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„Wir wollen uns als Sport nicht spalten lassen“

Ex-Dynamo-Torwart Oliver Herber vom VfL Pirna-Copitz erklärt im Interview den offenen Appell zum Amateur- und Freizeitsport in Sachsen.

Oliver Herber, 39 Jahre, ist seit 2011 beim VfL Pirna-Copitz als Geschäftsführer tätig. Früher stand er bei Dynamo im Tor, jetzt macht er sich für den Amateur- und Freizeitsport stark.
Oliver Herber, 39 Jahre, ist seit 2011 beim VfL Pirna-Copitz als Geschäftsführer tätig. Früher stand er bei Dynamo im Tor, jetzt macht er sich für den Amateur- und Freizeitsport stark. © Norbert Millauer

Dresden/Pirna. Der offene Appell findet großen Zuspruch. Zunächst allerdings bei anderen Vereinen, also denen, für die sich diese Initiative starkmachen will: für den Amateur- und Freizeitsport in Sachsen. Sie stellen keine Forderungen außer der, gehört und ernstgenommen zu werden mit ihren Problemen durch die Corona-Krise. Sie suchen das Gespräch über eine Perspektive, Training und Wettkämpfe wieder aufnehmen zu können. Initiator für diesen Zusammenschluss ist der VfL Pirna-Copitz. Geschäftsführer Oliver Herber, früher Torwart bei Dynamo Dresden, erklärt im Interview die Hintergründe und das Anliegen.

Herr Herber, wieso hat der VfL gerade jetzt eine solche Aktion gestartet?

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Seit fast einem Jahr ist das Sporttreiben untersagt – mit Ausnahme der kurzen Lockerung im Sommer. In Sachsen registrieren die Vereine bereits 20.000 Austritte, das ist eine alarmierende Zahl. Aus dem Bewegungsmangel resultieren gesundheitliche Gefahren. Wenn wir vom VfL Pirna-Copitz ausgehen: Wir sind ein Verein mit 1.300 Mitgliedern in zwölf Abteilungen, in denen von den Kleinsten bis zu den Senioren im Gesundheitssport quasi alle Altersgruppen aktiv sind. Der Amateur- und Freizeitsport hat eine soziale Dimension und gesellschaftliche Verantwortung. Kontakte und Bewegung sind wichtig – auch auf Abstand.

Andererseits sprechen die wieder steigenden Zahlen eher nicht für Lockerungen. Wie passt die Initiative dazu?

Wir haben uns vollumfänglich an alle erlassenen Verordnungen gehalten, keine Schlupflöcher gesucht und damit den bestmöglichen Beitrag zur Viruseindämmung geleistet. Dieses Vorbildverhalten sollte eine Rolle spielen, insbesondere deshalb, weil es um Kinder und Jugendliche geht. Es ist schwer nachvollziehbar, dass gewisse Gruppen unter bestimmten Voraussetzungen wieder trainieren dürfen, wir jedoch nicht. Das ist eine Ungleichbehandlung, die wir nicht mehr hinnehmen können.

Als Torwart hat Oliver Herber für Dynamo zwischen 2003 und 2008 insgesamt 47 Spiele bestritten, nach einer schweren Schulterverletzung konnte er seine Profi-Karriere jedoch nicht fortsetzen. Heute kickt er ab und zu noch als Stürmer in der Kreisliga.
Als Torwart hat Oliver Herber für Dynamo zwischen 2003 und 2008 insgesamt 47 Spiele bestritten, nach einer schweren Schulterverletzung konnte er seine Profi-Karriere jedoch nicht fortsetzen. Heute kickt er ab und zu noch als Stürmer in der Kreisliga. © Robert Michael

Sie spielen auf die Nachwuchsleistungszentren der Profi-Klubs an …

Wie sollen wir den Kindern und Jugendlichen erklären, warum sie zusammen in die Kita oder die Schule gehen dürfen, aber am Nachmittag nicht an der frischen Luft Sport treiben? Das ist derzeit tatsächlich ein Privileg für die Nachwuchsleistungszentren der Profi-Klubs.

Also geht es darum: Wir wollen auch, was die dürfen. Eine Neid-Debatte?

Nein, es soll überhaupt keine Neid-Debatte sein. Wir wollen uns als Sport nicht spalten lassen. Wir finden es absolut gut und richtig, dass die Nachwuchsleistungszentren wieder trainieren dürfen. Sie können ein Vorreiter sein. Aber der Amateursport hat genauso seine Berechtigung. Wir legen die Basis für die Nachwuchsleistungszentren, indem wir die Talente entwickeln, bevor sie dorthin kommen – zum Beispiel vom VfL zu Dynamo. Wenn der Unterbau wegbricht, bekommt das gesamte System mittelfristig ein Problem.

Profi-Klubs können möglicherweise die hohen Hygiene-Auflagen organisatorisch wie finanziell besser umsetzen als Amateurvereine. Oder?

Wenn ich von uns als VfL rede, haben wir seit Sommer bestätigte Hygienekonzepte für Trainingseinheiten, für Spielbetrieb, für Großveranstaltungen. Die sind umsetzbar und könnten jederzeit aufgefrischt und angepasst werden.

Wären sie denn im Alltag zu stemmen?

Ja, es war beeindruckend, wie viel Zeit die Übungsleiter während der kurzen Öffnungsphase investiert haben, um in kleineren Gruppen zu trainieren. Das ehrenamtliche Engagement ist so hoch, weil alle wollen, dass der Kinder- und Jugendsport weitergehen kann. Es steckt so viel Herzblut drin. Wir bilden nicht nur sportlich aus, sondern vermitteln auch eine soziale Kompetenz. Das kann man nicht hoch genug schätzen, aber im Moment dürfen wir das eben nicht leisten.

Acht Vereine starteten am Montag den Appell.
Acht Vereine starteten am Montag den Appell. © PR

Welche Resonanz bekommen Sie auf den offenen Appell vom Montag?

Absolut positive. In den ersten 24 Stunden seit Veröffentlichung haben sich 20 Vereine angeschlossen. Sie sind dankbar, dass es jemand in die Hand genommen hat.

Was kann die Initiative bewirken?

Wir brauchen eine kräftige, gemeinsame Stimme, um bei Verbänden und politischen Entscheidungsträgern auf unsere Situation aufmerksam zu machen. Der Amateursport hat bisher in keiner Debatte eine Rolle gespielt. Es wurde zunächst über Profi- und Leistungssport geredet, was absolut richtig ist. Aber es jetzt ist es an der Zeit, dass wir mit am Tisch sitzen und eine konstruktive Diskussion führen können.

Wann soll es Ihrer Meinung nach wieder losgehen?

Wir haben keinen Termin formuliert. Uns geht es darum, dass wir gemeinsam Wege finden und aufzeigen, wie wir schnellstmöglich den Stillstand beenden können.
Wie denken Sie an Ihre Zeit bei Dynamo von 2003 bis 2008 zurück?
Das immer noch Gänsehaut pur. Diesen Verein kriegst du nicht mehr aus deinem Herzen. Ich bin ein großer Fan und freue mich, dass Dynamo nach dem Abstieg die Kurve gekriegt hat. Ich kann nur wünschen, dass es wieder nach oben geht. Wenn es die Familie erlaubt, gehe ich auch ins Stadion – sobald es endlich möglich ist.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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Birkwitz-Pratzschwitz, VfL Chemnitz, SpVgg Dresden-Löbtau, Sportfreunde 01
Dresden-Nord, FV Dresden Süd-West, Turbine Dresden, LSV Friedersdorf, SV
Medizin Bad Gottleuba, Großenhainer FV 1990, Heidenauer SV, Lomnitzer SV,
SV Loschwitz, FV Eintracht Niesky, SG Oßling/Skaska, Radeberger SV, SV Eintracht Strehlen, SG Weißig, SG Wilthen und FV Blau-Weiß Zschachwitz.

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