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Dresdner Schrebergärten: Harmonie und Entspannung

In den Kleingarten- und Schreberkolonien suchen Menschen die Natur. Vor 110 Jahren wurde ihr Verband gegründet.

Die Kleingartenvereine sind auch Begegnungsort. Die Ansicht zeigt die Fertigstellung des Vereinshauses im Verein „Drescherhäuser“ 1927.
Die Kleingartenvereine sind auch Begegnungsort. Die Ansicht zeigt die Fertigstellung des Vereinshauses im Verein „Drescherhäuser“ 1927. © Dresdner Gartenfreunde/ Dawo

Kleingärten kommen wieder in Mode. Es gebe immer mehr junge Familien, die sich für einen Garten interessieren, sagte der Erste Vorsitzende des Stadtverbandes „Dresdner Gartenfreunde“, Frank Hoffmann. Sie wollten mit ihren Kindern erleben, wie die Früchte und Pflanzen wachsen. Wie schon vor 110 Jahren, als am 16. Januar 1911 der Verband „Dresdner Garten- und Schrebervereine“ gegründet wurde, gehe es um die Verbindung zur Natur und schadstofffreies Obst und Gemüse aus eigenem Anbau. Unter dem Dach des Stadtverbandes sind 360 Kleingärtnervereine mit etwa 49.680 Kleingärtnern vereinigt.

Die Vorbereitungen hatten 1910 begonnen. Die Dresdner Kleingartenvereine wollten sich mit einer gemeinsamen Interessenvertretung gegen die Erhöhung von Pachtpreisen oder die Kündigung der Gartenflächen wehren. So schlossen sich 12 Garten- und Schreberkolonien zusammen, 14 weitere damals existierende Vereine traten dem Verband zunächst nicht bei. Erster Vorsitzender wurde der Posamentierer Alexis Grothkarst vom Gartenverein „Sommerlust“. Im Mai 1912 nahm der Vorstand Kontakt zu den Stadtverordneten auf. Erste Gärtner in Dresden waren wohl Mönche des 1272 gegründeten Klosters am Taschenberg. Später nutzen die Bürger freie Stellen entlang der Stadtmauer vor dem Wallgraben oder auch die Viehweide vor dem Wilsdruffer Tor als Gartenland. Die Kurfürsten förderten den Gartenbau. Zwischen Schloss und dem Taschenberg befand sich der alte Hofgarten.

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Dresdens erste Garten-Kolonien: Erholung I

Die Idee des Schrebergartens ist allerdings in Leipzig.entstanden. Es ging um die Verbindung von Bewegung in freier Natur und der Ernährung mit Obst und Gemüse aus eigenem Anbau, um Sauerstoff, Entspannung, Freude, Harmonie und Lust am Schönen. Namensgeber war der Arzt Moritz Schreber, der mit Gärten jedoch selbst gar nicht so viel am Hut hatte. Doch in der Messestadt wurde ein „Schreberplatz“ angelegt, eine Art Spielwiese für Kinder von Fabrikarbeitern. An dessen Rand wurden unter anderem „Kinderbeete“ angelegt, die wohl wegen der räumlichen Nähe zum Platz die ersten „Schrebergärten“ wurden.

Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Industrialisierung in Dresden immer mehr Fahrt aufgenommen. Die Bevölkerung war bis 1871 auf rund 177 000 Einwohner gestiegen. Die hygienischen Verhältnisse vor allem in den Arbeiterwohnvierteln waren unbefriedigend. Naturheilvereine wollten mit natürlicher und hygienischer Lebensweise den Missständen begegnen. Aus dieser Bewegung heraus entstanden die ersten Schreber- und Gartenkolonien wie etwa 1892 „Am Güterbahnhof Dresden-Neustadt“ und „Am Abzweig Pieschen“, 1905 „Am Trachauer Bahnhof“, „An der Reichsbahn“, „Erholung I“ und 1909 „Immergrün“. Das waren zunächst Betriebsgärten vor allem der Reichsbahn und der Brauereien zur Versorgung ihrer Arbeiter und Beamten. „Der damalige Direktor der Spirituosenfabrik Bramsch kaufte neben anderen Flurstücken auch eine vier Hektar große Parzelle zur Errichtung von Kleingärten“, wurde in der Chronik des Vereins „Immergrün“ berichtet.

Erich Kästner hielt in seinen Erinnerungen „Als ich ein kleiner Junge war“ die Sehnsucht der Mietskasernenbewohner in der Neustadt nach einem Vorgärtchen mit Blumen fest. Während des Ersten Weltkrieges ging es bei der Kleingartenarbeit in erster Linie um den Anbau von Gemüse und Kartoffeln zur Versorgung der Bevölkerung. Die Stadt übertrug den gesamten Brachlandbau den Schrebervereinen. In einem Jahr ernteten die 21 Vereine, die damals dem Verband angehörten, 2.715 Zentner Kartoffeln, 4.155 Zentner Gemüse und 1.051 Zentner Obst sowie Beeren. Das Verbot der Kleintierhaltung in den Kleingärten wurde aufgehoben.

Beitrag zur Ernährungswirtschaft

Zu den Verbandshöhepunkten nach dem Krieg zählte die Tagung des Reichsverbandsvorstandes 1924 in Dresden sowie die Schrebergartenausstellungen 1925 und 1926. Zu Beginn der 1930er-Jahre schlug die Notzeit der Weltwirtschaftskrise auch auf die Kleingartenvereine durch. 1931 waren mehr als 21 Prozent der dort organisierten Kleingärtner erwerbslos, gut 9,5 Prozent waren in Kurzarbeit. Die Vereine versuchten, ihre Mitglieder zu unterstützen. Mit einer „Erzeugungsschlacht“ von Obst und Gemüse war das Kleingartenwesen während der Nazi-Zeit in die Kriegsvorbereitungen eingebunden. Gegen Kriegsende ab 1944 wurde das Ziel ausgegeben, auf „alle Schönheitsarbeiten“ zu verzichten und nur noch Arbeiten zur Steigerung des gärtnerischen Ertrags durchzuführen.

Nach Kriegsende hatten die Kleingärtner einmal mehr ihren Beitrag zur Ernährungswirtschaft zu leisten. Viele Trümmerflächen und Parkanlagen wurden zum Anbau von Gemüse und Kartoffeln genutzt. Schon im November 1945 wurde von der Stadt Kleingartenland an Interessenten verteilt. Ausgenommen waren „frühere Mitglieder der NSDAP und ihrer Gliederungen“. Die Kleingartensparte „Bühlauer Waldgärten“ verwandelte den ehemaligen Golfplatz am Rand der Dresdner Heide in Gartenland. In den Sparten wurde Mais an den Wegen und auch Tabak angebaut. 1988, ein Jahr vor der politischen Wende in der DDR, gab es in der Stadtorganisation Dresden des „Verbandes der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter“ (VKSK), wie er damals hieß, 359 Kleingartensparten, Siedler- und Mietergartenanlagen.

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