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Was den FC Erzgebirge Aue so besonders macht

Einmal Kumpel, immer Kumpel: Der FC Erzgebirge trotzt der Corona-Krise – weil der Verein weit mehr vorzuweisen hat als Fußball. Ein Vor-Ort-Besuch.

Eine Stadt lebt lila-weiß: Rund 23.000 Einwohner hat Aue, und fast jeder Zweite engagiert sich beim FC Erzgebirge.
Eine Stadt lebt lila-weiß: Rund 23.000 Einwohner hat Aue, und fast jeder Zweite engagiert sich beim FC Erzgebirge. © dpa/Robert Michael

Von Andreas Müller

Aue. Heiko Peter, Chef der Ski-Sparte beim Sportverein FC Erzgebirge Aue, wird heute die langen schmalen Bretter unterschnallen und „garantiert auf die Piste gehen“. Loipen sind zwar nicht gespurt oder gewalzt, aber er wird irgendwo in der Nähe einen Weg durch den Schnee finden.

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Es ist wie Hohn für den Mann aus Schneeberg und seine zwei Dutzend Abteilungsmitglieder, dass nach mehreren milden Wintern ausgerechnet jetzt ein zehn bis 15 Zentimeter dicker Schneeteppich zum sportlichen Treiben einlädt, wo Pandemie und Lockdown gemeinsame Touren verbieten.

Peters Vereinskollegin, Bogenschützin Maren Unger, hat in ihrer Abteilung seit Mitte Oktober niemanden mehr gesehen. Die 56 Hobbysportler behelfen sich seitdem mit Whats-App-Nachrichten oder per E-Mail.

Zweitgrößter sächsischer Sportverein

„Natürlich fehlt der persönliche Kontakt sehr“, sagt Unger, und die 55-Jährige gesteht: „Doch bei Temperaturen ab unter zehn Grad Celsius funktioniert unser Material nicht mehr präzise. Wir sind dann komplett auf die Halle angewiesen, und die Trainingshalle ist geschlossen.“

Wie den Bogenschützen ergeht es derzeit sämtlichen Breitensport-Abteilungen bei Erzgebirge Aue, dem nach Mitgliedern zweitgrößten sächsischen Sportverein hinter Dynamo Dresden. Badminton, Billard, Frauen-Fußball, Judo, Kraftsport, Leichtathletik, Ringen, Schwimmen, Skisport, Tennis, Behinderten-Schwimmen: Der gesamte Amateursport befindet sich wegen des mittlerweile bis Monatsende verlängerten Lockdowns im Winterschlaf.

Die Zwangspause trifft ebenfalls die 44 Jugendlichen im Nachwuchsleistungszentrum Fußball. „Wir mussten alles auf Null herunterfahren“, berichtet Michael Voigt, der zum Jahresbeginn sein zehnjähriges Jubiläum als Geschäftsführer in Aue beging.

Rund um Weihnachten sind die Corona-Neuansteckungen im Erzgebirgskreis mit seinen fast 335.000 Einwohnern noch einmal in die Höhe geschnellt, es gab Inzidenzen jenseits der 500er Marke.

500 neue Mitglieder während der Pandemie

Inzwischen bewegt sich der Wochen-Durchschnitts-Wert bei etwas über 300. „Die Lage hat sich etwas stabilisiert, doch die Ausgangsbeschränkungen gelten weiter“, sagt André Beuthner, Pressesprecher im Landratsamt des Erzgebirgskreises mit der rund 23.000 Einwohner zählenden Großen Kreisstadt Aue-Bad Schlema als Zentrum. In den Straßen geht es ruhig zu, kaum jemand ist unterwegs.

Auch die aktuell 9.129 Mitglieder des Sportvereins haben derzeit kein Ziel. Rein statistisch ist fast jeder Zweite im Ort bei Erzgebirge Aue organisiert, der Großverein zählt momentan rund 500 mehr Hobby-Sportler in seinen Reihen als vor Jahresfrist. Ein für Corona-Verhältnisse erstaunlicher Zuwachs, den Michael Voigt mit den örtlichen Besonderheiten erklärt.

Er spricht von einem „großen Zusammenhalt“, wie er sich vom Wörtchen Kumpel ableiten lässt. Das Kumpelhafte wird in dieser Region einstiger Silber- und Erz-Vorkommen unweit der Grenze zu Tschechien nach wie vor großgeschrieben, auch wenn „Wismut“ und Uran-Bergbau als bedeutendster Wirtschaftsfaktor und als Träger der Betriebssport-Gemeinschaft nach 1990 komplett wegbrachen. „Den Verein zu retten, war damals eine mörderische Herausforderung“, weiß der 48-Jährige, und fast klingt es, als wäre ein Lockdown im Vergleich dazu etwas eher Niedliches.

Sponsoren halten seit Jahrzehnten die Treue

Auch jetzt bleiben die Vereinsmitglieder und die Partner im Erzgebirge ihrer sportlichen Heimat treu, kommen nicht auf die Idee, davonzulaufen. Der Satz „einmal Kumpel, immer Kumpel“ ist hier mehr Lebenseinstellung als nur Motto. „Weil den Leuten der Verein eine Herzensangelegenheit ist, und das hat sich über all die Jahre bestätigt“, betont Geschäftsführer Voigt, und er stellt fest: „Wir haben Sponsoren, die sind schon dreißig Jahre an Bord.“

Zur Kumpel-Mentalität, wie sie im Vereinswappen mit Lila-Hintergrund und dem überall gebräuchlichen „Glück auf“, dem Alltags-Gruß der Bergleute, ihren Ausdruck findet, kommt als zweite örtliche Besonderheit die vorausschauende Vereinspolitik in den vergangenen Jahren.

Die Macher in Aue um ihren Präsidenten Helge Leonhardt vermochten natürlich nicht, die Pandemie und deren Folgen vorherzusagen. Sie wussten jedoch genau, wie ihr eingetragener und gemeinnütziger Verein, unter dessen Dach die Profi-Fußballer als eigene wirtschaftliche Einheit geführt werden, zukunftsfest zu machen ist.

"Investitionsstau" ist in Aue ein Fremdwort

„Von den zehn Jahren, die ich jetzt hier bin, haben wir neun Jahre lang gebaut“, berichtet Voigt. Investitionen in die eigene sportliche Infrastruktur, die nun in der Pandemie ihr ganz besonderes Gewicht erhalten haben – als psychologisch wertvolle Botschaft an die Mitglieder: Seht her, unser Verein lebt und wird trotz Corona eine gesicherte Zukunft haben!

Ein Zentrum für Billardspieler und Bogenschützen steht ebenso auf der Habenseite wie die im vergangenen Sommer eröffnete Leichtathletik-Anlage inklusive eines Funktionsgebäudes. Die allerneueste Errungenschaft ist der Ankauf einer Immobilie im Ortsteil Bad Schlema und ihr Umbau zur Ringer-Hochburg mit drei Matten, Fitness-Räumen und Sauna.

Die Sportstätte steht sowohl den Bundesliga-Athleten als auch allen anderen Kämpfern offen. Womit die Abteilung über ein treffliches Quartier „für die nächsten drei Jahrzehnte“ verfügt, ist sich Vereinspräsident Leonhardt sicher.

Das Wort vom Investitionsstau sei bei „Wismut Aue“ ein Fremdwort. Im Übrigen einer der Hauptgründe, weshalb die Zahl der Vereinsmitglieder gegenüber dem vorigen Jahr sogar noch zugenommen hat.

Vereinsinterne Kommunikation um Fokus

Außerdem sei man bei einem Gesamt-Etat von jährlich rund 20 Millionen Euro finanziell relativ unabhängig. Ein wirtschaftliches Gut, das für die Erzgebirgler angesichts von Pandemie und Lockdowns besonders zu Buche schlägt. Immer vorausgesetzt, auf den Kumpel-Charakter ist weiterhin Verlass und Abmeldungen bleiben die Ausnahme.

Damit die Zahlen selbst in Zeiten sportlicher Passivität stabil bleiben, richtet die Geschäftsstelle ihr Augenmerk nun vermehrt auf die vereinsinterne Kommunikation. Regelmäßige Video-Schalten mit den Spartenleitern und Kontakte der Mitglieder über die sozialen Medien stellen eine wichtige „Normalität im Anormalen“ dar.

Für Voigt gehört das in der Pandemie entscheidend zur Lebens- und Überlegens-Philosophie beim FC Erzgebirge – genauso wie das gemeinsame Mitfiebern, Zittern und Daumendrücken bei den Partien der Profifußballer, die in der 2. Bundesliga trotz Lockdown weiterspielen dürfen.

Fan aus emotionalen wie rationalen Gründen

Manchem bereitet die Ungleichbehandlung Bauchschmerzen. „Solidarisch ist das für meine Begriffe nicht. Warum darf die Bundesliga spielen, wenn Gaststätten und unser gesamter Breitensport und vieles andere schließen muss“, merkt Heiko Peter, der Chef der Ski-Sparte, kritisch an.

Er sei zwiegespalten – weil er andererseits um wirtschaftliche Zusammenhänge vor Ort weiß, die Bogenschützin Maren Unger schnörkellos benennt. „Über den Fußball kommt nun mal das Geld rein“, sagt sie. Im Verein sei man nicht nur aus emotionaler Sicht Fan der Profi-Kicker, der Patriotismus habe zugleich auch rationale Gründe.

Momentan belegt die Mannschaft den sechsten Platz in der Tabelle und ist, wenn man so will, hinter RB Leipzig und Union Berlin die Nummer drei im ostdeutschen Fußball. „Geht es unseren Fußballern gut, dann geht es dem gesamten Verein gut, und das ist gut für die gesamte Region“, bringt Landratsamtssprecher André Beuthner die Verhältnisse auf einen Nenner.

Deutschlandweit einmalige Konstellation

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Die Erzgebirger verlieren die Partie beim SC Paderborn. Schon in den ersten sechs Minuten fielen zwei Tore.

Genau deshalb habe die regionale Politik rund 20 Millionen Euro – und zwar ohne Fördermittel – eingesetzt, um zwischen 2015 und 2018 die Arena im Lößnitzgrund komplett zu modernisieren sowie um einen Fanshop und das Leistungszentrum für den fußballerischen Nachwuchs zu erweitern.

Eigentümer des schmucken Stadions ist übrigens der Landkreis. „Diese Konstellation“, sagt der Mann aus dem Landratsamt und selbst Mitglied im FC Erzgebirge Aue, „ist sicher einmalig in Deutschland.“

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