter Politik vom Katzentisch für die Region machen.“ Die CDU nur vielleicht. Den Kanzlerkandidaten Laschet hält die Kandidatin lieber ganz aus dem Wahlkampf raus. „Da gibt es sicherlich Akzeptanzthemen.“ Auch ohne Sieg ist ihr Einzug in den Bundestag dank Listenplatz 8 wahrscheinlich. Niederlagen habe sie schon viele erlebt. „Wenn Menschen mein Vertrauen missbraucht haben. Aber es geht darum, dann trotzdem nicht zum Miesepeter zu werden. Mal läufst du über eine Eisscholle und sie hält, und mal sackst du ein, weil diese Scholle, dieser Mensch, sich anders entwickelt hat.“

Die promovierte Juristin aus Leipzig war einst Juso-Vorsitzende Sachsens. Die SPD von Schmidt und Schröder sei ihre Partei gewesen: „Sehr staatstragend, mit Bekenntnis zur Bundeswehr. Ich bin sehr in Ordnungspolitik und Rechtsstaatlichkeit verhaftet.“ Als die Partei sich von Agenda 2010 und Teilen der Sicherheitspolitik abwandte, trat sie aus und 2013 in die CDU ein. „Keine Partei umfasst einen Menschen komplett. In die alte CDU vor der Wende hätte ich nie eintreten können, frauenpolitisch war das abenteuerlich.“ Das habe Merkel geändert. „Sie hat das Ostdeutsche, Weibliche in die westdeutsche Zigarrenraucherpartei gebracht.“

Verletztes Ego und Eitelkeit treiben Klaus Brähmig an.
Verletztes Ego und Eitelkeit treiben Klaus Brähmig an. © Daniel Schäfer

Ganz entledigt hat die CDU sich ihrer Vergangenheit nicht. Das könnte im Wahlkreis 158 kaum deutlicher werden. Der Mann, der Franke-Wöller entscheidende Stimmen kosten könnte, war 2017 noch für die CDU angetreten. Von 1990 an war der gelernte Elektromeister Klaus Brähmig 27 Jahre lang als CDU-Abgeordneter im Bundestag. Dann verlor er gegen Petry. In der Landkreis-CDU hat der 64-Jährige seitdem fast keinen Rückhalt mehr. Dass der gut versorgte Ex-Berufspolitiker als parteiloser Direktkandidat noch mal antritt, irritiert selbst wohlmeinende Weggefährten. „Verletztes Ego und Eitelkeit treiben ihn an“, sagt einer, der ihn Jahrzehnte kennt.

Die ersten zehn Jahre bis Anfang der 2000er sei Brähmig immer fleißig vor Ort gewesen. 2002 hatte er die meisten Stimmen aller CDU-Kandidaten im Osten. Ein Unternehmer sagt, Brähmig habe für ihn Verbesserungen bei der Energiegesetzgebung erreicht. Ansonsten überraschte der Chef des Tourismusverbands die Öffentlichkeit zuweilen mit Ideen wie einer Bergbahn nach Pirna-Sonnenstein oder Gipfelkreuzen nach bayerisch-katholischem Vorbild in der eher protestantischen Region.

Fast staatsmännisch in schwarzem Anzug mit blaugrauer Krawatte erscheint Klaus Brähmig vergangene Woche beim Wahlforum der Lebenshilfe in Neustadt/Sachsen. In deren Werkstätten arbeiten 210 behinderte Menschen. CDU, AfD, FDP und „Die Basis“ haben abgesagt. Es ist Brähmigs Chance, ohne viel Widerspruch den erfahrenen Bundespolitiker zu geben. Während sich die anderen Kandidaten auf die zugewiesenen Barhocker setzen, bleibt er demonstrativ stehen, erzählt von einer Reise nach Spanien, bei der ein Rollstuhlfahrer dabei gewesen sei. Brähmig habe darauf bestanden, die Weinverkostung von einer oberen Etage ins Erdgeschoss zu verlegen. Er gestikuliert mit beiden Händen, spricht darüber, dass man Themen, die man als richtig erkannt hat, gegen alle Widerstände durchbringen müsse.

In den 1990ern habe man nur da sein und den Hörer abnehmen müssen, schon gab es Geld für die Region, sagt ein Weggefährte. Später habe man Konzepte gebraucht, Werbung für Ideen machen, überzeugen müssen. Da sei Brähmig an Grenzen gestoßen. Die Landkreis-CDU habe er erst verlassen, als sie in eine tiefe Krise stürzte.

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Ex-Parteifreunde befürchten, dass Brähmig bei einer Niederlage eine Art Plan B hege, „Franke-Wöller zu verhindern, um dann sagen zu können, es liegt nicht an mir, in der Region gewinnt einfach kein CDU-ler mehr“. Junge Leute gaben bei ihrer U18-Wahl Brähmig kaum Stimmen. Er holte 3,4 Prozent ihrer Erststimmen. Vorne lag der FDP-Kandidat mit 19,7. Die meisten Zweitstimmen aus dem Wahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gingen an die AfD. Während sie bei der U18-Wahl im Bund nur 5,9 Prozent holte, stimmten in dieser Region 20,1 Prozent der Jugendlichen für die AfD.

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