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Energiewende in Sachsen: "Windkraft im Wald wird kommen"

Wolfgang Daniels sieht Rückenwind für die Energiewende in Sachsen. Ein Interview mit dem Präsidenten der Vereinigung zur Förderung der Nutzung erneuerbarer Energien.

Von Georg Moeritz
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Dr. Wolfgang Daniels, Präsident der Vereinigung zur Förderung der Nutzung Erneuerbarer Energie, im Interview zur Energiewende in Sachsen.
Dr. Wolfgang Daniels, Präsident der Vereinigung zur Förderung der Nutzung Erneuerbarer Energie, im Interview zur Energiewende in Sachsen. © kairospress

Herr Daniels, ist die Krise ein Antrieb für die Energiewende oder eine Bremse?

Die Krise ist nicht gekommen, damit die Energiewende schneller geht – auch wenn uns manche Bürger diese Meinung entgegenhalten. Aber alle wissen jetzt, dass wir unsere Energieversorgung mehr auf eigene Beine stellen müssen. Da sehe ich das Glas halb voll.

Der Windkraft-Ausbau in Sachsen kommt kaum voran. Wie viele Anlagen erwarten Sie in nächster Zeit?

Bis Jahresende werden zehn bis zwölf Windkraftanlagen in Sachsen ans Netz gehen. Das sind Projekte, die acht bis zehn Jahre lang vorbereitet werden mussten. Es lösen sich langsam die Bremsen.

Aber seit diesem Jahr sind in Sachsen 1.000 Meter Mindestabstand von Windkraftanlagen zu Wohnhäusern vorgeschrieben. Ein ernsthaftes neues Hindernis?

Es ist kein unüberwindbares Hindernis, wir können die 1.000 Meter in sehr vielen Fällen einhalten. Es gibt Grenzfälle mit zum Beispiel 995 Metern, da ist noch nicht klar, ob die Genehmigung verweigert wird. Aber es werden ja noch Änderungen von der Bundesregierung kommen, die das wohl relativieren werden. Sachsen muss zwei Prozent der Landesfläche für Windkraft bereitstellen, es sind erst 0,3 Prozent.

Die neue Vorschrift zum Mindestabstand ist lange angekündigt worden. Warum hat Ihre Branche nicht vorher in neue Anlagen in Sachsen investiert?

Es ist kaum gebaut worden, weil es Blockaden gab. Alleine im Erzgebirge haben etwa acht Gemeinden versucht, mit Bebauungsplänen Windkraftanlagen zu verhindern. Das hat auch mein Planungsbüro betroffen. Eine Gemeinde hat nun allerdings vor Gericht eine Niederlage erlitten und gemerkt, dass Anwälte auch Geld kosten.

Daraufhin hat eine Mehrheit im Gemeinderat durchgesetzt, das nicht weiter zu verfolgen. Da kommen wir jetzt endlich ins Genehmigungsverfahren für ein Projekt aus dem Jahr 2015, allerdings haben sich viele Vorschriften inzwischen geändert.

Wird es nun leichter oder schwerer, Windkraftanlagen zu bauen?

Es gibt ein Umdenken in den Behörden. Wo junge Leute in die Genehmigungsbehörden hineinwachsen, weht ein anderer Wind. Im Landkreis Mittelsachsen gibt es einen neuen Landrat, dort wird jetzt ohne ideologischen Hintergrund geprüft. Ich treffe auch in vielen Orten auf junge Bürgermeister, auch von CDU und Freien Wählern, die ganz pragmatisch an das Thema herangehen. Sie sehen Windkraft auch als Einnahmequelle, auf die ihre Gemeinde nicht verzichten kann.

In Brandenburg und Sachsen-Anhalt drehen sich viel mehr Anlagen, ist dort mehr Wind?
Dort ist nicht grundsätzlich mehr oder weniger Wind, sondern die Behörden, zum Beispiel in Brandenburg, waren immer schon positiver eingestellt.

Grüne Energieminister regieren im Bund und in Sachsen, müsste da der Ausbau der Öko-Energie nicht schneller vorankommen?

Es werden jetzt permanent die Bedingungen geändert. Das grüne Energieministerium in Sachsen hat aber nur begrenzte Kompetenzen, was das Genehmigungsverfahren angeht. Das Regional- und Bauministerium ist in CDU-Hand, und man schiebt die Schuld für Verzögerungen hin und her. Da würden wir uns wünschen, dass der Ministerpräsident seine Richtlinienkompetenz einsetzt. Er hat uns für Januar zum Gespräch eingeladen.

"Windkraftanlagen im Wald sollten auf möglichst kleinen Flächen untergebracht werden"

Der Braunkohlekonzern Leag will ehemalige Tagebauflächen für Ökostrom in Gigawatt-Größenordnungen nutzen, wie finden Sie das?

Ja, das wird notwendig sein, um die Industrie mit Wasserstoff aus erneuerbarer Energie zu versorgen – nach meiner Ansicht noch zusätzlich zu den zwei Prozent der Landesfläche für Windkraft.

Gleichzeitig wird in Sachsen über Windkraftanlagen im Wald diskutiert …

Das wird kommen, da bin ich sicher. In Hessen und Rheinland-Pfalz gibt es das schon.

Der sächsische Koalitionsvertrag schließt das doch aus.

Da gibt es aber Lücken, laut Energie- und Klimaprogramm gilt das nicht für alle Flächen. Natürlich soll man keine Windkraftanlagen in Mischwäldern aufstellen, in Biotopwäldern oder sonstigem geschütztem Wald. Aber in Waldfarmen aus Fichten oder Kiefern gibt es geeignete Standorte, die zudem große Abstände zur Wohnbebauung bieten. Natürlich müssten Besonderheiten beachtet werden.