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War die dritte Corona-Welle wirklich nicht vorhersehbar?

Die Inzidenz steigt, die britische Mutante dominiert. Manch Politiker will von der Entwicklung nichts gewusst haben. Doch war das nicht absehbar? Ein Faktencheck.

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Ein Intensivpfleger arbeitet in Schutzausrüstung auf der Intensivstation des Krankenhauses Bethel in Berlin an einem Corona-Patienten.
Ein Intensivpfleger arbeitet in Schutzausrüstung auf der Intensivstation des Krankenhauses Bethel in Berlin an einem Corona-Patienten. © Kay Nietfeld/dpa (Symbolbild)

Die Politik reagiert mit Lockdown-Verlängerung auf die steigenden Corona-Zahlen. Manche Entscheider äußern sich verwundert über die Entwicklung mit der britischen Variante B.1.1.7. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sagte in dieser Woche in Wiesbaden: "Was können sie in einer solchen Situation machen, die sich eben grundlegend verändert hat?" Er fügte hinzu: "Jeder, der behauptet, das hätte man alles schon vor acht Wochen wissen müssen - mit sowas will ich mich nicht auseinandersetzen."

CDU-Chef Armin Laschet hoffte beim Coronavirus auf bremsende Faktoren. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen sagte am Mittwoch im Landtag: "Wir alle hatten die Hoffnung, aus der Erfahrung des letzten Jahres, dass wenn der Frühling kommt, es wärmer wird, die Virus-Ansteckung zurückgeht und die Zahlen sinken. Wir erleben im Moment genau das Gegenteil."

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Behauptung: Die Politik konnte die aktuelle Situation so nicht voraussehen.

Bewertung: Wissenschaftler haben seit mindestens Ende Januar vor den derzeit steigenden Corona-Zahlen gewarnt.

Fakten: Wer sich derzeit mit dem Coronavirus infiziert, hat es in den meisten Fällen mit B.1.1.7 zu tun. Der Anteil der Variante in Deutschland beträgt laut Robert Koch-Institut (RKI) über 70 Prozent. Vor etwa eineinhalb Monaten waren es noch 6 Prozent.

Ein Grund für die rasante Ausbreitung: B.1.1.7 ist ansteckender. Nach Studien aus Großbritannien und den USA vermehrt sich die Variante um 35 Prozent stärker als das herkömmliche Coronavirus. Eine aktuelle Studie aus der Schweiz kommt auf eine Steigerung von 50 Prozent.

Obwohl Anfang Januar noch nicht gesichert feststand, wie ansteckend und tödlich die neue Variante ist, warnten Wissenschaftler die Politik schon damals vor den Auswirkungen auf die Infektionszahlen. Vor allem in Großbritannien hatte sich die Entwicklung angekündigt, als die Inzidenz dort Anfang Januar 2021 einen neuen Höchststand erreichte.

Ein Beispiel dafür ist die "No-Covid"-Strategie. Am 21. Januar 2021 erschien dazu in der medizinischen Fachzeitschrift "Lancet" ein Aktionsplan renommierter Wissenschaftler. Darin warnten die Forscher vor den ansteckenderen Varianten und forderten einen "Plan für sofortiges pan-europäisches Handeln". Beteiligt waren unter anderem Melanie Brinkmann, Virologin vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung, Viola Priesemann, Physikerin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen, und Clemens Fuest, Präsident des Münchner ifo-Instituts.

Auch das RKI warnte bereits am 5. Februar: "Es ist mit einer weiteren Erhöhung des Anteils der Virusvariante B.1.1.7 zu rechnen."

In deutschen Medien äußerten sich daraufhin immer wieder Wissenschaftler und sprachen von der Gefahr durch die ansteckenderen Virusvarianten. "Es gibt keinen Grund, warum die Variante in Deutschland eine andere Übertragbarkeit haben sollte als in England", sagte Michael Meyer-Hermann, Epidemiologe vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, am 5. Februar der "Süddeutschen Zeitung". Meyer-Hermann verband damit einen Appell an die Politik: "Die aktuellen Maßnahmen reichen nicht aus, um B.1.1.7 zu kontrollieren."

Die Virologin Melanie Brinkmann warnte Anfang Februar, auch bei einer Inzidenz von knapp unter 50 könnten Lockerungen "fatal" sein. "Die Zahlen würden sofort wieder steigen. So eine Mittelinzidenz bedeutet letztlich eine Art Dauer-Lockdown, aus dem man nur zwischendurch mal kurz auftauchen und nach Luft schnappen kann", sagte die Wissenschaftlerin vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung dem "Spiegel".

Auch wissenschaftliche Modelle zeigten steigende Infektionszahlen. Physikerin Viola Priesemann sagte am 12. März im Deutschlandfunk: "Derzeit zeigen eigentlich alle Szenarien auf ein Wachstum und eben auch auf ein exponentielles Wachstum, was eher sogar noch schneller wird in den nächsten Wochen, weil das B.1.1.7 dominiert."

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Die Hoffnung von Armin Laschet auf einen mildernden saisonalen Effekt teilen Wissenschaftler nicht. Virologe Ulf Dittmer etwa sieht die Gefahr, dass Umweltfaktoren wie höhere Temperaturen und der vermehrte Aufenthalt im Freien "von den Mutanten aufgefressen werden", sagte der Direktor des Instituts für Virologie des Uniklinikums Essen am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Bereits Anfang Januar warnte Dittmer: Sollte sich eine "infektiösere Variante" wie die zuerst in England aufgetretene Mutation hierzulande stärker verbreiten, steige auch draußen die Gefahr. (dpa)

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