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Impfen beim Hausarzt: "Es kann sofort losgehen!"

Niedergelassene Ärzte im Landkreis Bautzen drängen darauf, dass sie in die Impfkampagne eingebunden werden. Sie sehen darin viele Vorteile für die Patienten.

Judith Petasch, Fachärztin für Innere Medizin in Kamenz, möchte ihre Patienten gern selbst gegen Corona impfen. Sie und ihre Mitarbeiterinnen sind schon geimpft.
Judith Petasch, Fachärztin für Innere Medizin in Kamenz, möchte ihre Patienten gern selbst gegen Corona impfen. Sie und ihre Mitarbeiterinnen sind schon geimpft. © Matthias Schumann

Bautzen/Kamenz. Die frohe Botschaft zuerst: Ab Anfang April sollen auch Hausärzte Impfungen gegen das Coronavirus in ihren Praxen vornehmen können. Das haben Bund und Länder auf ihrer Konferenz am Mittwoch beschlossen.

Bereits in den nächsten Tagen startet Sachsen ein Pilotprojekt mit 40 Hausarztpraxen, in denen die Immunisierung gegen das Coronavirus eher möglich sein soll. Auch im Landkreis Bautzen bereiten sich Hausärzte gedanklich schon darauf vor. Doch konkrete Vorgaben dafür gibt es noch nicht. Das ist ein Fakt, der viele ärgert.

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"Wir erfahren neue Vorhaben generell erst einmal aus den Medien. Leider wird mit uns immer erst zum Schluss gesprochen", kritisiert Dr. Steffen Fiedler aus Kamenz. Die Kommunikation lasse oft zu wünschen übrig.

Kassenärztliche Vereinigung kennt noch keine Details

Natürlich wolle auch er mit seiner Praxis in der Kamenzer Altstadt gern mitwirken an der Immunisierung der Bevölkerung. "Doch es müssen alle Grundlagen und Abläufe detailliert geklärt sein", sagt er. Die Voraussetzungen zum Impfen habe jeder Hausarzt. "Wir tun so etwas ja nicht zum ersten Mal. Natürlich stelle ich mir hier keinen Kühlschrank hin, der für Impfstoffe bis minus 70 Grad geeignet ist", sagt Steffen Fiedler.

Doch selbst die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen kann derzeit nichts Konkretes zum künftigen Prozedere sagen. "Sobald der KV Sachsen ein neuer Stand vorliegt, werden wir darüber informieren", teilt Sprecherin Katharina Bachmann-Bux auf Nachfrage von Sächsische.de mit.

In Deutschland gibt es 60.000 Hausarztpraxen, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kürzlich vor der Presse. Wenn diese neben den Impfzentren alle in die Impfungen einbezogen und jeweils mindestens 100 Impfdosen in der Woche bekommen würden, müssten allein dafür sechs Millionen Dosen zur Verfügung stehen. Derzeit gebe es jedoch wöchentlich nur zwischen einer und 1,5 Millionen Impfdosen.

Dennoch steht nun fest: Die Impfung bei den Hausärzten wird kommen. Viele von ihnen sagen dazu: "Das ist längst überfällig!"

"Man hat uns Vertrauen abgesprochen!"

Auch Judith Petasch aus Kamenz ist frustriert, dass es überhaupt so lange gedauert hat. "Wir impfen gefühlt seit hundert Jahren, sind keine Anfänger", sagt die Fachärztin für Innere Medizin. "Ich persönlich empfinde es als Bevormundung, dass man es uns regelrecht untersagt hat", meint sie. "Damit hat man uns auch Vertrauen abgesprochen."

Dabei haben Hausärzte einen Vorteil gegenüber anonymen Impfzentren. "Keiner ist näher an den Menschen dran. Wir kennen Krankengeschichte und Patienten persönlich", betont Judith Petasch. Ein Blick in ihre Praxis-Software genüge und die Impfkandidaten wären schnell herausgefiltert - nach Alter und Diagnose.

Zudem hätten viele Patienten oft uneingeschränktes Vertrauen in den Hausarzt. So ließe sich auch das schlechte Image des AstraZeneca-Vakzins durch ein persönliches Gespräch abschwächen, ist sich Judith Petasch sicher. Auch falle es vielen Älteren schwer, sich online einen Termin im Impfzentrum zu besorgen.

Patienten schon vorab informiert

Ihre Praxis arbeitet seit langem digital. Für sie sei es ein Leichtes, mit dem Impfen zu starten. "Ich habe die betreffenden Patienten, die bald geimpft werden könnten, vorab informiert. Wir würden sie zeitnah anrufen und Termine vergeben. Viele Patienten haben mir schon zugesagt, dass sie sich mit AstraZeneca impfen lassen wollen", sagt die Hausärztin. "Sollte es Ende März Impfstoff geben, würde ich sogar meinen Urlaub dafür schieben."

In Sachsen können auch Menschen, die unter 65 Jahre alt sind und bestimmte Vorerkrankungen haben, jetzt schon geimpft werden. Doch aktuell müssen sie erst zum Hausarzt und sich die Diagnose bescheinigen lassen, bevor sie sich für einen Termin mit dem AstraZeneca-Vakzin registrieren können. Auch das würde wegfallen, wenn die Hausärzte selbst impfen könnten.

Hausärztechef: Skandalös, dass Impfstoff liegenbleibt

"Es wird schon langsam skandalös, dass Menschen sterben oder schwer erkranken, während große Mengen an Impfstoffen zwar vorhanden sind, aber nicht verabreicht werden", sagte der Landesvorsitzende des Sächsischen Hausärzteverbandes, Steffen Heidenreich, am Mittwoch gegenüber der Presse.

Dr. Anna Reiche, die ihre Arztpraxis in Kleinwelka bei Bautzen betreibt, sieht im Impfen beim Hausarzt ebenso nur Vorteile für die Patienten. "Ich kann sofort mit dem Impfen beginnen. Ich würde die Sprechstunde umstrukturieren und einzelne Tage erweitert anbieten. Viele Patienten wollen geimpft werden. Aufgrund der Kenntnis ihrer Grunderkrankungen würde die Priorisierung ohne viele zusätzliche Formulare vonstatten gehen", sagt sie.

Gerade den vorherrschenden Bürokratismus finden viele Ärzte unerträglich. "Wir könnten viel weiter sein! Und es würde dem Staat Geld sparen", sagt Judith Petasch mit Hinweis auf die extrem hohen Kosten eines Impfzentrums.

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