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Warum Radeberger nun doch alkoholfreies Pils braut

Sachsens größte Brauerei Radeberger war immer stolz, ein einziges Pils zu brauen. Doch ein neuer Trend scheint stärker und dauerhafter zu sein als Bier-Moden.

Von Georg Moeritz
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Tafelgetränk des sächsischen Königs - das steht auf dem Radeberger Pils, aber nicht auf den neuen alkoholfreien Flaschen.
Tafelgetränk des sächsischen Königs - das steht auf dem Radeberger Pils, aber nicht auf den neuen alkoholfreien Flaschen. © Georg Moeritz

Radeberg. Verkostung am Bildschirm: Der Radeberger Chefbraumeister Udo Schiedermair hält sein Glas leicht schräg und gießt vorsichtig ein. "Ein bisschen schwenken", rät er und weist auf den "schönen weißen Schaum" hin. Das neue alkoholfreie Pils aus Radeberg sollte beim ersten Test am Mittwoch einen guten Eindruck machen. Vom 24. Januar an kommt es in Handel und Gaststätten.

Journalisten haben mit der Bitte um Verschwiegenheit je zwei Flaschen bekommen. Blaue Folie statt goldfarbener um den Flaschenkopf hilft, die alkoholfreie Sorte von der Traditionssorte zu unterscheiden. Blau hat sich in den vergangenen zehn Jahren als Markierung für Alkoholfreies im Laden durchgesetzt. Noch ein Unterschied: Radeberger Pilsner ist laut Aufschrift Tafelgetränk des sächsischen Königs Friedrich August III. - das wird von der alkoholfreien Sorte nicht behauptet.

Nach genau 150 Jahren Radeberger bekommt das Pilsner also eine alkoholfreie zweite Sorte. Dabei war Sachsens größte Braustätte immer stolz darauf, eine "Monomarkenbrauerei" zu sein, die mit ihrem Pils für den "nationalen Markt" genügend zu tun hatte. Der scheidende Geschäftsführer Axel Frech sagte, es habe immer mal Moden gegeben - Weizen, Craft, Export, normalerweise mit einem unteren einstelligen Anteil am Markt. Daran beteiligte sich Radeberger nicht.

Aufgabe für Radebergs Chef-Braumeister Udo Schiedermair: Er soll einem Bier Alkohol entziehen, aber nicht das Aroma rauben.
Aufgabe für Radebergs Chef-Braumeister Udo Schiedermair: Er soll einem Bier Alkohol entziehen, aber nicht das Aroma rauben. © Radeberger Exportbierbrauerei

Radeberger Spezialausschank bot bisher Clausthaler an

Doch andere Biermarken im Oetker-Konzern, zu dem Radeberger gehört, haben längst Alkoholfreies. Clausthaler, Jever und das sächsische Freiberger gehören dazu. Selbst an der Gaststätte Radeberger Spezialausschank am Dresdner Terrassenufer steht auf der Speisekarte Clausthaler Alkoholfrei neben dem Radeberger Pilsner. Die Gaststätte ist allerdings zu Corona-Zeiten geschlossen.

Axel Frech sagt, der Trend zum Alkoholfreien sei stabil. "Man macht sich nicht mehr darüber lustig." Er gehe jetzt mit 66 Jahren in den Ruhestand und werde auch ab und zu Alkoholfreies neben dem gewohnten Pils trinken. Dann kommt etwas aus dem Werbeblock: Die Rohstoffe für die Getränke aus Radeberg stammen laut Frech "aus der Heimat" - Braugerste aus Sachsen, Hopfen aus dem Elbe-Saale-Gebiet. Das Alkoholfreie enthalte keinen Zucker und wenig Kalorien: Tatsächlich steht 17 Kilokalorien je 100 Milliliter auf der Verpackung, das ist weniger als bei Clausthaler und Freiberger.

Vor anderthalb Jahren fiel laut Frech der Beschluss, das alkoholfreie Radeberger auf den Markt zu bringen. 2018 berichtete die Fachpresse schon einmal über Tests. Die Neuerung kommt in einer Zeit, in der es Brauereien schwer haben. In der Oetker-Bilanz ist die Rede von seit Jahren rückläufigem Bierkonsum und Überkapazitäten. Immer mal wieder ist der Zehn-Liter-Kasten Radeberger für weniger als zehn Euro im Angebot zu finden. Im Geschäftsbericht des Dresdner Konkurrenten Feldschlößchen steht, rund 80 Prozent der nationalen Pilsbiere würden zu Aktionspreisen verkauft.

Brauer haben Fassbier weggeschüttet

Voriges Jahr schlossen Gaststätten, Fassabfüllanlagen wurden zeitweise komplett stillgelegt. Laut Oetker sank der Absatz "der fassbierstarken Hauptmarke Radeberger Pilsner um 5,5 Prozent". Manche Brauer schütteten Fassbier weg, insgesamt laut Deutschem Brauer-Bund im Millionenwert. Für Freiberger aus Sachsen allerdings wurde eine stabile Menge gemeldet.

Die Marktlage sei "angespannt", sagt Olaf Plaumann, der neue Geschäftsführer der Exportbierbrauerei. Der Nachfolger Frechs war bei Radeberger bisher Verkaufsdirektor für die Gastronomie in Sachsen. Er versichert, die rund 250 Beschäftigten der Radeberger Brauerei seien nicht in Kurzarbeit. Schon seien Außendienstler unterwegs, um Großhändlern und Gastronomen die neuen Blaukopfflaschen schmackhaft zu machen.

Der Markt für Alkoholfreies wächst, Fitness ist in. Laut Feldschlößchen-Bilanz macht Alkoholfreies mehr als sieben Prozent der deutschen Bierproduktion aus. Axel Frech wäre "nicht unzufrieden", wenn die neue Sorte in Radeberg nach Erholung des Marktes fünf Prozent zur Menge beitragen würde. Zunächst wird sie nur in Flaschen abgefüllt, nicht in Fässer. Plaumann sagt, noch seien die Mengen nicht so groß, dass Gastwirte dafür Pils von einem Hahn nehmen und eine Leitung für Alkoholfreies freimachen würden. Doch die Kunden ernährten sich zunehmend bewusster.

Sachsens Brauereien alle noch am Markt

Wie viel Bier in Radeberg gebraut wird, verrät das Unternehmen seit Jahren nicht mehr. Es waren mal fast zwei Millionen Hektoliter pro Jahr, doch die Menge dürfte in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft sein. Der große Markteinbruch im Corona-Jahr 2020 traf Sachsens Brauereien allerdings insgesamt nicht so stark wie andere: Von 3,1 Prozent Absatzrückgang im vorigen Jahr auf 752 Millionen Liter aus dem Freistaat berichtete der Sächsische Brauerbund.

Dessen Geschäftsführer Thomas Gläser, auch gerade neu ins Amt gekommen, hat immerhin keine Abmeldungen von Brauereien erhalten. Doch gerade kleine Betriebe hatten es schwer ohne zahlungskräftige Fassbierkunden. 75 Braustätten gibt es im Freistaat - von der kleinen Handwerksbrauerei bis zu den großen: Das sind Radeberger, Sternburg (auch aus dem Oetker-Konzern), Feldschlößchen, Wernesgrüner, Sternquell Plauen, Ur-Krostitzer.

Ein paar Zahlen verraten die Radeberger dann doch noch: 30.000 Tonnen Gerstenmalz kaufen sie pro Jahr. 5.000 Liter pro Stunde kann die Entalkoholisierungsanlage schaffen, die auf dem Werksgelände in Radeberg gebaut wurde. Mehr als fünf Millionen Euro wurden in die Neuerung investiert. Eine neue Mehrweg-Abfüllanlage wurde schon voriges Jahr in Betrieb genommen. Aber seit Juli fahren keine Pferdefuhrwerke mehr das Radeberger in der Bierstadt aus - es gibt weniger Gaststätten, und sie brauchen den Nachschub zu unregelmäßig.

Der Radeberger Spezialausschank am Dresdner Terrassenufer ist aus betrieblichen Gründen zu. Auf der Speisekarte steht aber alkoholfreies Bier aus demselben Konzern: Clausthaler Alkoholfrei sowie Büble Hefeweizen.
Der Radeberger Spezialausschank am Dresdner Terrassenufer ist aus betrieblichen Gründen zu. Auf der Speisekarte steht aber alkoholfreies Bier aus demselben Konzern: Clausthaler Alkoholfrei sowie Büble Hefeweizen. © Georg Moeritz

Zweite Hopfengabe für das Aroma

Udo Schiedermair aber macht Mut. Wenn der Erste Braumeister mit dem rollenden fränkischen "r" von seinen "Sudprozessen" und der "thermischen Entalkoholisierung" berichtet, dann klingt das nach stabiler Lebensmittelproduktion. Bei der Verkostung empfiehlt Schiedermair, einen mittelgroßen Schluck zu nehmen und leicht mit der Zunge zu wirbeln. Er spüre eine feine Textur, und die Bitterrezeptoren im Rachenraum zeigten das typische Radeberger-Aroma an.

Der Braumeister erklärt, dass nicht etwa Radeberger Pils einfach erhitzt und vom Alkohol befreit wird. Dabei würde das Aroma verloren gehen. Vielmehr musste er mit seinen Kollegen ein neues Bier erfinden - natürlich mit der Aufgabe, "das beste alkoholfreie Pilsner" zu kreieren, das es gibt.

Er testete daher viele Grundbiere mit "ausgeprägter Bitterung". Zum kräftigen Geschmack tragen nach seinen Angaben mehr Gerstenmalz und mehr Hopfen im Sud bei. Damit das Alkoholfreie dem Radeberger Pilsner ähnlich schmeckt, bekommt es zweimal Hopfen - und der zweite ist eine neue Züchtung namens Callista. Der Hopfen mit zitrusartigem Aroma werde im Elbe-Saale-Gebiet eigens für die Brauerei angebaut.

Vollständig alkoholfrei ist die neue Sorte nicht, es steht auch nicht groß "0,0 Vol.-%" auf der Flasche wie bei manchen Marken. Nach Angaben des Unternehmens tragen die "geringen Alkoholspuren in Radeberger Alkoholfrei" zum typischen Pilsnergeschmack bei. Laut Packungsaufdruck liegt der Alkoholgehalt unter 0,5 Prozent, während das Radeberger Pilsner 4,8 Prozent hat.

Fernsehwerbung zu Ostern geplant

Bei Blindverkostungen haben Verbraucher nach Angaben des Unternehmens unter acht Bieren das neue Alkoholfreie auf Rang 1 gesetzt. Außerdem gebe es "höchste Akzeptanzwerte" für die Marke Radeberger bei alkoholfreiem Bier, allerdings zusammen mit Krombacher. Das Bier soll nun nach und nach in ganz Deutschland bekannt gemacht werden - erst in Sachsen, um Ostern herum bundesweit mit Fernsehwerbung. Radeberger ist bekannt dafür, die Semperoper in Szene zu setzen.

Über die Neuerung freut sich Thomas Lißner, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten im Raum Dresden. Er befürworte jedes neue Produkt, das die Beschäftigung sichert. Nach Lißners Eindruck haben die Beschäftigten in den großen Brauereien durchaus ordentlich zu tun - zwar braucht die Gastronomie weniger Fassbier, aber der Flaschenverkauf ist gestiegen. Er bringt allerdings weniger Gewinn. Lißners Gewerkschaft hat trotzdem bei den tarifgebundenen Brauereien Gehaltserhöhungen durchgesetzt: Ein typischer Facharbeiter bei Radeberger und den anderen Konzernbrauereien bekomme von Januar an 3.648 Euro im Monat, ab April noch einmal 35 Euro mehr.

Manche Brauereien haben angekündigt, dass sie im neuen Jahr die Preise erhöhen wollen. Darüber müssen sie allerdings mit den Einkäufern der Handelsketten verhandeln. Dazu trägt nun auch das neue alkoholfreie Pils bei.